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Mutter und verkündigte ihr mit lauten Freuden den hohen Besuch, der die heute noch beehren würde. Die gute Mutter hatte so wenig Romane gelesen als ihre Tochter und argwohnte also nichts Schlimmes. Kaum war die überredete Dirne fort, so begab sich die Baronesse ins Kabinett, um Heinrichen zu erwarten.

Der arme Bursche hatte endlich nach manchem Kampfe mit sich selbst, nach langem Hin- und Herwanken, seinem herz einen Stoss gegeben und sich auf den Weg gemacht: allein da es ihm nicht möglich war, Schwingern zu entfernen, so liess er sein Reisebündel im Stiche. Sein Freund las in einem buch, den rücken nach der Tür gekehrt: gern wäre er ihm um den Hals geflogen, aber er musste sich mit einem stillen Abschiede begnügen: er warf ihm einen Kuss stillschweigend zu und ging mit betränten Augen die Treppe hinunter. Schwinger las mit voller Aufmerksamkeit und wurde sein Weggehn nicht einmal gewahr.

Die erste Empfindung bei seinem Eintritte ins Kabinett war Erschrecken, weil er jemanden anders zu finden glaubte, als er wollte: aber die stimme der Baronesse benahm ihm bald seine Besorgnis. Sie war voller Freude, so entzückt, als wenn der Streich schon gelungen wäre, und tadelte ihn wegen der Ängstlichkeit, womit er einen schlimmen Ausgang befürchtete, wegen der Traurigkeit, in welche ihn die Trennung von Schwingern versetzte. Auch der Gedanke, wie nachteilig eine heimliche Flucht seiner Ehre sein könne, fuhr ihm oft wie ein Schwert durchs Herz: tiefsinnig, von inneren Kämpfen herumgetrieben, stunde er da, und Ulrike konnte ihn mit allem Zureden, aller ihrer Freudigkeit nicht ermuntern: er wollte sich selbst in einen freudigen Taumel versenken, aber es ging nicht: in seinem kopf standen alle seine Nachbarn und Bekannten in grossen Haufen beisammen, redeten von seiner Flucht und scholten ihn einen Entläufer.

Was weder Wille noch eine leidenschaft sonst vermag, kann bekanntermassen die Liebe. Sie mussten in dem Kabinette bis zur völligen Dunkelheit eingesperrt bleiben: was war in diesem Zeitraum natürlicher, als dass man sich mit einigen Szenen künftiger Glückseligkeit unterhielt? Die Baronesse verfertigte schon ein ganzes vollständiges Gemälde davon und begeisterte Heinrichs Einbildungskraft so stark, dass er auch das Gemälde durch manchen reizenden Zug verschönerte. Ebenso natürlich kamen sie allmählich auf Szenen vergangner Glückseligkeit, und ehe man sich's versah, waren Heinrichs Gedanken bei dem schönen, marmornen Knie der Baronesse, das ihm Amor einst unter der Linde, als sie den ersten Vorsatz zur Flucht fassten, bei einem Falle zeigte:

seine Phantasie malte es vollends aus, schöner und herrlicher, wenigstens reizender, als Correggio und van der Werft eins geschaffen haben: seine Begierden wurden durch das Bild befeuert und rissen die Hand hastig zu einer Verwegenheit hinschnell zog sie die Scham zurück, und aus der Verwegenheit wurde eine zärtliche Umarmung. Das Bild wich nicht von der Stelle aus seinem kopf: er schalt sich selbst wegen seiner Schüchternheit: die Begierde brach zum zweitenmal durch: die Hand rüstete sich zu einer zweiten Verwegenheit; und die Scham lenkte sie mitten auf ihrem Wege zu der Hand der Baronesse: aus der Verwegenheit wurde ein feuriger Händedruck. Wie ein durchbrechender Strom sprengte plötzlich sein Blut alle Ventile durch: alle Nerven bebten von ungewohnten Schwingungen: die Begierde siegte zum dritten Male: er warf sich ungestüm an ihre Seite und-küsste sie. Die Baronesse stritt mit den nämlichen Empfindungen: der süsse Schauer, der sie durchlief, als er unter der Linde mit dem gesicht auf ihrem Busen ruhte, kehrte bei jeder leisen Berührung zurück: sie wünschte ihn wiederholt zu fühlen, und doch liess sie die Schamhaftigkeit nichts tun als bei jeder Annäherung schüchtern den Busen an ihn drücken: einmal wagte sie ihm mit einer Umarmung zuvorzukommen, und eine glühende Röte deckte ihr Gesicht, als sie geschehn war. Die kindische Dreistigkeit war dahin.

Die Kleidung der Baronesse war ungemein geschickt, Begierden zu entflammen, und wenn sie einmal brannten, nicht leicht erlöschen zu lassen. Ihr Busen war mehr als halb offen:

das Halstuch war nur leicht darüber gelegt und durch kleine Bewegungen merklich verschoben: der kurze bäuerische Rock deckte kaum einen handbreiten Raum unter den Knien:

die arme waren bloss und leuchteten in der Dämmerung des Kabinetts mit verdoppelt blendender Weisse wie Schnee in der Nacht. Dunkelheit und Stille, die beiden Vertrauten der Einbildungskraft, erhöhte bei beiden Verliebten Reizbarkeit und Reiz: der Baronesse deuchte Heinrich ein Genius, ein Apoll, seine feurigen Augen glänzten ihr wie ein Paar Sterne und sein Gesicht wie ein beseelter Marmor: seine niedlichen hände schienen ihr wohlgebildeter, ihr Druck sanfter und seine stimme lieblicher: es war für sie der leibhafte Amor.

Als wenn unsichtbare Mächte sie zueinander hinrissen, strebte, kämpfte, arbeitete ein jedes, dem geheimen zug zu widerstehn und zu folgen: jedes Abendlüftchen, das durch die alten zerbrochenen Fensterscheiben hereinschlich, schien ihnen mit der stimme eines Liebesgottes zuzuflüstern: "Seid kühn und unverschämt!" – und mit jedem Herzschlage ertönte in ihnen ein strenger Befehl: "Wagt nichts!" – Aber der Rat der Liebe überstimmte jeden Gedanken: sie schlang in einem Augenblicke beider arme um beider Schultern, warf Heinrichs Gesicht auf den klopfenden Busen, in welchen er einst den Schmerz seiner gekränkten Ehre weinte, führte seine verwegne Linke zu dem Saume des Rockes undplötzlich öffnete sich die Tür, die beiden Verliebten erwachten durch das Geräusch aus der Trunkenheit, und vor ihren Augen standder Graf, Jakob und sein Vater. Ihr gemeinschaftlicher Feind