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Alleen eines Lustwäldchens fuhr: die ganze Stadt folgte ihm alsdann zu Fuss auf beiden Seiten und hinten nach, und jeder Knabe hatte die Erlaubnis, ein Band, ein Schnupftuch oder jede andre Sache, die weich genug war, um keine Beulen zu machen, wenn sie einen Kopf traf, in den Wagen zu werfen. Nach geendigter Spazierfahrt sammelte der Kammerdiener alle hineingeworfnen Lappen in einen Korb, trat mit ihm mitten auf den Schlosshof, die Stadtjugend stellte sich in einem Zirkel um ihn, und sobald der Graf das Fenster öffnete, fing er an, ein Band, ein Tuch nach dem andern in die Höhe zu halten und nach dem Eigentümer desselben zu fragen: wer sich dazu bekannte und sein Recht aus gültigen Gründen beweisen konnte, erhielt bei der Rückgabe etwas Geld: waren die Ansprüche so verwickelt und zweifelhaft, dass sich der Kammerdiener ohne Verletzung seines Richtergewissens nicht zu entscheiden getraute, so musste der Zweikampf den Ausschlag tun: die Kompetenten traten in die Mitte des Kreises, rangen miteinander, und wer den andern zuerst niederwarf, besass das Band und den damit verbundenen Preis ungestört bis in alle Ewigkeit, wenn er auch gleich dem Überwundnen gehörte. Während der Austeilung wurde ein Fass voll Bier, in Bereitschaft gesetzt, auf einen kleinen Wagen geladen; und hatte jedes Band seinen Besitzer gefunden, so spannte sich ein Trupp Knaben daran und zog ihn, Musik voraus, in den herrschaftlichen Garten, wo in einem, alten Pavillon die Mädchen warteten, um mit ihnen gemeinschaftlich den Abend unter Tänzen und Liedern hinzubringen. Sehr oft sah der Graf mit seiner Gemahlin ihren jugendlichen Ergötzlichkeiten zu, wenigstens waren doch auf allen Fall die Eltern zugegen, um Unordnungen vorzubeugen und durch ihre Gegenwart Reizungen zu unterdrücken, welche der Tanz leicht erweckt.

Der kleine Herrmann, der aus Liebe zur Gräfin die ganze Fahrt hindurch bis zur Ankunft auf dem schloss in der Kutsche ruhig ausgehalten hatte, bat sich die Erlaubnis aus, bei der darauffolgenden Preisausteilung die Stelle des Kammerdieners zu vertreten: und auf Zureden seiner Gönnerin bewilligte ihm der Graf seine Bitte. Er sammelte die zahlreichen Bänder und Tücher aus dem Wagen mit eilfertiger Geschäftigkeit zusammen und trat mit dem völligen feierlichen Anstande eines Richters, unter der Begleitung des Kammerdieners, der Korb und Geld neben ihm hertrug, in den Kreis seiner erstaunten Kameraden. Sie murmelten zwar einander einige kleine Höhnereien zu, dass ihresgleichen über sie erkennen sollte: allein Graf und Gräfin öffneten das Fenster, und man schwieg. Der neue Richter schwenkte ein Band in die Luft, fragte, wem es gehörte, gab es dem ersten, der mit einem deutlichen "Mir" antwortete, aber kein Geld, verfuhr mit den übrigen ebenso, und niemand bekam Geld. Der Kammerdiener, dieser neuen Praxis ungewohnt, wollte ihm ins Amt greifen; die ganze versammelte Jugend wurde schwürig und wollte die alte Prozessordnung hergestellt wissen: doch die Gräfin rief: "Lasst ihn nur machen!" – und man musste sich beruhigen. Als der Korb ausgeleert war, befahl er einem jeden nach der Reihe, seine eingelösten Bänder zu zählen, und wer die meisten hatte, bekam das wenigste Geld: ein einziger Knabe, der nur eins in den Wagen geworfen und auch nur eins zurückgefodert hatte, erhielt den höchsten Preisgerade so viel, als alle übrige zusammen. natürlich mussten die andern über ihre getäuschte Unverschämteit unwillig werden, und weil kein Mittel zu einer grösseren Rache vorhanden war, schimpfte, schmähte, verspottete man die neue Weisheit des Richters: der Kammerdiener, dem es auch nicht anstund, dass der Knabe klüger sein wollte als er alter Mann, suchte ihn anzuhetzen und in einen Streit zu verwickeln, wo er notwendig den kürzern ziehen würde. "Leid es nicht", zischelte er ihm leise zu: allein er bekam nichts als die stolze Antwort: "Das schadet mir nichts, ich bleibe dennoch, wer ich bin" – und so wanderte unser kleiner Herrmann voll edlen Bewusstseins nach dem Zimmer des Grafen.

Der Empfang von seiten der Gräfin war ungemein lebhaft und freundlich, und selbst ihr Gemahl fühlte in dem Verfahren des Knaben bei der Preisausteilung so etwas, das mehr als einen gemeinen Geist voraussetzte. Sie lobten ihn beide, beschenkten ihn, und der Graf gab sich selbst die gnädige Mühe, ihn mit hoher Hand in seinen Staatszimmern herumzuführen; denn nach seinen Begriffen war es die grösste Gnadenbezeugung, wenn er jemandem gelegenheit gab, ihn in seiner Pracht zu bewundern. – "Wie gefällt dir das alles?" fragte der Graf. – "Ganz wohl", erwiderte der Knabe; "nur das viele Gold kann ich nicht leiden." – "Was möchtest du nun am liebsten unter allen diesen Sachen haben?" fing die Gräfin an. – "Nichts als das!" antwortete der Kleine und wies auf ein Porträt der Gräfin.

Die Vorstellung – 'ich gefalle' – verbreitet über weibliche Nerven jederzeit so eine eigne lebhafte Behaglichkeit, dass ihr ein Frauenzimmer auch bei einem sechsjährigen Knaben nicht widerstehen kann: die Gräfin ging, ohne ein Wort zu sagen, in ihr Zimmer und kam mit einem Miniaturgemälde zurück, das sie ihrem Lieblingedenn das war er nun völligzum Geschenk überreichte. – "Wenn dir", sagte sie, "die Frau auf dem grossen Gemälde hier so wohlgefällt, so will ich dir ihr Porträt im kleinen geben: behalt es zu meinem Andenken!" – Der Knabe tat einen freudigen Sprung, seine ganze Miene