allem das Gegenteil, was er wollte: die Aussicht auf die nahe Flucht, wozu man nunmehr durch die geheime Korrespondenz den Tag angesetzt hatte, gab ihm unüberwindliche Herzhaftigkeit.
Vorher aber beschloss er Rache über ihn, die er für sich ohne Zutun der Baronesse ausführen wollte. Der Junge war so neugierig als genäschig: ein hellfarbiger Lappen, ein funkelnder Stein konnte ihn wer weiss wie weit locken. Heinrich hing also an einem Baum jenseits eines schlammichten, tiefen Grabens etliche bunte flatternde Bänder auf, überbaute einen schmalen Fleck des Grabens mit einigen dünnen Stecken, schüttete Erde darauf und bedeckte sie künstlich mit Laub und Gras, dass man die Falle nicht vermutete. Jakob wurde durch eine Strasse von gestreuten Kirschen, die wie verloren dalagen, zu dem Orte gelockt: kaum erblickte er die wehenden roten Bänder von weiten, als er nach ihnen hineilte: er hoffte eine Entdeckung zu machen, die er oder sein Vater zu jemands Unglücke brauchen könnte, hielt in der Übereilung Heinrichs gebaute brücke für festen Boden, galoppierte auf sie hin, den blick stier auf die roten Bänder gerichtet – pump! brach der betrügerische Steg ein, und Jakob lag bis an die Schultern im Schlamme: die Ufer des Grabens waren tief und für ihn unersteiglich, sosehr er arbeitete, herauszukommen: er schrie, doch niemand hörte ihn.
Sein Vater, der Graf und auch endlich die Gräfin waren in der äussersten Verlegenheit, dass der werte Jakob sich verloren hatte: man suchte ihn mit Laternen und fackeln und kam in den abgelegnen teil des Gartens nicht, wo er im Schlamme seufzte: er musste die Nacht unmassgeblich mit dem feuchten Bette vorliebnehmen. Die Nachsuchung wurde den andern Tag wiederholt: der Gärtnerbursche hörte wohl, als er in die Nachbarschaft des Grabens zufälligerweise kam, etwas piepen, das einer Menschenstimme ähnlich klang: allein da es sich nicht in artikulierten Tönen näher erklärte, so ging er seinen Weg und liess es piepen. Zufälligerweise kommt er nach Tische in die Küche, erzählt sein piependes Abenteuer und ist beinahe der Meinung, dass die kleine Komtesse Fritzchen, die vor dreissig oder mehr Jahren, als der Graben noch wasser hatte, nach der Sage des Städtchens darinne ertrunken war, dies Klagelied angestimmt habe. Die Vermutung war nicht übel ausgedacht: denn alle Gärtnerburschen vor ihm hatten dergleichen Jammertöne von dem ertrunknen Fritzchen gehört, und durch ununterbrochene Tradition waren alle Gärtnerburschen in den Besitz eines unauslöschlichen Rechts geraten, allein mit Ausschliessung aller andern Erdenbewohner das ertrunkne Fritzchen jammern zu hören. Der Bursche stand im Kredit eines grossen Verstandes und fand bald unter den Domestiken starken Anhang: alle erklärten seine Erklärungsart für die einzige ortodoxe Meinung, nur der Koch, ein Heiducke und ein Jäger, drei rohe Kerle, die weder Himmel noch Hölle glaubten, waren Antifritzianer: der andere Jäger war anfangs ein Zweifler, erklärte sich aber, als Not an den Mann ging, für die ortodoxe Partei. Die Fritzianer konnten es nicht ertragen, dass sie ihre Gegner mit ihrem einfältigen Glauben aufzogen und laut belachten: diese beriefen sich alle drei in einem Tutti auf die Unmöglichkeit der Sache; und jene setzten ihnen entgegen, dass es aber geschehen sei, und geschehne Dinge könne man doch nicht verwerfen.
"Es ist nicht geschehen", sagten die Antifritzianer.
"Es ist aber geschehen!" riefen die Fritzianer. "Moritz, hast du's nicht gehört?" –
Wo war Moritz? Der kluge Sektenstifter, als er den Streit zu lebhaft werden sah, schlich sich heimlich aus der Küche fort. Da also der Zeuge fehlte, schränkte man sich bloss auf eine Disputation über die Möglichkeit der Sache ein. Die Fritzianer bewiesen aus der geschichte alter Gespensterbegebenheiten die Wirklichkeit eines solchen Vorfalls: die Antifritzianer leugneten Faktum und Schlussfolge und verlachten alle Gespensterhistorien als alte Weibermärchen.
"Ja", sagte der Tafeldecker, ein heimlicher Antifritzianer,
"Moritz kann sich wohl geirrt haben: vielleicht ist es ein ungeschmiertes Schubkarrenrad gewesen" –
"Oder eine Eule", schrie der Jäger, der Antifritzianer. –
"Oder eine Maus", rief der Heiducke –
"Oder ein kranker Hammel", sprach der Koch –
"Oder ein Schwein", unterbrach ihn der Heidukke –
"Oder ein Esel", rief der Jäger –
"Oder ein Ochse", schrie der Koch –
"Ihr werdet doch die drei Kerle nicht recht behalten lassen", zischelte der andere Heiducke, ein eifriger Fritzianer, einigen von seiner Partei zu: wie ein Lauffeuer verbreitete sich seine Anreizung von einem zum andern, und in wenig Sekunden war der ganze Haufen entschlossen, recht zu behalten.
"Gebt euch nicht mehr mit solchen Halunken ab!" sagte der nämliche Heiducke laut zu seiner Partei, um den eingeschlafnen Streit wieder anzufachen. "Die Kerle glauben nicht, dass eine Sonne am Himmel ist, wenn sie ihnen gleich den Kopf verbrennt."
"Ihr habt wohl Ursache zu schimpfen!" erwiderte der Jäger von der Gegenpartei, ein feiner Spötter. "Ihr Schöpse glaubt jeden Quark frischweg, wie er auf die Erde fällt."
"Und ihr lebt wie die Säue in den Tag hinein und glaubt gar nichts", riefen die Fritzianer alle.
"Weil ihr Hornvieh, dumme Esel seid", rief der Koch patetisch, "deswegen glaubt ihr alles. Ihr seid ja, straf mich Gott! so ochseneselgänserindviehdumm wie die Gänse: die nehmen auch alles an, was man ihnen in den Hals stopft."
"