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Wagen wandte sich nach der linken Seite hin, das traurige Amphiteater nahm von ihm Abschied, streckte seitwärts noch einmal den Arm nach ihm aus undverschwand: die Pferde setzten sich bei der Wendung in Trab, und das ganze Bild einer gewaltsamen Trennung war da: er seufzte, hüllte die nassen Augen in den Mantel undwelch ein belebender Auftritt, als er sie wieder aufschlug! Die Pferde trabten mit ihm in ein Paradies hinein! Ein langgedehnter, rotschimmernder Bergrücken mit wimmelnden Häusern, Türmen, Schlössern, in weisse Terrassen geteilt, woran sich Weinreben hinanschlangen, mit Fruchtbäumen geschmückt, lachte ihm wie ein glückliches Eden entgegen: seine überraschte Einbildungskraft schuf jedes Winzerhaus zu einem Palaste um und erhöhte das lebhafte Kolorit der natur bis zur Bezauberung: aus einem melancholischen dumpfen Kerker war er plötzlich unter den lachendsten Himmel versetzt. Jetzt vergoldete der schiefe Morgenstrahl der Sonne eine hervortretende Kante, während dass der übrige Grund in dunkelrotem Schatten dalag: jetzt blinkte ein weisses Gebäude auf der Spitze am Ende des Horizonts herabes war ihm ein ferner Marmorpalast, von einem Fürsten oder Prinzen bewohnt.

Allgemeine Regsamkeit belebte nunmehr die Szene: weitaufgeschürzte Dorfnymphen gingen scharenweise an die frühe Arbeit; ringsum ertönten freundliche Morgengrüsse, allentalben erschienen fröhliche Gesichter, rote Wangen und fleischvolle, nervichte arme, von Gesundheit und Zufriedenheit genährte Körper. Jetzt kam ein Trupp alter Mütter, das reichliche Morgenbrot in den Händen: mit stillem, weisem Ernste besprechen sie sich über Angelegenheiten der Haushaltung, über die schweren Pflichten der Hausmütter, über bezauberte Kälber, die nicht wachsen wollen, und behexte Kühe, die keine Milch geben, obgleich ein doppelt heiliges Kreuz die Stalltür bezeichnet und die Hörner ein hellroter Lappen wider des Satans Arglist und der Menschen Bosheit bewaffnet. Jetzt schallte fernher das laute lachen eines schäkernden Haufens: junge blühende Mädchen waren es, rote Gesichter auf schwarzbraunem grund, alle mutig und glühend wie Göttinnen der Gesundheit: ihre spassenden Anbeter schlenderten mit gebogenem Knie zwischen ihnen daher, trugen mit guterziger Galanterie ihre Körbe, und aus galanter Bosheit füllten andere die Körbe ihrer Geliebten mit Steinen und Erdklumpen: die Schönen, die sich auf feinen Scherz verstunden, schleuderten den Mutwilligen die ganze Ladung an die Köpfe, dass sie fluchend und drohend dastunden, den Sand aus den Augen rieben oder aus den buschichten Haaren die Erdklumpen schüttelten: triumphierend trabten die Nymphen davon, nur eine, die gern gehascht sein wollte, verweilte zu lange, ihr braungelber Adonis erwischte sie schnell, schlang um sie die aufgestreiften arme, und schon näherte sich seine verwegne Hand dem verschobnen Halstuche; das beschämte Mädchen schrie dreimal laut, und dreimal hallte ihr keusches Geschrei aus den Weinbergen und vom fernen Ufer der Elbe zurück: der ganze übrige Haufen sah wartend ihrer Bestrafung zu und ehrte den Sieg ihres unverschämten Liebhabers mit einem mannig-stimmigen, lachenden Chor, und in der ganzen Gegend lachte der Widerhall ein Triumphlied über die Bestrafung der schwarzbraunen Schöne. – Jetzt kamen mit eilfertigem Schritte ein paar Städter, die auf Gewinst ausgingen, die Gesichter voll Ärger über einen geschmälerten Profit; mit lebhafter Bewegung der hände stritten sie über Projekte und Anschläge, ihren Vorteil zu vergrössern; – jetzt ein paar andre, die den Lohn ihrer Arbeit von gnädigen Herrschaften auf dem land herausbetteln wollten: sorge für ihr Auskommen sprach aus jedem zug des hagren Gesichts, und Klagen über Mangel an Nahrung waren ihr Gespräch. – Hier schleppten wiederkauende Ochsen den knarrenden Pflug in langer Reihe langsam dahin: einer ihrer Monarchen pfiff der erwachten Flur ein rasches Morgenlied, ein anderer sang ein galantes "Schätzel, du bist mein"; dieser unterhielt sich mit seinem Stier, predigte ihm Regeln des Wohlverhaltens, lehrte ihn die Pflichten seines Berufs und spornte seine trägen Füsse durch Versprechungen und Drohungen und, wenn diese nichts über sein fühlloses Herz vermochten, mit hohltönenden Hieben an; jener schlich nachdenkend, in die Wichtigkeit seines erhabnen Postens vertieft, das dampfende Pfeifchen im mund, mit stummer Gravität neben seinem Viehe her. – Dort wallte in der Ferne eine dichte Staubwolke, von Sonnenstrahlen erhellt: in ihr rollte, schnell wie der Donnerwagen Jupiters, von vier braunen Holsteinern gezogen, eine goldlackierte Kutsche, hinten und vorn mit einem Schwarm geputzter Domestiken befrachtet, und in dem innersten Winkel des weiten leeren Kastens steckte ein schwindsüchtiges Männchen wie eine Spinne, die ihr Gewebe dort anlegen wollte. – Kurz darauf erschien ein gnädiger Erb-, Lehn- und Gerichtsherr in einer demütigen Staubwolke, die kaum dem Qualme eines pudernden Friseurs ähnlich sah:

eine gichtbrüchige, rotfuchsichte Kutsche trug den hochadligen Körper, mit drei matterzigen Bauernpferden bespannt, die ihre Füsse auf Unkosten des Rückens schonten. Wie ein Pfeil flog vor ihm auf einem leichten Rollwagen der dicke, ausgestopfte Pachter vorbei, der im vorjährigen Konkurse sein Rittergut erstanden hatte, mit leichtem Kopfnicken den gnädigen Vorgänger grüsste und spottend nebst seinem Hans die abgezehrten Gäule an der adligen Kalesche mit seinen brausenden Hengsten verglich. Um die Lebhaftigkeit des Bildes zu vergrössern, wanderten ganze Karawanen schnatternder Marktweiber mit schnatternden Gänsen vor dem Postwagen vorbei: dieser trug, jener schleppte seine Ware, einige führten sie auf Karren, andre auf hochgetürmten Wagen: es war allentalben nichts als Gehen und Kommen, Fahren und Reiten in einem wimmelnden Gedränge. Herrmann fühlte sich in eine neue Welt versetzt; er war betäubt, hingerissen, überwältigt: die reizendste Landschaft im schönsten Glanze des Morgens! das laute Getöse der Geschäftigkeit! so viel Leben, Munterkeit, Tätigkeit, wohin er nur blickte!