werden –, kam Schwinger herbei: er hatte Heinrichen, weil er ihn zu lange vermisste, aufsuchen wollen. Der Graf stürmte ihm mit Verweisen seiner schlechten Aufsicht entgegen und mutete ihm die Ausübung seines Urteils zu: der gute Mann entschuldigte sich, tat Vorstellungen wider die Strenge desselben und bat um Untersuchung, wie sehr der junge Mensch strafbar sei: der aufgebrachte Graf war gegen alle Vorstellungen taub. Er schickte den triumphierenden Jakob, der vor Verlangen brannte, die Exekution selbst zu vollstrecken, wenn nicht der Graf zuviel Misstrauen gegen die Stärke seiner arme gehabt hätte, noch einmal aus, herbeizurufen, wen er nur fände: aber er kam mit der Nachricht zurück, dass niemand zu finden sei: aus Liebe für Heinrichen und aus Groll gegen seine Widersacher hielt sich jedermann versteckt und lief willig Gefahr, sich einen derben ungnädigen Verweis zuzuziehn. Heinrich sah das ganze Vorspiel zu seiner Züchtigung unerschrocken an; und die eingesperrte Baronesse hätte vor Ungeduld und Besorgnis die Tür mit den Zähnen durchnagen mögen.
Da also von allen Seiten Unmöglichkeit war, das gesprochne Urteil zu vollstrecken, so liess man's bei der Verweisung bewenden. "Schaffen Sie den Schurken den Augenblick aus dem schloss", sagte der Graf zu Schwingern; "morgen in aller Frühe soll er die Stadt meiden und sich nimmermehr wieder in meinen Landen betreten lassen." – 'In meiner herrschaft', wollte der Herr Graf sagen, allein es entwischte ihm zuweilen der Ausdruck eines Souveräns. 'Der Schurke' fuhr durch Heinrichs ganze Seele mit einer verwundenden Schärfe: er rüstete sich schon zu einer Antwort, doch Schwinger riss ihn mit sich hinweg, um ihn zu seinen Eltern zu führen. Die Baronesse lief wie unsinnig in dem verschlossnen Zimmer herum, als sie hörte, dass er fortging, riss das Fenster auf, ihm nachzusehn, der Himmel weiss, ob nicht auch, ihm nachzuspringen – foderte mit zornigem Ungestüm von den apfelgrünen Wänden des Zimmers ihren Heinrich zurück; denn sonst konnte sie niemand hören.
Der Graf erhub sich von seinem Richterplatze geradeswegs zur Gräfin: die gute Dame sass am offnen Fenster und stunde auf, als er zu ihr herintrat, weil sie glaubte, dass es der Bediente sei, der ihr die Abendmahlzeit ankündige. Wie erschrak sie, als ihr die stimme ihres Gemahl entgegenbrauste: – "Da haben Sie die Frucht Ihrer Liebe, Ihrer übel angewandten Gnade!An Ihnen sollt ich meinen Zorn zuerst auslassen: Sie sind die einzige Ursache unsers Unglücks."
Die Gräfin erschrak, weil sie nichts von dem Vorfalle wusste, fasste sich gleich wieder und küsste seine Hand. – "Mildern Sie meine Strafe, gnädiger Herr!" sprach sie mit bittendem Tone. "Ich weiss zwar nicht, wodurch ich Ihre Ungnade verdient habe –". "Wodurch?" unterbrach sie der Graf hastig. -"Dass Sie wider meinen Willen einen Jungen aufs Schloss nahmen, der unser Haus entehrt hat! Dass Sie bei jeder gelegenheit seine Beschützerin wurden, wenn ich darauf drang, ihn fortzujagen!"
Die Gräfin. Ich hätte freilich voraussehen können, dass es üble Folgen haben müsste, wenn ich etwas liebte und verteidigte, das Ihnen missfällt. Aber Sie verzeihen ja meiner Schwäche täglich –
Der Graf. Und Sie sollten einmal aufhören, Verzeihung nötig zu haben!
Die Gräfin. Freilich könnt ich durch Ihre Lehren und Ermahnungen weise geworden sein: allein ich bin einmal so unglücklich, dass ich Ihre Gnade nicht verdienen soll.
Der Graf. Und doch wär's Ihnen so leicht. Wenn Sie nur hörten! nur folgten: und zwar zu rechter Zeit!
Die Gräfin. O ich elende Frau! Ich weine manche Träne über meinen Ungehorsam.
Der Graf. Aber ich will in Zukunft alle achtung gegen Sie vergessen: ich will meinen Willen durchsetzen, wenn's Ihnen auch noch so wehe tut.
Die Gräfin. Ich bitte Sie darum, gnädiger Herr. Beugen Sie das verzärtelte Kind mit Strenge! Ihre Nachsicht verdirbt mich. Behandeln Sie mich als eine Blödsinnige, die sich nicht selbst regieren kann, sondern regiert werden muss! Lassen Sie mich nie einen Willen haben!
Der Graf. Das soll geschehn! Ich will mich zwingen, grausam gegen Sie zu sein. Wenn Sie nur erkennen wollten, wieviel Güte eine solche Grausamkeit ist!
Die Gräfin. Mit Freuden, gnädiger Herr! Ich werde meine angelegenste Bemühung daraus machen, dies einsehen zu lernen. – Darf ich indessen auch jetzt eine Verzeihung hoffen, die Sie mir so oft haben angedeihen lassen? Haben Sie Mitleid mit meiner Reue, gnädiger Herr! –
Der Graf reichte ihr stolz die Hand zum Kusse dar und setzte mit halb entwaffnetem Zorne hinzu: "Wenn Sie nur durch Ihre Reue das Übel ungeschehen machen könnten!"
Die Gräfin. Für das Geschehne kann ich freilich nicht: aber für die Zukunft! Ich will Heinrichen in dieser Minute selbst ankündigen, dass er noch heute zu seinen Eltern zurückkehren soll. –
Der Graf hielt sie zurück. – "Das ist längst geschehen", sagte er. "Er ist fort: aber das Unglück, das er gestiftet hat, bleibt zurück."
Die Gräfin stutzte: es tat ihr leid, dass man Heinrichen, wie sie besorgen musste, vielleicht zu hart verabschiedet hatte, um soviel mehr, da sie sich bloss darum selbst zu seiner Verabschiedung erbot, um sie nicht zu empfindlich zu machen:
demungeachtet verbarg sie ihren Missfallen und dankte dem Grafen