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wurde Vergnügen, er küsste das Bild etlichemal und bat um ein Band: die Gräfin vertröstete ihn bis zur Zurückkunft in ihr Zimmer: hurtig machte sich der galante Bube sein Knieband los, zog es durch das Öhr des Porträts und hing es um den Hals. – "Mein Orden ist tausendmal schöner als Ihrer", sprach er zum Grafen und drückte das Bild so fest an die Brust, dass die Gräfin sich nicht entalten konnte, ihm für diese unschuldige Schmeichelei einen derben Kuss auf die runden roten Backen zu drücken.

Man öffnete die beiden Flügel der Tür: der Graf erblickte die Spieltische in völliger Bereitschaft: "Zum Spiel", rief er und bot seiner Gemahlin die Hand, die sie ungern annahm, weil sie sich von ihrem kleinen Liebhaber trennen sollte. Zugleich gab er einem Laufer Befehl, den Knaben zu seinen Eltern zurückzubringen: das war ein Donnerschlag für den armen Verliebten. Er schluchzte, ging niedergeschlagen und langsam zur Gräfin, fasste ihre Hand, küsste sie und brach in lautes Weinen aus: die Dame ward durch die kindische Betrübnis so gerührt, dass ihr eine Träne über die Wange herabrollte: mit hastiger Bewegung riss sie den weinenden Knaben zurück, gab ihm zwei recht feurige Küsse, reichte mit einem Seufzer dem versilberten strotzenden Herrn Gemahle die Hand und ging an den Spieltisch.

Die Mutter erwartete ihn an der Tür, als er mit dem Laufer angewandert kam, und empfing ihn mit lautem jubel über das Glück und die Gnade, die ihm heute widerfahren wäre, und belud seinen Überbringer mit so vielen untertänigsten und alleruntertänigsten Danksagungen dafür, dass sie einen Maulesel nicht schwerer hätte bepacken können. Desto mehr war der Vater wider sie und seinen Leibeserben aufgebracht; er hielt es schlechterdings für eine Beschimpfung seiner Familie, dass sein Sohn sich zu dem Grafen drängte, und wollte ihn kraft der väterlichen Gewalt, zu seinem Besten, mit einer nachdrücklichen Züchtigung bestrafen, wenn nicht die Mutter noch zu rechter Zeit hinzugesprungen wäre und den armen Jungen unter dem ausgeholten Rutenhiebe weggerissen hätte. – "Mag er mich schlagen!" sagte der kleine Heinrich; "hab ich doch mein liebes Bild" – und dabei küsste er das Porträt der Gräfin.

Dies war, beiläufig gesagt, der Zeitpunkt, wo das Stadtpublikum an der ehelichen rechtmässigen Zeugung des Knaben zu zweifeln anfing.

Drittes Kapitel

Die Gräfin, diewie man bereits gemerkt haben wirdmehr eitel als stolz war, fand in der kindischen Liebe des kleinen Herrmanns soviel Schmeichelndes, dass sie nach aufgehobner Tafel, als sie ihr Gemahl auf ihr Zimmer gebracht hatte, das Gespräch sogleich auf ihn lenkte. Sie bestand darauf, dass man einem so vielversprechenden Subjekte eine bessre Erziehung verschaffen müsste, als er bei seinen Eltern haben könnte, und tat deswegen den Vorschlag, ihn auf das Schloss zu nehmen und den Unterricht und die Aufsicht des Lehrers mitgeniessen zu lassen, den man ohnehin für die kleine Ulrikeeine arme Schwestertochter des Grafenbezahlte. Ihr Gemahl machte zwar Einwendungen, und darunter eine, die weiser war als alle, die er gewöhnlich zu machen pflegte: er besorgte nämlich, dass man den Knaben durch eine vornehme, seinem Stand und Vermögen nicht angemessne Erziehung nur unglücklich machen werde. "Wir geben ihm", sagte er, "eine Menge Bedürfnisse, die er in seiner Eltern haus nie würde kennenlernen; wir fachen seinen Ehrgeiz nur noch mehr an, da er schon für sich stark genug ist, durch den beständigen Umgang mit dem andern Geschlechte wird seine natürliche Empfindlichkeit erhöht, er wird weichlich, wollüstig und vielleicht gar ein Geck. Haben Sie nicht seinen übermässigen Stolz bemerkt? – Wenn man sieht, dass er Ihr Liebling ist, wird ihm jedermann schmeicheln, um Ihnen zu schmeicheln, und in zwei Jahren ist sonach er der verdorbenste, aufgeblasenste und unerträglichste Bursch, der niemanden in der Welt achtet als sich selbst. Ihre Güte ist auf alle Fälle zuversichtlich sein Unglück. – Es geht schlechterdings nicht", setzte er mit seinem gewöhnlichen peremtorischen Tone hinzu.

Der Graf machte sehr oft dergleichen gute oder schlechtere philosophische Anmerkungen und Einwendungen bei jeder gelegenheit, aber niemals im eigentlichen Ernste, um zu widerlegen oder die vorgeschlagene Sache zu hindern, sondern bloss aus Räsoniersucht, um seinen vorgeblichen Verstand zu zeigen: räumte man ihm daher seine Einwürfe als unüberwindlich ein, so war nichts leichter, als ihn unmittelbar durch diese stillschweigende Anerkennung seiner Überlegenheit zu der nämlichen Sache zu bereden, die er bestritten hatte. Seine Gemahlin kannte alle feste und schwache Plätze seines Charakters so genau, dass sie eine Karte davon hätte zeichnen können, und gestand ihm deswegen in dem vorhabenden Falle mit betrübter Verlegenheit zu, dass es freilich unmöglich sei, so starke und vernünftige Gegengründe zu entkräften. – "Man muss also darauf denken", setzte sie hinzu, "wie man den Burschen auf eine weniger gefährliche Art unterstützt."

"Aber", fiel ihr der Graf ins Wort, "man kann es ja versuchen: merkt man, dass er durch seinen Aufentalt bei uns verschlimmert wird, so schickt man ihn wieder zu seinen Eltern. Aber freilich, liebe Gemahlin, Sie sind schwach: wenn Sie einmal etwas lieben, dann fällt es Ihnen schwer, sich davon zu trennen: Ihre Liebe wird gleich zu heftig."

"Freilich wohl, gnädiger Herr!" antwortete die Gräfin seufzend und zupfte mit einiger Verlegenheit an ihrem Kleide. "Ich erkenne wohl, wie sehr Sie recht haben,