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seinem eignen Beutel bestimmt habe. Nun fing sie Feuer: sie hielt es für entehrend, dass der Informator eine Wohltätigkeit fortsetzen sollte, die sie angefangen hatte. – "Sie sollen ihm nichts geben", sagte sie, "ich verbiete es Ihnen. Er soll das Monatsgeld von mir empfangen: hab ich so weit für ihn gesorgt, will ich's auch weiter tun. Aber es bleibt unter uns beiden: wenn ein Wort davon zu meines Gemahls Ohren kommt, so hört die Wohltat auf." –

Sie gab ihm darauf vier Louisdor Reisegeld für Heinrichen und die Versicherung ihrer Gnade, wenn sie der junge Mensch durch seine Aufführung verdienen werde: Schwinger bat um einen Tag Urlaub, um seinen Freund zu begleiten, erhielt ihn, doch unter der Bedingung, niemanden es merken zu lassen, schaffte, sobald alle Anhänger der Gegenpartei zu Bette waren, Heinrichs Sachen zu seinen Eltern, brachte die Nacht bei ihm zu, um ihn in aller Frühe in seiner Verweisung bis zum letzten dorf der herrschaft zu begleiten.

Bei Heinrichen wurden durch diese Güte alle Schmerzen der Trennung von neuem aufgewiegelt: sosehr ihn auch sein Vater durch Beispiel und Ermahnungen zur Lustigkeit ermunterte, so blieb er doch sprachlos, niedergeschlagen, und oft, wenn er's am wenigsten vermutete, überwältigte ihn die Betrübnis bis zu Tränen. Schwinger tat ihm den Vorschlag, sich nach Dresden zu wenden, weil er ihm an zwei dortige Freunde, beide Advokaten, Empfehlungsbriefe mitgeben könne, die ihm vorderhand, bis sich etwas Bessres fände, den Platz eines Schreibers verschaffen sollten: Heinrich, der einmal von der Baronesse gehört hatte, dass man sie nach Dresden tun wolle, ergriff den Vorschlag mit solcher Hastigkeit, dass Schwinger darüber stutzte. Der Vater war durch den Wein in die einwilligende Laune versetzt worden: die Mutter konnte vor Traurigkeit weder billigen noch verwerfen. Sie sass im Winkel, den Kopf niederhängend, und benetzte die netteltuchne Schürze mit ihren Zähren: der Alte sass am Tische, nickte und schnarchte: Schwinger schrieb die Briefe, und Heinrich, der sich nicht entschliessen konnte, sich niederzulegen, sass tiefsinnig in einer andern Ecke: seine Einbildungskraft schweifte durch die Gefilde seines künftigen Glücks oder Unglücks und wurde nicht selten durch Intermezzos von Schluchzen und Weinen unterbrochen. Schwinger, als er mit seiner Arbeit fertig war, konnte auch zu keinem Schlafe gelangen und vermehrte die stumme, betrübte und nur silbenweise sprechende Gruppe durch eine neue stumme person.

Um die Abschiedsszene weniger angreifend zu machen, wollte er die Mutter entfernen und dann heimlich mit ihm fortwischen: aber es war unmöglich. Als man sich zum Abmarsche in Bereitschaft setzte, fiel der alte Herrmann dem Sohne um den Hals. "Junge!" sagte er, "mach es wie dein Vater! Lebe in den Tag hinein und lerne nichts mehr, als du brauchst, um zu leben! Lerne eine Profession, ein Handwerk, eine Kunst, alles, was du willst und was du umsonst lernen kannst! Nur lass dir nicht den Satan durch den Kopf fahren, dass du ein Gelehrter oder ein vornehmes Tier werden willst! Oder ich erkenne dich nicht für meinen Sohn. Ich bin aus meines Vaters haus mit acht Groschen gegangen und fortgekommen: ich gebe dir sechzehn; und du bist nicht wert, dass dich die Sonne bescheint, wenn du über Not klagst. Nimm dich vor vornehmen Leuten und Dummköpfen in acht: geh ihnen aus dem Wege wie dein Vater! Nun packe dich und lebe wohl!"

Die Mutter konnte den Abschied nicht aushalten und wollte sich in die Küche begeben: doch ihr Mann zog sie zurück. "Nillchen", rief er mit drohendem Finger, "wenn du nicht gleich lachst, so prügle ich dich wie eine Korngabe. Lache! sag ich dir." – Sie wurde erbittert, riss sich los und wanderte in die Küche, dem Sammelplatze ihrer Tränen.

Unterwegs stellte ihm Schwinger das Reisegeld der Gräfin zu, doch ohne etwas von dem versprochnen Monatsgelde zu entdecken: auf dem dorf, wo sie scheiden wollten, erkundigte er sich nach der Post, bezahlte einen Platz für ihn und wies ihm eine stube an, wo er ein paar Tage warten sollte, bis sie abgehen würde. Nachmittags schlich er sich davon:

den Schmerz des Abschiedes traute er sich nicht auszuhalten. Auf dem Rückwege fasste er den Entschluss, Heinrichen, sobald er eine Pfarrstelle haben würde, zu sich zu nehmen;und mit diesem Vorsatze ging er ins Schloss wie ein Witwer ins Trauerhaus zurück.

Schwinger hatte bei Heinrichen eine Betrübnis bemerkt, die er anfangs auf niemanden als auf sich selbst zog: noch bei dem Abschiede trug er ein ausserordentliches Verlangen, wenigstens auf ein paar Minuten wieder ins Schloss zurückkehren zu dürfen: er wünschte das mit so vieler sehnsucht und so zitternder Ängstlichkeit, dass Schwinger selbst nunmehr Argwohn schöpfte: doch da seine wiederholten fragen nichts Bestimmtes aus ihm herauszubringen vermochten, so mass er's derjenigen Liebe bei, die ein Ort für sich in uns erweckt, an welchem man sich die ersten sechzehn Jahre seines Lebens wohl befunden hat. Du guter Schwinger! Dem Orte gehörte nicht der zwanzigste teil des Schmerzes: Ulrike und die verhinderte Flucht mit ihr war der ganze verborgene Kummer. Indessen gab der Verwiesene den Plan noch nicht auf: mit der schmeichelnden Aussicht, dass sie nach Dresden zu einer alten Anverwandtin kommen, dass er dort zu einem Glücke gelangen und es mit ihr teilen werdemit