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den Weg kommen sollte. Durch den nämlichen Boten erhielt auch der Stallmeister seinen Abschied nebst dem Befehle, sich nie wieder in den Grenzen der gräflichen herrschaft sehen zu lassen, wenn er nicht mit kräftigen Prügeln bewirtet sein wollte. Niemand wusste, was einen so schnellen Sturm bewirkt hatte: der Stallmeister selbst wusste nicht, was und wie ihm geschah: er suchte seinen Beschützer, um nach der Beschaffenheit der Sache zu fragen:

dass sich der heimtückische Bösewicht nur mit einem Auge hätte blicken lassen! Er wollte sein geliebtes fräulein sprechen, um ihr den gestrigen Groll zu nehmen; er durfte nicht:

ohne Abschied und ohne sein Verbrechen gewiss zu erfahren, musste er in einer Stunde das Schloss und denselben Abend noch die Stadt räumen.

Die Baronesse hatte nie sonderliche Ursache gehabt, ihre Gouvernante zu lieben: doch jetzt, da es zum Äussersten kam, bat sie bei dem Grafen und der Gräfin für sie; aber sie bestürmte Felsenherzen: es blieb bei der gegebnen gnädigen Verordnung, und fräulein Hedwig ging des Abends zwischen neun und zehn Uhr, ohne vor Scham von jemandem Abschied nehmen zu können, noch jemanden, der ihr begegnete, ansehen zu können, aus dem schönen schloss, schloss sich in ihr kleines angewiesenes Stübchen und kam in einem ganzen monat nicht öffentlich zum Vorschein und verfluchte den bösen Feind, der sie zu der Sünde verleitet hatte, einen Menschen unter ihrem stand zu lieben, samt seinem bösen Werkzeuge, den dicken Stallmeister mit der funkelnden gelbledernen Chaussure.

Der Maulesel triumphierte über den abermaligen Lorbeer, den ihm seine boshafte List über ein paar Menschen erworben hatte, über den abermaligen Beweis seiner Macht über den Grafen und dachte auf nichts Geringers, als das Haus in kurzem ganz rein von allen Personen zu machen, die ihm nicht ganz anstunden oder nicht zu seiner Fahne schwören wollten: der Graf selbst war bei allem Zorne und Unwillen im grund über die hofmässige Revolution sehr erfreut, und die Gräfin wartete eine günstige gelegenheit ab, das Schicksal der armen Hedwig zu mildern.

Fünftes Kapitel

Sosehr die Baronesse über diese plötzliche Trennung bewegt war, so merkte sie doch bald den Vorteil, den sie ihr verschaffte: sie war nunmehr ohne Aufsicht und konnte ihren Heinrich sprechen, wenn es ihr beliebte. Schwinger hatte zu dem vorzüglichen verstand seines Freundes ein zu unumschränktes Vertrauen und liess ihm jetzt wirklich mehr Freiheit, als er sollte. In der ersten Beratschlagung, die sie in diesem Interregnum auf der Baronesse Zimmer hielten, riet Heinrich aus allen Kräften die Beschleunigung der Flucht: er drang so lebhaft darauf, dass sie bald beide einig waren, Tag, Stunde und andre Umstände festsetzten, und vorher noch eine Rache an ihrem gemeinschaftlichen Feinde beschlossen.

Jakob besuchte vermöge seiner Genäschigkeit sehr fleissig einen Baum voll grosser, lockender spanischer Kirschen, die man für die Ehre, von dem Grafen gegessen zu werden, aufhob. Jedermann floh die Gegend dieses Baums wie einen den Göttern geheiligten Ort, um nicht den Verdacht eines vorgehabten Diebstahls wider sich zu erregen: nur Jakob wagte es, einen solchen Raub oft zu begehn und nahm seine Massregeln so gut, dass er nie ertappt wurde. Heinrich, der es wusste, riet dem Gärtner, etliche Schlingen dabei zu legen: anfangs wollte er aus Furcht vor dem Vater nicht daran, doch endlich liess er sich bereden. Bei dem nächsten Diebstahle, der allemal in der Dämmerung geschah, fand sich der Dieb plötzlich gefesselt; Furcht und Mangel an Kräften hinderten ihn, sich von den unschädlichen Stricken loszumachen. Zudem war die Falle sehr künstlich und mit einem Gewichte versehen, das den Knoten fest zuzog. Der Gärtner lauerte hinter einer Hecke und eilte sogleich, es anzuzeigen: allein statt der Belohnung erhielt er einen Verweis, und zur Bestrafung sollte er einen monat lang nicht die Gnade haben, dem Grafen sonntags früh ein Bukett zu überreichen. Der Dieb kam los und wurde derb von seinem Vater ausgescholten, dass er sich hatte ertappen lassen; und weil dem Gärtner in dem ersten Unwillen über seine misslungenen Massregeln ein Wörtchen entwischte, dass Heinrich sein Ratgeber dabei gewesen sei, und Jakob dem Ratgeber Vorhaltungen darüber tat, auch ein paar Drohungen mit Rache hinzusetzte, so war dies ein neuer Sporn, die Flucht um keine Stunde weiter hinauszuschieben.

Heinrich ging seit dieser zweiten Festsetzung eines so nahen Termins beständig ängstlich um Schwingern herum: wenn er ihn anblickte, senkte er die Augen oder kehrte sich weg, um Tränen zu verbergen: jede Gipsbüste schien einen wehmütigen blick auf ihn zu werfen, jedes sonst geliebte Buch erinnerte ihn an eine schmerzliche Trennung. Seine Unruhe trieb ihn von einem Orte des Zimmers zum andern: nirgends fand er länger als eine Minute Rast. Wohl zehnmal ging er des Vormittags an den Ort, der zur nachmittägigen Zusammenkunft bestimmt war, besah ihn starr von allen Seiten: es war ihm, als wenn ein Zentnergewicht auf die beklemmte Brust fiel, er seufzte, zitterte, weinte und ging. Keinen Bissen konnte er des Mittags mit dem mund berühren, ohne dass der Gedanke in ihm aufstand: 'Der letzte, den du hier geniessest!' – Jetzt fühlte er zum ersten Male, welch eine schwere Kunst es ist, leben zu wissen, und durch wie viele Schmerzen man diese Weisheit erkaufen muss. Je näher die Stunde rückte, je beklemmter wurde seine Brust:

Tränen waren jetzt nicht mehr in seiner Gewalt, sie rannen wie Bäche herunter, dass es Schwinger bemerkte und eine Menge Mutmassungen machte, ohne die Wahrheit