tausend solchen Hoffnungen, denen nur ein sechzehnjähriger, der Welt unkundiger Mensch einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit geben kann, stieg er auf die Post! Der Postknecht schwang die Peitsche, und die Reise ging fort.
Vierter teil
Erstes Kapitel
Erfüllt mit den süssesten Träumen der Ehre und künftiger Grösse – in der festen Überredung, dass sich unmittelbar nach seiner Ankunft in Dresden Schwingers Freunde und alle andre Personen, die etwas für ihn zu tun vermöchten, um die Wette beeifern würden, seine Einbildungen wirklich zu machen, langte der unerfahrne Jüngling an einem heitren Morgen in der Meissner Gegend an. Zwo Nächte hindurch hatten sich seine Augen keine Minute geschlossen: immer wandelten vor seiner Seele goldne Bilder vorüber, bald Liebesauftritte mit der Baronesse, bald Szenen der Ehre, doch keine, woran nicht Ulrike den Hauptanteil hatte: ihr Besitz war das letzte, der vollendete Schluss bei allen Vorspiegelungen seiner Einbildungskraft: sie beleuchtete wie eine Mittagssonne alle seine Vorstellungen, gab ihnen Leben, Feuer und Wahrscheinlichkeit, spannte alle seine Kräfte an. – Er wurde nicht von vier abgelebten Schecken auf dem Postwagen langsam fortgezogen: nein, er schwebte in den Wolken: die Räder, so schwerfällig sie sich umdrehten, rollten ihm schnell dahin wie die Ideen durch seinen Kopf: alles um ihn herum, die ganze Postgesellschaft war für ihn vernichtet: er war allein auf der Erde.
Der Schaffner fing einige witzige Scharmützel mit ihm an, um die verschlafne Gesellschaft auf seine Unkosten aufzuheitern: nicht ein laut war aus ihm zu locken! Der Mann wurde über die misslungnen Angriffe verdriesslich: er verdoppelte sie, und weil er besorgte, dass sein Witz für eine so hölzerne Seele, wie ihm Herrmann schien, zu fein gewesen sei, so machte er ihn jetzt so derb und plump, dass ihn auch der phlegmatischste Dummkopf hätte fühlen müssen: nicht eine Silbe wurde erwidert! Inzwischen fielen doch dem Träumer die öftern Anreden des witzigen Schaffners allgemach beschwerlich: um nicht ferner durch sie gestört zu werden, stieg er aus und nahm einen Platz vorn vor der Kutsche: hier quälte ihn das Mitleid des Postillions, der ihm unaufhörlich über seinen schlechten Sitz kondolierte, und endlich gesellte sich sogar der Schaffner dazu und nötigte ihn mit spottender Höflichkeit, auf den alten Platz zurückzukehren; und da die Güte nicht verfangen wollte, gebrauchte er sein Schaffneransehen, ihn zurückzubringen, und stellte ihm seine Pflicht, für die Bequemlichkeit der Passagiere zu sorgen, und die Verantwortung, die er ihm durch Beharrung in seinem Eigensinn zuziehen werde, mit so eindringendem Eifer vor, dass er nachgab und den alten Sitz wieder einnahm. Nun hagelten witzige Einfälle und Höhnereien auf ihn los: denn der Schaffner hatte der Reisegesellschaft, als er ihn zurückholte, das Wort gegeben, 'ihm recht einzuheizen, wenn er ihn wieder unter dem gelben Tuche hätte'. – Endlich, da aus dem Klotze schlechterdings gar keine Antwort zu ziehen war, wurde der Mann unwillig: er wandte sich mit zorniger Bewegung zu der übrigen Gesellschaft: "Dass der Teufel den Kalbeskopf holte!" sprach er patetisch. "Ich bin doch, meiner Seele, zwanzig Jahr Schaffner und habe so manchen aus Afrika und Amerika, aus Russland und Petersburg gefahren: aber straf mich Gott, so einen Hans Morchel hab ich noch nicht auf meiner Kutsche gehabt. So wahr mich unser Herrgott erschaffen hat! es ist ein Pilz. Mich soll der Teufel lebendig speisen, wenn ich ihn wieder ansehe." – Wirklich drehte er ihm auch den rücken zu und sprach die ganze Reise über kein Wort mehr.
Jetzt eröffnete sich die ganze herrliche Szene des Septembermorgens: unser Reisender war durch Schwingern darauf vorbereitet worden und nahm deswegen wieder einen freien Platz ausser der Kutsche ein. Phantastische Felsen in düstern Schatten gehüllt, mit einer Strahlenkrone von der aufgehenden Sonne bekränzt, wanden sich in mannigfaltigen Krümmungen an der linken Seite hin: zur Rechten die breite Fläche der Elbe, die für ihn ein Meer war; auf ihr einzelne Kähne, langsam daherschwimmend, als wenn ihre Regierer noch halbschlaftrunken das Ruder regierten: an ihrem jenseitigen Ufer aufsteigende Berge mit dichtem, dunkeln Buschwerk bedeckt, aus welchem die weissen, schlanken Birkenstämme hier in freundschaftlichen Gruppen, dort einzeln in ungeselligen Entfernungen emporstiegen! Jetzt floh der Fluss von der Strasse hinweg, liess am linken Ufer bunte Wiesen und Fruchtfelder, noch halb mit dem Flore der Nacht überdeckt, und wand sich mit der bleifarbenen Fläche nach einem Halbzirkel von Felsen hin: sie nahmen ihn in ihre arme auf, er wurde zum stehenden Meer und schien hier von seinem Laufe ausruhen zu wollen. – Die ernste Stille der Nacht beherrschte noch diese Ruhestätte: in feierlichen Reihen standen hohe Eichen, breitgewachsne Buchen und langaufgeschossne Birken übereinander an dem Amphiteater der zakkichten Berge und empfingen mit ehrerbietigem Warten den kommenden Fluss: für Herrmannen war dies eine melancholische Einsiedelei, die Öffnungen der Berge waren ihm Höhlen; in einer sass Ulrike und weinte, von ihrem stolzen Onkel in Felsen eingesperrt: eine ungeheure See trennte sie und seinen Postwagen: seine Phantasie stimmte bald das Feierliche des Auftritts zur Traurigkeit um:
die finstern Eichen und Buchen standen ihm in Flor tiefsinnig da, die starren Birken hatten weisse Leichengewänder um sich geworfen und stiegen mit stummer Betrübnis aus dem dunkeln grund hervor, den die Dämmerung wie ein ausgebreitetes schwarzes Tuch bedeckte: alles trauerte um die einsame Eingeschlossne, und ich bin nicht gut dafür, ob er sie nicht endlich gar vor Schmerz in ihrer Höhle hätte sterben lassen: aber sein