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Lieblingsbücher zusammen, setzte Feder, Papier und Tinte in Bereitschaft und dachte wie ein wahrer Neuling in der Welt, der voll Berauschung nicht über die augenblickliche Ausführung seines Projekts hinaussieht, mit einem solchen Reisebündel seine Wanderschaft anzutreten. Schwinger bemerkte die Unruhe, die die unaufhörliche Beschäftigung mit einem so wichtigen Anschlage hervorbringen musste: allein weil er glaubte, dass sie noch von der empfangnen Ohrfeige herrührte, so ermahnte er ihn mit den auserlesensten Sittensprüchen zur Standhaftigkeit und mutigen Ertragung seiner Beleidigung.

Drittes Kapitel

Jakobs Vater fand, dass sein Sohn seinem Posten etwas schläfrig vorstund: ausser der Ohrfeige hatte er Heinrichen nichts als unbedeutende Verweise zugezogen, und zum offnen Zanke war es gar noch nicht gekommen. Er selbst war der Machinationen wider seine Kameraden überdrüssig und verlangte nach einer höhern Sphäre zu seinem Wirkungskreise, und in diese Sphäre gehörten fräulein Hedwig und Schwinger mit ihren beiderseitigen Untergebenen: er hatte keine geringere Absicht, als dass sie alle samt und sonders in voller Ungnade aus dem haus sollten. Der Bewegungsgrund? – Keinen hatte er, als weil er eine Ehre darein setzte, bei dem Grafen Einfluss zu haben, und weil es ihn mehr schmeichelte, durch seinen Einfluss andern zu schaden als zu nützen: das Schicksal aller im haus sollte auf seinem Willen beruhen wie das Geschick einer Welt auf Jupiters Winke. Er hatte, seinem grossen Entwurfe gemäss, seine Aufmerksamkeit zuerst auf fräulein Hedwig gewendet und ihr Verständnis mit dem dicken Amyntas, dem Stallmeister, glücklich ausspioniert: versteht sich, dass es der Graf die Minute darauf erfuhr! Nächstdem hatte er auch eine Vertraulichkeit zwischen der Baronesse und Heinrichen ausgekundschafteteigentlich zwar nicht ausgekundschaftet, ob er's gleich bei dem Grafen vorgab, sondern nur erdichtet, und passte ihnen nunmehr auf, um zum Beweise seiner Erdichtung wahrscheinliche Umstände aufzusammeln. – Um endlich auch den armen Schwinger nicht eine müssige Nebenrolle spielen zu lassen, musste er sich sogar in die Gräfin verliebt haben und also bei dem Schauspiele die lustige person sein: kein Abend ging vorbei, wo er den Grafen nicht mit komischen Auftritten jener verwegnen Liebe unterhielt, die der Graf für bare Wahrheit annahm und belachte.

Jakob wurde auf ausdrückliches Verlangen des Grafen zum Spion bestellt: er schlich den ganzen Tag auf dem saal vor dem Zimmer der Baronesse wie ein lichtscheuer Vogel an den Wänden herum und haschte Fliegen, wenn auch keine da waren, und schielte seitwärts nach allen Vorübergehenden unter den gesträubten Augenwimpern hin. Jedermann scheute ihn, weil er einem Vater gehörte, den jedermann fürchtete, und man vermutete gleich, dass er ein Spion sei. Weder die Baronesse noch fräulein Hedwig rührten sich einige Tage von der Stelle: Heinrich tat zwar oft seinen Spaziergang in den Garten, aber fruchtlos: er durfte nicht einmal nach der geliebten tür hinblikken. Die Baronesse wollte den Spion schlechterdings wenigstens auf einige Minuten entfernen, um mit Heinrichen Abrede zur vorgenommenen Rache zu nehmen. Der Junge war äusserst genäschig: sie stahl also ihrer Gouvernante, die beständig einen reichen Vorrat an Purganzen und Vomitiven zu eignem Gebrauche hatte, aus der Kommode soviel von beiden, als sie wegnehmen konnte, ohne die Verminderung der Apoteke sehr merklich zu machen. Die Medikamente wurden durch feine Öffnungen in ein Paket gebackne Pflaumen verteilt, die präparierten Pflaumen in die tasche gesteckt und in die tasche ein grosses Loch geschnitten: sie lief so oft über den Saal bald dahin, bald dortin und liess bei jedem Gange eine Strasse von verlornen Pflaumen hinter sich, auf welche Jakob wie eine lauernde Spinne aus ihrem Hinterhalte hervorschoss und mit der aufgelesenen Beute an die Wand zurückeilte, wo er sie begierig mit Fleisch und Kern verschluckte. Seine Fressbegierde machte die Dosis allmählich so stark, dass er vor den Schmerzen der wirkung nicht auf seinem Posten bleiben konnte. Er ging, dem Rufe der natur zu folgen; und während seiner oft wiederholten Abwesenheit hatte die Baronesse die Dreistigkeit, auf die Treppe zu treten und so lange zu husten, bis Heinrich den Ruf verstand und herunterkam. Er musste sie ins Zimmer begleiten; und nun wurde unter fräulein Hedwigs Vorsitz ein förmliches Komplott wider den Spion geschmiedet; und die Baronesse schlug dabei, um sich von Zeit zu Zeit Operationspläne unentdeckt mitzuteilen, eine eigene Art von Korrespondenz vor.

Es war in dem haus ein Pfänderspiel Mode, das man die Divination nannte. Eine person in der Gesellschaft durchstach in einem bedruckten Blatte mit der Stecknadel einzelne Buchstaben, die, herausgesucht und zusammengesetzt, einen Sinn gaben, überreichte das Blatt einer andern, die diesen Sinn heraussuchen musste. Dieses Spiel brachte sie auf den Einfall, in einem buch Buchstaben in der Ordnung durchzustechen, dass man sie, wenn das Blatt gegen das Licht gehalten wurde, ohne Beschwerde zu Worten zusammensetzen und lesen konnte. Unter dem Vorwande, als wenn Heinrich ihr und sie Heinrichen Bücher borgte, sollte der Spion selbst ihr Bote sein und die heimliche Stecknadelschrift überbringen. fräulein Hedwig sah Heinrichen bloss als einen Gehülfen der Rache an, ohne dass sie seine Teilnehmung einer andern Ursache als der Ohrfeige zuschrieb. Nach genommener Verabredung lauerte die Baronesse an der Tür, und bei der ersten Abwesenheit, zu welcher die Pflaumen die Schildwache nötigtenhusch! war Heinrich die Treppe hinauf.

Die Korrespondenz nahm ihren Anfang: allein statt sich Entwürfe zur Rache mitzuteilen, liess man's einige Zeit bei einem verliebten Briefwechsel bewenden. Die beiden Korrespondenten sagten sich in ihrer natürlichen, unschuldigen Sprache Zärtlichkeiten, angenehme Erwartungen künftiger Glückseligkeit, leere Tröstungen mit der Fluchtkurz, alles, womit