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sehr freudig, dass er ihr ein unangenehmes Geschäfte erspart habe.

"Warum unangenehm?" fuhr der Graf auf. "Können Sie dem Buben noch immer Ihre Gnade nicht entziehen? Er ist sie nicht wert, sag ich Ihnen."

Die Gräfin. Er kann die meinige nicht einen Augenblick länger behalten, da er die Ihrige nicht hat. Ich hasse ihn.

Der Graf. So werden Sie ihn verfluchen, wenn Sie das Bubenstück wissen

Die Gräfin. Verschonen Sie mich damit, gnädiger Herr! Es schmerzt mich ohnehin genug, dass ich meine Gewogenheit so lange an einen Unwürdigen verschwendet habe.

"Sie müssen es wissen", fiel der Graf ein und erzählte ihr die gemachte Entdeckung nach der Länge und beging dabei den gewöhnlichen Kunstgriff oder Fehlerwas es unter diesen beiden bei ihm war, will ich nicht bestimmen –, dass er die gemutmassten Bewegungsgründe der entdeckten Zusammenkunft für ertappte Wahrheit ausgab: er wusste gewiss, dass sie hatten entfliehen wollen, ob er's gleich im grund nur als eine Möglichkeit vermuten konnte: er wusste gewiss, was im Kabinett zwischen den beiden Verliebten vorgegangen war, und fürchtete Folgen! schreckliche Folgen für die Ehre seines Hauses! Die Gräfin fürchtete sie aus gefälligkeit mit ihm, wiewohl sie im Herzen ganz das Gegenteil glaubte: sie opferte dieser traurigen gefälligkeit die arme Baronesse auf und dachte ihren Gemahl am sichersten wieder auszusöhnen, wenn sie nichts zu ihrer Verteidigung oder Entschuldigung sagte, sondern sich ohne Verhör und Untersuchungwie der Graf zu verfahren pflegtezu ihrer Strafe mit ihm vereinigte.

Die erste Strafe, die der Stolz dem Grafen eingab, war die Verbannung aus seiner Gegenwart und von seinem schloss-in seinen Augen das Empfindlichste, was jemanden begegnen konnte! Ulrike sollte in diesem Leben sein gnädiges Angesicht nicht wieder schauen: aber wohin mit ihr? – Wäre es ihm nach gegangen, so hätte sie zu ihrer Mutter wandern müssen: doch die Gräfin, die aus Liebe zur Baronesse dies nicht wünschte, stellte ihm vor, dass es für die Baronesse eine unendlich grössre Bestrafung sein müsste, wenn man sie an einen ganz fremden Ort täte und sie also noch weiter aus der Gegenwart des Grafen verbannte. Die Vorstellung schmeichelte ihm, und man beschloss, sie entweder zu einer alten Anverwandtin nach Berlin oder zu einer andern nach Dresden zu schicken und Pension für sie zu bezahlen. "Um doch die gute Erziehung, die ihr der Graf Ohlau bisher gegeben und deren sie sich sowenig würdig gemacht habe, einigermassen fortsetzen zu lassen" – gab die Gräfin zur Ursache an. Auch das schmeichelte ihm, und also wurde auch das bewilligt: es sollte an die beiden alten Damen geschrieben werden, und welche sie für die geringste Pension zu sich nehmen wollte, die sollte die Ehre haben, dies Meisterstück seiner Erziehung vollends auszubilden. Die Baronesse musste einige Tage Arrest auf ihrem Zimmer halten, wurde von der Gräfin heimlich über ihre Zusammenkunft verhört und in Ansehung ihrer Liebe unschuldig befunden, das heisst, sie war bei aller Unschuld schlau genug, die Zusammenkunft für eine wirkung des Zufalls und die Umtauschung der Kleider mit der Magd für einen Spass auszugeben, wodurch sie Heinrichen hätte in Verlegenheit setzen wollen. Die Not machte sie so erfinderisch, dass sie ihrer Lüge den völligen Anstrich von Wahrheit gab. Die Gräfin hielt es für ausgemacht, dass ihr Gemahl seinen Argwohn einmal übertrieben und Dinge gesehen habe, die er nur mutmasste, und war beinahe willens, ihn durch ein paar Schmeicheleien zur Widerrufung seines strengen Edikts zu bewegen: doch da ihr der Aufentalt in einer grossen Stadt vorteilhaft für die Baronesse schien, so schmeichelte sie ihm nicht und liess ihn aus Ungnade eine Wohltat erzeigen.

Sechstes Kapitel

Wie der Graf seinen Argwohn übertrieb, so übertrieb Schwinger die Gutmütigkeit: er mutmasste nicht einmal etwas Strafbares in der entdeckten Zusammenkunft, und in der festen Überredung, dass seinem Freunde Unrecht geschehe, tröstete er ihn unterwegs und ermahnte ihn zur gelassnen Ertragung eines Unglücks, das ihm Jakobs Bosheit und seine eignen Verdienste vermutlich zugezogen hätten. – "Durch Standhaftigkeit allein kannst du deine schadenfrohen Feinde demütigen: lass dir nicht eine Klage über dein Schicksal entwischen! Leide und freue dich ihnen zum Trotze über deine Leiden! Ein Kopf und so viele Tätigkeit, wie du besitzest, überwinden Feinde und Schicksal" – so sagte der gute Mann und ging mit ihm zu seines Vaters haus hinein.

Er vermutete von seiten der Eltern einige sehr betrübte Auftritte, wenn er ihnen Heinrichs Verweisung ankündigen würde, und machte sich deshalb auf eine Trostpredigt gefasst: wie erstaunte er, dass er mitten in seinen Tröstungen verstummte, als sich das Gesicht des alten Herrmanns immer mehr aufheiterte, je mehr er von dem gesprochnen Urteil über seinen Sohn erfuhr. Er liess vor Freude Schwingern nicht ausreden, sondern fiel seinem Sohn um den Hals und rief in unaufhörlichem Vergnügen: "So ist mir's recht! so ist mir's gelegen! Nun kann etwas aus dir werden, Junge! Ich hab es dem Grafen mit dem Teufel Dank gewusst, dass er dich zu einem Stockfische machen wollte, wie er samt allen den Schlaraffengesichtern ist, die ihm den ganzen Tag die Pfoten küssen und den Rockzipfel lecken. Nun kann etwas aus dir werden. Fort mit dir, in die weite Welt! Wer da nicht klug wird, ist eine Gans von haus aus: so ist dein Vater zum gescheiten Kerle geworden." –

Schwingern drückte er so dankbar die Hand,