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zu treffen.

Die Baronesse war ungleich besser daran: wen sie liebte, folgte ihr, und die sie verliess, liebte sie nicht. Voller Munterkeit, Freude und mutiger Hoffnung sprang sie nach der Rückkunft von Tafel im Zimmer herum, warf sich in ein Negligé und setzte ihr Reisebündel in Bereitschaft: was sie zuweilen beunruhigte, war Furcht vor Entdeckung. Nur die Trennung von den Örtern, wo sie ihre phantastischen Arkadienfreuden genossen hatte, erfüllte sie mit vorübergehender Wehmut; und sonst wünschte, hoffte, begehrte sie nichts, als dass die Stunde schlagen möchte, wo sie einander im Garten treffen wollten.

Wie Geschöpfe, die von der ganzen weiten Welt nichts als die Spanne kennen, wo sie spazierengegangen und -gefahren sind, hatten sie ihren Plan angelegt: unbekümmert, wer sie speisen und beherbergen werde, wenn ihr kleiner Geldvorrat aufgezehrt ist, wollten sie ihn ausführen. Sie glaubten, dass man auf unserm Planeten nur wollen dürfte, um zu finden.

Graf und Gräfin fuhren nachmittags spazieren: die Baronesse entschuldigte sich mit Kopfschmerzen und blieb zu haus. Diese daher entstandne Leerheit des Schlosses wollte sie nicht ungenützt lassen-denn ein teil der Domestiken begleitete die gnädige herrschaft, und der andre war seinem eignen Vergnügen nachgegangen –, sie sagte ihrem Zimmer ein stilles Lebewohl und wanderte in den Garten hinunter, lange vorher, ehe die anberaumte Stunde schlug, holte ihr Paketchen Wäsche aus dem alten Pavillon herbei und legte es in das Kabinett, das zur Zusammenkunft bestimmt war. Darauf tat sie einen Spaziergang auf die Wiese hinter dem Garten, wo man Grummet machte. Sie liess sich mit einer von den Mägden in ein Gespräch ein, wie sie schon sonst zu tun pflegte, wenn sie keine Aufsicht daran hinderte: sie lobte den Stand und die Beschäftigung des Mädchens und wünschte darinne geboren zu sein: das Mädchen bat sie, sich nicht so zu versündigen, und versicherte, dass sie lieber eine Baronesse als eine Dienstmagd sein möchte.

"Komm! wir wollen tauschen!" sagte die Baronesse lebhaft. "Gib mir deine Kleider, ich will dein Leben auf ein paar Stunden versuchen." – Das Mädchen weigerte sich lange: endlich liess sie sich zu der Maskerade bereden und wischte mit ihr seitwärts in ein Birkenbüschchen, wo sie ihre Kleider wechselten. Das Mädchen sprang vor Freude in die Höhe, als ihr die weisse Kontusche und Rock auf dem leib hing und der Sommerhut auf ihren zerstörten bäuerisch geflochtenen Haaren schwebte: wirklich nahm sich auch der schneeweisse Anzug zu den verbrannten Armen, blossen Füssen und Mulattengesichte ungemein drollicht aus: sie spazierte auf und ab und schwenkte den weissen Rock wie einen Uhrperpendikel: nichts bedauerte sie mehr, als dass der benachbarte Wassergraben zu schmutzig und das Stückchen Spiegelglas nicht bei der Hand war, wobei sie gewöhnlich ihre bäurischen Reize ordnete. Die Baronesse nahm sich in ihrem neuen Anzuge nicht weniger gut aus: das Mädchen hatte ihr mit Ehren nichts als einen streifichten, kurzen Rock abgeben können, weil sie ausser einem schwarzen Mieder, dessen sie nicht begehrte, nichts auf dem leib hatte. Das Mädchen musste ihr die schöne Frisur zerstören, die sie herzlich gern auf ihren Kopf ganz unversehrt hinübergetragen hätte, und ihre Haare auf dem Wirbel in ein bäurisches Nest winden. Da das Abtragen des vornehmen Gebäudes, das mit Haarnadeln wie mit grossen Balken durchzogen war, sehr viel Zeit erfoderte, so wurde die Bäuerin bei ihrer Arbeit vermisst: der Vogt störte in den büsche herum, um zu entdecken, ob sie sich vielleicht schlafen gelegt habe, und die beiden Damen hielten für ratsam, tiefer in den Busch hineinzurücken. Die Umschaffung der Frisur nahm so viele Zeit hinweg, dass auf der Wiese Feierabend gemacht wurde und die Stunde der Zusammenkunft heranrückte. Die Arbeiter gingen unter dem Kommando des Vogts nach haus, und die beiden Verkleideten durch den Busch auf einer andern Seite nach dem Garten hin. Anfangs war die Maskerade bei der Baronesse nur ein unüberlegter Einfall gewesen, um sich zu belustigen: doch jetzt wollte sie Partie davon ziehen. Sosehr ihre Begleiterin ihre Bauerkleider wieder foderte, um nicht durch zu langes Aussenbleiben sich noch schwerere Strafen zuzuziehn, als ohnehin ihrer warteten, so bestund doch die Baronesse darauf, dass sie ihr den bäurischen Anzug gegen ihr Negligé überlassen, zu ihrer Mutter, die auf dem nächsten dorf wohnte, gehen und sie dort erwarten sollte. Das Mädchen wusste sich aus dem Vorschlage nichts zu machen, glaubte zwar aus angewöhntem Gehorsam, dass sie einer Baronesse aufs Wort folgen müsse, sah aber doch auch einige unangenehme Szenen von seiten derjenigen voraus, die diesen Gerhorsam missbilligen könnten. Da nichts half, überwand sie die Baronesse durch eine Lüge. "Närrin!" sprach sie, "ich will meinem Onkel eine heimliche Freude machen. Morgen ist sein Namenstag: ich will mich bei deiner Mutter als eine Bäuerin anziehen: gegen Mittag wird die Tante mit ihm ins Dorf kommen, und ich werde ihm einen Blumenstrauss überreichen.Er wird mich vermutlich nicht kennen: da wollen wir rechte Freude haben. Die Tante hat mir's selbst befohlen; und ich wollte dir's anfangs nicht sagen, aus Furcht, du möchtest plaudern." –

Nun war das Mädchen auf allen Seiten sichergestellt, hüpfte und freute sich über den Spass und glaubte, dass Gehorsam gegen den Vogt dem Gehorsam gegen die Gräfin und Baronesse nachstehen müsse: sie schlich durch Büsche und Sträucher, um nicht gesehen zu werden, in dem weissen Negligé zu ihrer