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als wenn er die glücklichste Botschaft überbracht hätte, liess ihm nicht Ruhe, bis er sich niedersetzte und eine Pfeife mit ihm zu rauchen versprach. "Nillchen", rief er, "Nillchen!"

Nillchen antwortete nicht. Fama, die in solchen kleinen Städten nur in die Posaune zu hauchen braucht, um etwas, das in den verborgensten Kammern eines Hauses vorgefallen ist, zu jedermanns Wissenschaft zu bringen, hatte das Urteil des Grafen, so warm, als es aus seinem mund hervordrang, in jedes Paar Ohren, das nicht taub war, von einem Ende des Städtchens bis zum andern ausgerufen, und das arme Nillchen, dem dieser Ruf auch in die Ohren geschallt hatte, sank in einem der Ohnmacht ähnlichen Schrecken dahin, als sie in der Kücheihrem gewöhnlichen Zufluchtsort bei bedrängten UmständenSchwingers Botschaft hörte. Kein schrecklicher Unglück konnte ihr in der Welt begegnen als eine solche Beschimpfung, und ihre Augen strömten wie aufgezogene Schleusen von ihrem weiblichen Tränenvorrate grosse Bäche dahin.

"Nillchen! Nillchen!" rief der Mann noch einmal voller Ungeduld, lief in die Küche und zog sie bei dem arme in die stube. Schwinger, als er ihre Betrübnis wahrnahm, setzte sich in Positur, seine Trostpredigt bei ihr anzubringen: allein der Mann hiess ihn schweigen. "Was da?" sprach er, "was trösten, betrüben und Possen! – Nillchen, ich habe heute grosse Freude an meinem Sohne erlebt: ich will mir mit dem Herrn da eine Güte dafür tun. Hier hast du einen ganzen Gulden: geh zum Apoteker und lass dir von seinem besten Weine und von seinem besten Knaster soviel geben, als er dir dafür geben kann: und zwei Pfeifen, so lang wie ich! Der Tag ist so gut wie dein Geburtstag, Heinrich. – Und Nillchen!" fuhr er fort, als er sie schluchzen hörte, "wenn du noch einmal so ein Gesicht machst und so grunzest und nicht gleich freundlich aussiehst wie ein Maikätzchen, mit dem Ohrzipfel nagle ich dich hier an den Tisch an. Geh, und komme gleich wieder!"

Schwinger wollte die Gasterei höflich verbitten: allein Herrmann versicherte ihm, dass er ihn einmal mitten in einer Predigt öffentlich in der Kirche einen Schurken nennen wollte, wenn er sein Traktament nich annähme; und er musste sich darein fügen.

Wein, Tabak und Pfeifen langten an, und das Gastgebot wurde eröffnet. Nillchen setzte sich in den Winkel, um ungestört ihrem Kummer nachzuhängen: ihr Mann foderte sie zum Trinken auf, sie schlug es seufzend aus. – "Nillchen!" fuhr er auf, "dich soll der Teufel holen, wenn du nicht in der Minute lustig wirst: dem Grafen zum Trotze soll's heute hoch bei uns zugehn. Herr Schwinger! Sie klimpern ja auf dem Klavier: spielen Sie auf! Nillchen soll mit mir tanzen."

Schwinger wurde mit Gewalt zum Klavier geführt und ihm befohlen, einen lustigen, extralustigen Tanz zu spielen. Nillchen wollte entwischen: allein er fasste sie bei dem arme, dass sie vor Schmerz schrie, und schleppte sie, die lange Pfeife im mund, tanzend die stube auf und nieder. Sie wollte nicht trinken, und er flösste ihr das Glas ein. Der goldne Trank tat seine wirkung: sie fühlte ihr Herz um ein Glas Wein leichter und ging diesem Tröstungsmittel, nachdem sie es einmal gekostet hatte, so lange nach, bis ihr der Kopf so schwer wurde, als ihr vorher das Herz gewesen war. Der alte Herrmann hatte die ausgeleerte Flasche durch eine andre ersetzt, und die ganze Gesellschaft war aufgeräumt wie an einem Hochzeitstage. Schwinger wartete die Lustbarkeit nicht bis zum höchsten Grade des Vergnügens ab, sondern stahl sich hinweg, um einen Versuch zu machen, ob sich nicht bei der Gräfin für Heinrichen ein Reisegeld oder vielleicht gar eine kleine Pension auswirken liess, wenigstens so lange, bis er sein Unterkommen gefunden hätte.

Auch war er in seinem Gesuche glücklich: er passte gerade die Zeit ab, als die Gräfin von Tafel in ihr Zimmer ging, stellte sich ihr in den Weg und bat nur um einige Minuten Audienz. Die Gräfin, die bei dieser Unterredung eine Fürbitte für den exilierten Heinrich vermutete und besorgte, dass auch andre sie vermuten möchten, sah sich auf allen Seiten um, ob nicht etwa eine Kreatur von dem Maulesel in der Nähe sei, und da sich kein solches gefährliches Tier blicken liess, erlaubte sie ihmaber noch immer nur verstohlnerweise –, sie in ihr Zimmer zu begleiten. Das Gespräch eröffnete sich zwar auch mit einigen, doch sehr gemässigten Vorwürfen über Schwingers schlechte Aufsicht, doch gestund sie ihm selbst zu, dass ihr Gemahl sich in seinem Argwohne übereilt oder vielmehr von Heinrichs Feinden habe zur Übereilung verführen lassen. Der nämliche Mund, der dem Verwiesenen vorher in des Grafen Gegenwart alles Verdienst abgesprochen und zum unwürdigen Buben erniedrigte, stimmte jetzt mit Schwingern in sein Lob ein: sie bedauerte ihn, hoffte, dass die Entfernung von seinen Feinden zu seinem Glücke gereichen werde, und als Schwinger auf den eigentlichen Punkt kam und sie um eine Beisteuer für ihn bat, so wurde sie durch seine Vorstellungen und seine Freundschaft für den jungen Menschen so gerührt, dass sie lebhaft wünschte, etwas zu seinem Fortkommen beitragen zu können. Schwinger fachte die glimmende Empfindlichkeit vollends an, dankte in seines Freundes Namen für ihre bisherigen Wohltaten mit vieler Beredsamkeit und setzte hinzu, dass er ihm ein kleines Monatsgeld aus