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ihrer Wünsche richtete sie bald wieder auf; sie sah sich schon am Altare, schon in den Armen ihres dicken Amyntas, schonwie ein Zephir flog sie mit ihren bleiernen Füssen die Treppe hinunter, die andere hinauf, den Korridor durchda stand sie im Vorzimmer des Grafen! Es wollte ihr das Herz abdrücken: kaum konnte sie dem Bedienten, der die Aufwartung hatte, stammelnd sagen: "Melde Er mich!" – und kaum war er hinein, so wollte sie ihn schon wieder zurückziehn. – Gütige Götter! er kommt heraus, macht den Türflügel weit auf, der Graf steht wartend da, sie muss hinein.

Kein Dieb, der zum erstenmal stahl und zum ersten Male ertappt wurde, kann mit solcher Angst im Verhör auftreten als die arme Hedwig vor dem Grafen. Sie stotterte, fing ihre Rede zehnmal an und blieb zehnmal stecken und hatte schon fünf bis sechs völlige Minuten gesprochen, ohne dass der Graf wusste, was sie wollte, ob er sie gleich oft genug darum befragte. Endlich brach ihre Beredsamkeit durch: sie bat deutlich und vernehmlich um die gnädige Erlaubnis, einen ihrer grössten Wünsche zu vollziehen und sich mit dem Stallmeister zu vermählen. – In dem Gesicht des Grafen stieg ein sehr ungnädiges Donnerwetter auf und zog sich von der äussersten Nasenspitze bis zu der nördlichen Breite der Stirn hinan, dass zuletzt diese ganze Halbkugel seines Kopfs eine grosse Gewitterwolke war. Leugnen konnte sie nicht: denn sie hatte sich zu bestimmt ausgedrückt; undeherne Federn und steinerne Griffel vermögen nicht die Wut zu beschreiben, mit welcher das Gewitter losbrach: das war ein Orkan, wie ihn noch kein Seefahrer ausgestanden hat! und fräulein Hedwig kroch, wie ein Vögelein in einen hohlen Baum vor dem losstürzenden Schlossenwetter flieht, ängstlich rückwärts nach der Tür und schlich mit gebeugter Seele zu ihrem Zimmer zurück, nahm niederschlagend Pulver, Rhabarber, Sennesblätter und Gott weiss was mehr, konnte nicht essen, nicht trinken, nicht schlafen: sie dachte vor Kummer gar nicht daran, dass sie betrogen war.

Sogleich nach ihrem Abtritte musste der Betrüger, dem sie ihr Unglück zu danken hatte, zum Grafen kommen: er wollte sich zu tod lachen, als ihm der Graf das Vorgefallne erzählte. – "Nun denken Sie einmal!" setzte der Gewissenlose hinzu, "der Stallmeister hat mich schon lange geplagt, ich soll eine Supplik von ihm übergeben, worinne er um das nämliche anhalten will. Wer weiss, was vorgefallen ist? Der Umgang ist schon alt: aber ich hab Ihnen nur nicht das herz damit schwer machen wollen."

Der Graf knirschte vor Wut und wollte beide gleich aus dem schloss jagen lassen: allein er durfte nicht; denn sein Maulesel sagte ihm, er sollte das nicht tun. – "Ich will mir morgen die Supplik geben lassen," sprach er, "und dann wollen wir miteinander überlegen, was zu tun ist." –

Der Graf, dem alles sklavisch gehorchen musste, gehorchte dem befehlenden Rate dieses Mannes wie ein Schulknabe. – Indessen wurde die Gräfin durch ihn von der nahen Verunehrung ihres Hauses unterrichtet: sie liess die Delinquentin rufen und bekam die Entschuldigung zur Antwort, dass ihr nicht wohl sei. Den Morgen darauf liess man die Entschuldigung nicht mehr gelten: sie musste sich schlechterdings stellen: die Gräfin liess sie, ihrer Sanftmut ungeachtet, hart an und befahl ihr vorläufig, ihr Paket zusammenzumachen. Sie fiel auf die Knie: die Gräfin verwies ihr diese Erniedrigung und ebensosehr ihre Unbesonnenheit, dass sie sich mit einer so seltsamen Bitte an ihren Gemahl gewendet hatte. Sie wollte die Betrügerei erzählen, die sie dazu verleitete, aber ihr Schluchzen machte jedes Wort der Erzählung unverständlich. Ungetröstet und ungerechtfertigt musste sie hinweggehn.

Der Stallmeister, der nichts hievon erfahren konnte, sass die ganze Nacht durch und buchstabierte mit schwerer Mühe eine Supplik zusammen und brachte sie mit dem frühsten Morgen seinem vermeinten guten Freunde und Beschützer, der sie augenblicklich zum Grafen trug. Der betrogne Mann wartete voller Ungeduld im Vorzimmer und bekam endlich zur Antwort, dass er gegen Abend die Willensmeinung seines Herrn erfahren solle. Seinem Glücke so nahe, bildete er sich ein, dass es ihm wohl erlaubt sei, die hochwohlgeborne Braut auf ihrem Zimmer bei Tageslicht zu besuchen: er eilte auf den Fittichen der Liebe zu ihr, eine fröhliche Botschaft zu hinterbringen, die sie nach seiner Meinung aus seinem mund zuerst erfuhr, undGötter! wie stutzte der Mann, als er seine breitschulterichte Chloewie er sie sonst nennen musstein Tränen zerfliessend, bleich und voller Betrübnis erblickte. – "gehen Sie!" rief sie ihm entgegen, "Sie sind die Ursache meines Unglücks: ich möchte, dass ich mich niemals vom bösen Feinde hätte verführen lassen, Sie zu lieben. O Tartarus! schlinge mich in deinen flammenden Wanst hinab!"2 – Mit dieser patetischen Ausrufung ging sie ins Kabinett und schloss hinter sich zu. Der erstaunte Liebhaber sah sich im Zimmer um, klatschte mit dem spanischen Rohr dreimal an die gewichsten Stiefeln und ging seinen Weg.

Unmittelbar nach aufgehobner Tafel wurde fräulein Hedwig angedeutet, dass man im Städtchen eine wohnung ausgemacht habe, wo sie künftig residieren und wohin sie sich nebst ihren sämtlichen Effekten in der Dunkelheit des Abends begeben solle: um ihr Exilium nicht ganz trostlos zu lassen, versprach ihr der Graf eine jährliche kleine Pension, doch mit dem Vorbehalt, dass sie nie seinen ungnädigen Augen mit ihrem Antlitze in