bei uns! hart daniederlag und zuweilen so heftig schrie, dass man es aus Friedrichstadt in Altdresden hörte; jene hatte elf unerzogne Kinder zu haus, wovon neune schon seit Jahr und Tag gefährlich krank lagen, der Mann war an Händen und Füssen lahm, und sie, für ihre selbsteigne person, hatte einen grossen Ansatz zur Wassersucht – es war ein Jammer, dass es einen Stein in der Erde hätte erbarmen mögen; ein Bursche, frisch und gesund, hatte einen gichtbrüchigen Grossvater, zwei lahme Eltern und dreizehn ungesunde Schwestern zu haus, die alle mit der englischen Krankheit behaftet waren. Heinrichs Herz zerschmolz von tiefgerührtem Mitleide bei ihren Tränen, Zähren traten ihm ins Auge, und er hielt es für seine Pflicht, so höflichen Leuten mit einer reichlichen Wohltat für ihren Glückwunsch zu danken.
Er wunderte sich gegen den Lohnlakai, als er den Tisch deckte, ausserordentlich über die zahlreichen Familien hierzulande und versicherte, dass dergleichen bei ihm zu haus gar nicht zu finden wären. – "Ach", antwortete der Lakai lachend, "glauben Sie's denn? Sie werden's nicht ungnädig nehmen, Sie sind noch ein junger Herr und zu guterzig:solchen Leuten müssen Sie nichts geben oder doch sehr wenig; das ist eitel loses Gesindel." –
"Aber sie taten doch so kläglich, dass man gerührt werden musste." –
"Ach", erwiderte der Lakai mit dem nämlichen lachen, "für zwei Dreier weinen Ihnen die Leute eine halbe Stunde, wenn Sie's haben wollen. Man könnte hier ein Raritätenkabinett von Bettlern anlegen: in den schönsten Kleidern gehen sie herum wie die Pfauen; sie brauchen's freilich: aber sehen Sie, gnädiger Herr – ich weiss nicht, ob ich Sie recht tituliere –, sehen Sie! wenn ich etwas zu sagen hätte, das Ding sollte ganz anders werden." -Heinrich befragte ihn, wie er das zu machen gedächte. -"sehen Sie!" erwiderte der Lakai, "wenn ich etwas zu sagen hätte – befehlen Sie etwa die Suppe?"
Er ging, trat mit ihr herein, und mit dem Hereintreten begann er schon wieder: "sehen Sie! wenn ich etwas zu sagen hätte – befehlen Sie auch Wein?"
Er holte ihn; und so trat er sechsmal ins Zimmer mit einem "sehen Sie! wenn ich etwas zu sagen hätte" – und erkundigte sich jedesmal nach einem Bedürfnisse: denn er hatte das Unglück, dass er nicht eher an den Löffel dachte, als bis die Suppe dastand, noch ans Messer, als bis man das Fleisch schneiden wollte. Da alle Notwendigkeiten auf die Weise einzeln herbeigeschafft waren, drang Hermann von neuem in ihn, sein Bettlerprojekt zu entdecken: denn der guterzige Bursche, der noch zu wenig fremdes, wahres und erdichtetes Leiden kannte, um ihm nicht sogleich abhelfen zu wollen, hatte während des Essens bei sich selbst ernstaft überlegt, wie man's dahin bringen könne, dass niemand mehr in der Welt arm und elend sei. – "sehen Sie!" fing der Bediente wieder an, "wenn ich etwas zu sagen hätte – sehen Sie! da sagt' ich den Leuten geradezu: 'Ihr sollt nicht betteln!', und wer's dennoch täte, der müsste – befehlen Sie, diesen Nachmittag auszugehn?"
Das Projekt blieb abermals stecken und kam auch zeitlebens nicht völlig zum Vorschein.
Zweites Kapitel
Das erste nötige Geschäfte war, Schwingers Briefe zu überliefern. Er wollte sich zu dem Ende mit seinen schönen, schwarzen Sonntagsbeinkleidern, mit stattlich breiten genähten Manschetten und der ganzen übrigen Feierkleidung schmücken, die er ausgebreitet unterdessen auf den Tisch legte, um sich von dem ankommenden Friseur adonisieren zu lassen. Der kurze, dicke Pudergeist nennte ihm eine Menge Frisierarten her und bat, darunter auszulesen, und frisierte und schwatzte unaufhörlich, ohne ihm Zeit zur Wahl zu lassen. Heinrich war noch ganz bei den Bettelleuten mit seinen Gedanken und fragte auch bei dem Friseur an, ob man denn gar nichts täte, um dem Elende der armen Leute abzuhelfen. Der Friseur hielt inne, reckte ihm sein rechtes Ohr dicht vor den Mund hin und schrie: "Was?" – Heinrich wiederholte seine Frage. – "O ja!" antwortete der Bursche und hieb mit weit ausgeholtem Kamme keuchend in die Haare hinein – "o ja! man trägt sie jetzt einen Finger breit überm Ohre."
Heinrich merkte, dass er ihn nicht verstanden hatte, und weil er's für unhöflich hielt, zum drittenmal zu fragen, liess er's dabei bewenden. Die zahlreichen Familien hierzulande fielen ihm wieder ein, und er erkundigte sich bei dem Pudergotte, wieviel er Schwestern habe.
"Welche Sie befehlen, junger Herr!" schrie der Friseur. "Eine offne, eine lange, eine kurze, eine dicke, eine dünne-ich mach sie, wie Sie befehlen."- Abermals missverstanden! So setzten sie das Gespräch eine Zeitlang fort: immer tat er das Gegenteil von dem, was Heinrich verlangte. Beim Abschiede wollte er kein Geld nehmen, weil er schon auf den künftigen Morgen wieder bestellt war: Heinrich fand die Höflichkeit etwas übertrieben und drang in ihn, ein Geschenk anzunehmen, da er den Preis seiner Arbeit nicht bestimmen wollte: allein der taube Friseur machte einen Reverenz und wackelte fort, ohne auf seine Bitten zu hören.
"Dergleichen Höflichkeit hätt ich mir beim ersten Eintritte