sich ein Paar Verliebte beunruhigen und aufrichten können. Jakob war so gierig nach den Büchern, die man ihm zu überbringen gab, als nach den Pflaumen und fragte oft bei beiden Teilen an, ob nichts zu bestellen sei: sein Vater hatte ihm ausdrücklichen Befehl dazu gegeben, weil er sich jedesmal vor der Überbringung das Buch zur Durchsicht zeigen liess, und so einmal einen handschriftlichen Beweis seiner Erdichtung darinne zu erwischen hoffte, wenn's auch nur ein gleichgültiges Zettelchen wäre, das man dem argwöhnisch gemachten Grafen durch eine geschickte Auslegung als sehr strafbar vorstellen könne. Er blätterte und suchte in den Büchern und fand niemals etwas.
Die Beschwerden, die Jakob nebenher allen im schloss verursachte, wurden immer drückender. Aus unseliger gefälligkeit gegen ihren Gemahl hatte sich sogar die Gräfin auf die Seite des Buben geschlagen: überhaupt handelten, liebten und hassten diese beiden Leute beständig wider ihre eigne Überzeugung: ein jedes quälte sich mit Neigungen und Abneigungen, um dem andern zu gefallen, und die Gräfin wurde an dem struppköpfichten Jakob zum wahren Märtyrer der Politesse. Er war ihr bis zum Ekel widrig, wie sein Vater verhasst, und doch lobte sie das Ungeheuer in des Grafen Gegenwart, tändelte mit ihm, beschenkte ihn und erwies ihm tausend Gütigkeiten, behandelte ihn sogar als ihren Liebling und sagte dem Vater Schmeicheleien über die Annehmlichkeiten seines Sohns: sie ging in dieser traurigen gefälligkeit bis zur Ungerechtigkeit gegen diejenigen, die dem Jungen missfielen: man kann leicht raten, wer dies sein mag. Sie ging aus wahrer Abneigung gegen Heinrichen, den ihr seine Feinde die Zeit her in so nachteiligem Lichte vorgestellt hatten, und in völligem Ernste damit um, ihn aus dem haus wegzuschaffen; und nur eine Art von weiblichem Mitleiden zwang sie, auf Mittel zu denken, wie sie ihm mit den wenigsten Unkosten zu einem Fortkommen ausser ihrem haus behülflich sein könnte. Der Graf hatte ihn unmittelbar nach der Ohrfeige fortjagen wollen, wie er's nannte, allein sein Maulesel verbot es ihm: dem Niederträchtigen war es nicht genug, dass er mit einem so kleinen Zorne wegkommen sollte, und verzögerte durch verstellte Vorbitten bei dem Grafen seine Verabschiedung bis zu einem Zeitpunkte, wo sie mit grösserm aufsehen geschehn konnte.
An Neckereien liess es sein Jakob nicht fehlen, diesen Zeitpunkt zu beschleunigen. Die Baronesse hatte einen kleinen Fleck im Garten für ihr Taschengeld mit Begünstigung des Onkels bearbeiten lassen, worinne sie einige ihrer verliebten arkadischen Ideen ausführte. Es war eine Laube darinne, kleine Rasenplätze, die Triften vorstellten, worauf sie ein kleines wollenreiches Schäfchen mit einem roten Halsbande zuweilen selbst weidete, Kirschbäume mit eingeschnittenen Namen, die niemand entziffern konnte als sie, Blumenbeete, mit Tymian und Lavendel eingefasst, von welchen sie Kränze band, um ihre Laube damit zu zieren, auch ein Bach, der bei starkem Regenwetter wasser und beständig Mücken und Frösche in Menge hatte: sie versicherte in der Folge oft selbst, dass sie in dieser mit Kränzen behangnen Laube, ihr weidendes Schäfchen vor sich, wahre Empfindungen arkadischer Glückseligkeit genossen und in ihrer Einbildung eine Welt um sich geschaffen habe, in welcher sie zeitlebens träumen möchte. An einem Morgen, als sie dieser phantastischen Glückseligkeit zueilte, fand sie alle ihre Kirschbäume zerschnitten, zerknickt, zum teil umgerissen, ihre Blumen abgeschnitten, die Einfassungen ausgewurzelt, ihre Laube beschädigt: ihre erträumte Welt war dahin und mit ihr ihre Glückseligkeit, traurig sah sie auf die Ruinen ihres Glücks herab, weinte und beschwerte sich bei dem Onkel. Sie gab es dem heimtückischen Jakob Schuld: und da der Bursche sich meisterlich auf das Leugnen verstund, so endigte sich die Klage mit einem doppelten Verweise für die Baronesse, dass sie einen Unschuldigen angeklagt habe und dass sie in ihrem Alter die Unanständigkeit begehe, über solche Kindereien zu weinen.
Jakob bekam Lust zu ihrem Schäfchen, das sie seitdem mit stiller Wehmut zuweilen in dem verwüsteten Arkadien geweidet hatte: ohne Anstand musste es ihm abgetreten werden und der Garten dazu, mit dem Bedeuten, dass sich eine sechzehnjährige Baronesse mit ernstaftern Vergnügen als mit solchen Kinderpossen die Zeit vertreiben müsse. -"Stricke, sprich, nimm die Karten in die Hand! das ist anständiger für dich" – belehrte sie der Graf.
Die Baronesse unterhielt sich aus natürlicher Freude an dem niedrigen Leben mit den geringsten Mädchen, und nicht selten ging sie, wenn die Hintertür des Gartens offen war, auf der grossen Wiese, in einem Zirkel von Bettelkindern, spazieren, unter welche sie ihr Taschengeld austeilte: nicht selten gesellte sie sich zu den Mägden und Frönern, wenn sie Heu machten, setzte sich unter sie, kaufte ihnen ein Stück ihres groben Vesperbrots ab und ass mit ihnen, so vergnügt und heiter über ihren dörfischen Scherz, als wenn sie dazu geboren wäre. Jakob belauerte sie, zeigte es an, und auch dieses Vergnügen wurde ihr bei der schärfsten Strafe und in den schärfsten Ausdrücken untersagt.
Heinrichen konnte er im grund weniger anhaben, weil man sich um diesen weniger bekümmerte: er suchte ihn also auf seines Vaters Eingebung mit Schwingern zu entzweien. Er goss ihm Tinte auf die Bücher oder auf die Wäsche und beteuerte alsdann mit Schwüren, dass er's Heinrichen habe tun sehen. Er wollte Herr des Zimmers sein, despotisch befehlen, wo dieses, wo jenes stehen sollte, dass oft selbst der gutmütige Schwinger die Geduld verlor und seine Hand mit Gewalt zurückhalten musste. – Heinrich hingegen war aller Zurückhaltung überdrüssig: er widersetzte sich ihm jetzt mutig und tat gerade von