1780_Wezel_105_76.txt

Das ganze beseelte Gemälde drang mit stürmischer Gewalt auf alle seine Sinne los: er konnte sich nicht eher als bei der nächsten Einkehr von der Berauschung so mannigfaltiger, überfüllender Bilder erholen. Indessen dass die übrige Gesellschaft sich in der dumpfen Wirtsstube mit dem Frühstück labte, schlich er einsam und tiefdenkend längs dem dorf hinan. Bald ging er in Gedanken mit Ulriken so fröhlich und schäkernd durch die arkadischen Fluren, wie er kurz vorher Bäuerinnen mit ihren glücklichen Liebhabern zur Arbeit hatte auswandern sehen: o wie beneidete er das glückselige Volk! wie wünschte er, ihnen gleich zu sein! Schon machte er Entwürfe, wie er von dem Gelde, das Ulriken von ihrer Erbschaft zufallen musste, ein Bauergut kaufen wollteoder vielmehr er hatte in seiner täuschenden Einbildung schon wirklich eins gekauft: der Prozess war geendigt, das Geld ausgezahlt, Ulrike seine Frau, er ging schon an ihrem arme ins Feld, säte und erntete mit ihr ein, sass schon leibhaftig mit ihr auf dem Stein vor seinem ländlichen Häuschen in der Abendkühlung, und ein Schwarm von kleiner Nachkommenschaft spielte dem sechzehnjährigen Herrn Papa um den Schoss. Er zerfloss vor inniger Freude, vor sanfter Rührung über sein Glück: er hätte weinen mögen, dass er nicht zaubern konnte, um es auf der Stelle wirklichzumachen.

Brausend und schnaubend flogen zwei Isabellen mit einem leichten Visavis daher, den ein Herr und eine Dame füllten: Scherz, Vertraulichkeit und Vergnügen lächelte aus ihren Gesichtern durch die Öffnung des Fenstersweg war aus Herrmanns kopf die ganze ländliche Glückseligkeit! mit dem ersten Brausen der Pferde rein weggeblasen! Er ging nicht mehr an Ulrikens Hand zu fuss ins Feld: nein, er fuhr ihr gegenüber in dem nämlichen Visavis, mit der nämlichen frohen Vertraulichkeit, als ein reicher Mann durch die grüssenden Reihen der gaffenden Dorfkinder, mit Ehre und Rang geziert, und der Himmel weiss, ob er sich nicht gar adeln liess, sein Kleid mit einem Sterne und die Schulter mit einem Ordensbande schmückte. Mit stolzem, edlem Schritte wandelte er daher, wie auf den Schwingen der Ehre getragen: der Postillion blies – o das verdammte Postorn! Wie eine Sterbeglocke klang's! Sein rauhes Stöhnen verscheuchte den Traum seiner Grösse, und traurig und seufzend kroch er unter das gelbe Gewölbe der Postkutsche und musste, statt Ulriken, mit einer alten, finnichten, verwachsenen Jüdin vorliebnehmen, die er jetzt zum ersten Male mit grossem Ekel an seiner Seite wahrnahm, ob sie gleich den halben Weg über schon neben ihm gesessen hatte. Die beräucherte Tapezierung des Wagens und die widrige Nachbarschaft versetzte ihn den ganzen übrigen Weg in so üble Laune, dass er sich von Herzen über die ekelhafte Hässlichkeit ärgerte, womit der Gott der Israeliten seine hebräische Nachbarin gebrandmalt hatte. Der Weg deuchte ihm hundert Meilen lang.

Endlich rumpelte das schwerfällige Fuhrwerk, durch den Schlag übers Pflaster stossend und werfend, daher: man hielt, man examinierte: ein neues Wunder für unsern Reisenden! Zum Unglücke erkundigte sich der Torschreiber bei ihm zuerst nach dero Namen und Charakter: dem armen Heinrich ward Angst wie in der Hölle: er fasste sich hurtig zusammen und tat der Anfrage mit so aufrichtiger Umständlichkeit Genüge, dass er Taufnahmen und Geschlechtsnamen nebst Geburtsjahr, Namen und Charakter seiner Eltern genau und pünktlich referierte: die übrige Gesellschaft lachte, hielt es für Fopperei und wunderte sich, dass ein Mensch, der den ganzen Weg über kein Wort geredet hatte, einer so beissenden Antwort fähig sei: der Torschreiber wusste selbst nicht, woran er war, ob er's für Spötterei oder Einfalt nehmen sollte, und da ihm die raffinierte Miene des jungen Menschen das letzte nicht wahrscheinlich machte, so hielt er sich ans erste und verwies ihm mit derbem Tone seine Naseweisheit und versicherte ihn, dass er an seines gnädigsten Herrn Statt hier stehe und auf seinen Befehl frage, wer er sei: der arme Bursche glaubte ein Verbrechen der beleidigten Majestät begangen zu haben und konnte gar keine Ursache finden, warum der Landsherr so neugierig nach seinem Namen sei, dass er ihn auf ausdrücklichen Befehl darum fragen lasse. Er wusste in seiner ganzen Seele keinen andern Rat zu finden, als dass er den Torschreiber demütig ersuchte, wegen seines Versehens in seinem Namen bei seiner Durchlaucht untertänigst um Verzeihung zu bitten. Der Torschreiber, der seine Reue für fortgesetzten Spott ansah, brannte lichterloh vor Zorne, sprudelte ihm die schrecklichsten Flüche und Drohungen ins Gesicht: der gute Heinrich ward blass wie eine Leiche vor Furcht und Warten der Dinge, die da kommen sollten, zitterte und bebte. Der Schaffner loderte auch auf, dass er so langes Anhalten veranlasste, und stürmte wie ein Wütender auf ihn los: da sass der arme Betäubte wie sinnlos, wusste nicht, was er begangen hatte, und noch weniger, wie er's wieder gutmachen sollte, konnte weder denken noch reden! – "Straf mich Gott!" rief der Schaffner, "mit dem Menschen ist's im Oberstübchen nicht richtig: den ganzen Weg über hat er vor sich hin gesehen wie ein kranker Mops, und nun weiss er nicht einmal seinen Namen! So wahr ein Gott im Himmel ist! Der Pinsel weiss viel, ob er einen Vater hat. Man sollte sich's nicht so vorstellen, bei meiner Seele! nicht so arg! Ist ein getaufter Christ, in der Christenheit geboren und erzogen, und kann dem Torschreiber nicht einmal antworten!" – Die finnichte Jüdin fand sich durch die Rede des Schaffners