mittelbarerweise beleidigt und öffnete ihre Lippen zu Herrmanns Verteidigung, befragte ihn noch einmal Punkt für Punkt, er antwortete Punkt für Punkt wie zuvor: die ganze Gesellschaft erklärte ihn für einfältig, und der Torschreiber liess mit verächtlichem Mitleid seinen Zorn erlöschen und den Wagen fahren.
Man stieg aus, der unerfahrne Heinrich wollte seine Habseligkeit herausnehmen: gebieterisch wurde er davon zurückgescheucht – neue Verlegenheit! Er stand neben dem Schilderhäuschen und sann ernstaft nach, warum man ihm sein paar Hemden und die schwarzen Sonntagsbeinkleider nehmen wolle – denn er gab sie für ganz verloren –, er bildete sich ein, dass es ebenfalls so auf Befehl geschehe, wie er um seinen Namen befragt worden war: und mit vieler Bewegung nahm er bei sich von den schönen Sonntagsbeinkleidern Abschied, als man sein Kufferchen ins Haus schaffte. Nun betrübte er sich erst, dass er seine Vaterstadt, wo ihn jede Katze kannte, hatte verlassen und in ein Land auswandern müssen, wo er nichts als fremde Gesichter sah: ausserdem war er so lange her Schwingers sanfte, gefällige Freundlichkeit gewohnt, er war nie anders als in gütigem Tone angeredet worden: doch hier sprach jedermann so scharf und rasch, dass er alle Leute in grauen, gelben, blauen Röcken, die bei dem Abpacken herumwimmelten, für erzürnt hielt; und auf die hastige Frage, welches sein Kuffer sei, näherte er sich ihm furchtsam und wies, ohne reden zu können, halb zum Fliehen fertig, mit dem Zeigefinger darauf. – "Dieser?" fragte der Postbediente mit der nämlichen Hastigkeit noch einmal. – Er flüsterte ein halbverschluckte "Ja". Eine Minute darauf fragte ein Mann im grautuchnen Überrocke abermals nach seinem Kuffer: er konnte gar nicht begreifen, warum sein bisschen Habseligkeit alle die Leute so sehr interessierte: allein dieser Mann tat seine Anfrage leutselig und mit einem, tiefen Grusse; das gab ihm Mut: er antwortete hurtig mit einer Verbeugung von der ersten Grösse: der Mann ersuchte ihn, zu öffnen: ehrfurchtsvoll nahm er den Hut unter den Arm und schloss eilfertig auf. Die Entdeckung war bald gemacht, dass er nichts Strafbares entielt, und es wurde erlaubt, ihn wegzuschaffen: wie seinem Freunde, seinem Wohltäter, drückte er dem mann die Hand und dankte verbindlich, dass er ihm den Kuffer wiedergeschenkt habe: der Visitator reichte ihm sehr freundlich die Rechte dar und zog sie, verdriesslich über den leeren Dank, langsam wieder zurück.
Die Not war noch nicht aus. Verlassen stand der arme Bursche da, und niemand bot ihm eine wohnung an. Die überhäuften Gegenstände, das Getöse, der Sturm des Torschreibers hatten ihn so verwirrt, dass es um alle seine Besonnenheit geschehen war: Unerfahrenheit im Weltlaufe macht auch den besten Verstand blöde, und scharfsinnige Gelehrte haben sich bei ähnlichen Gelegenheiten, wenn sie ihnen zum ersten Male aufstiessen, nicht mit grössrer Entschlossenheit betragen als Heinrich. Er ging auf und ab und dachte mit Herzeleid an das Schloss des Grafen von Ohlau zurück, wo er mit römischen Kaisern und griechischen Feldherrn wie mit Brüdern umging, wo ihm regelmässig Essen und Trinken gebracht wurde, ohne dass er einen laut darum verlor, und hier! – ach! hier bekümmerte sich niemand um ihn, als wenn er gar nicht unter die essenden und trinkenden Kreaturen gehörte. Ein geschäftiger Gelbrock rennte vor ihm vorbei:
Heinrich fragte ihn sehr höflich, wo er wohnen sollte: Der Mann hielt ein wenig an, sah ihm starr ins Gesicht: jener wiederholte mit einer tiefen Verbeugung seine Frage – "wo Sie wollen!" antwortete der Gelbrock hastig und ging. Eine solche Lieblosigkeit war über alle seine Begriffe.
Endlich erschien der Lohnlakai und erkundigte sich, den Hut in der Hand, sehr menschenfreundlich, ob er eines Bedienten benötigt sei. "Ach, wenn ich nur erst wüsste, wo ich wohnen sollte!" sprach Herrmann mit einem tiefen Seufzer. -Nun wurde bald Rat geschafft: mit einer Eilfertigkeit, als wenn er sich den Kopf zerstossen wollte, lief der Lakai die Treppe auf, Treppe ab und lud ihn kurze Zeit darauf mit vielen Komplimenten auf das Zimmer ein. Heinrich, der den geputzten Lohnlakai für nichts weniger als einen Lakai hielt, komplimentierte mit ihm die Treppe hinauf und dankte in einem Atem für seine Gütigkeit. Wie hatte sich die Szene plötzlich verändert! Nunmehr erkundigte sich sein neuer Botschafter alle Augenblicke, ob er dies, ob er jenes bedürfe, bat ihn, nur zu befehlen, und er entschuldigte sich sehr liebreich, dass er ihn nicht bemühen wolle: er mochte nur reden, nur winken, und man war zu seinem Befehle. Er schien sich jetzt ein kleiner Zeus, der von der Höhe seines tapezierten Zimmers mit einem Hauptschütteln eine kleine Welt regierte. Es fanden sich sogleich eine grosse Menge Leute ein, die ihm ihre Waren anboten: er dankte mit vieler Güte für ihre Bemühung und fand die Menschen hierzulande ungleich liebreicher als in seiner Vaterstadt, dass sie so für das Wohlsein der Fremden besorgt waren. Der Zulauf wurde immer stärker: Mannspersonen und Weiber kamen und wünschten ihm zu seiner Ankunft Glück. – 'Da sieht man recht', dachte er bei sich, 'wie es in der grossen Stadt anders ist als bei mir zu haus! Das heisst doch Höflichkeit!' – Die höflichen Leute fingen an, ihm ihr Elend mit der höchsten Bettlerberedsamkeit vorzustellen; dieser hatte eine todsterbenskranke Frau zu haus, die nun seit Jahr und Tag an der Schwerenot, Gott sei