, die wir dem Onkel machen: er sprach mit der Tante im Nebenzimmer. Ich hörte meinen Namen nennen: gleich warf ich die Arbeit hin und horchte. 'So wäre doch Ulrike', sprach der Onkel, 'keine schlechte Partie, wenn wir Friedrichshain' – das ist ein Gut von meinem verstorbnen Vater – 'aus dem Konkurse ziehen könnten: es ist offenbar, dass man's nicht dazu hätte nehmen sollen: aber meiner Schwester Mann war nachlässig, und die Advokaten haben das so ineinander verwickelt, dass vielleicht zuletzt weder Gläubiger noch Erben etwas bekommen werden: indessen einmal muss doch die Sache ein Ende nehmen, wenn's auch noch einige Jahre hin dauerte.' Weiter konnte ich nichts hören: denn sie gingen ins chinesische Zimmer." – "Sieh einmal, Heinrich!" rief sie, ausser sich vor Freude, "wie reich wir noch werden können! Wenn ich das jetzt schon hätte, braucht ich nicht erst Kammerjungfer zu werden. Ich weiss auch gar nicht, was für schändliche Menschen die Advokaten sein müssen, dass sie die Sachen so verwikkeln. Sie können das wohl so mit ansehn: sie haben, was sie lieben – ach", unterbrach sie sich plötzlich, "dort kommt die dicke Hedwig. Ich will zu den Erdbeeren gehen und tun, als wenn ich für den Onkel pflückte. Hurtig! geh, dass sie dich nicht sieht!"
Ein Händedruck und ein freundlicher blick war der Abschied. zwei Schritte! dann kam sie wieder zurück. "Heinrich", zischelte sie, "du wirst doch den bleiernen Ring nicht vergessen?" – Er versicherte sie das Gegenteil, und sie flog zu den Erdbeeren und hatte schon eine ziemliche Menge gepflückt, als fräulein Hedwig ankam. Die Baronesse freute sich über ihre gelungne List und die Leichtgläubigkeit ihrer Gouvernante, die wegen eigenen Herzenskummers die Richtigkeit ihres Vorwands weder bezweifelte noch untersuchte. Sie pflückten beide in Gesellschaft. Die Baronesse beklagte sich, dass sie ihren Ring verloren habe. Die Gouvernante, die sonst bei solchen Gelegenheiten wie ein Löwe aufbrüllte, antwortete nichts als ein gleichgültiges "So?". – Sie suchten unter den Erdbeersträuchern, fanden ihn nicht und gingen beide fort, ohne sich weiter darüber zu beunruhigen.
Das Projekt der Entfliehung beschäftigte seitdem die Baronesse unaufhörlich. Jeden Morgen legte sie ihr Schlafzeug in ein kleines Paket zusammen und an das unterste Ende des Bettes: ihre diamantnen Ohrgehänge trug sie in der tasche nebst dem kleinen Geldvorrate, der sich nie sehr hoch bei ihr belief, weil sie aus Guterzigkeit jedem gab, der etwas brauchte. Etwas weniges Wäsche wurde in einem alten Pavillon im Garten hinter aufgeschütteten Ziegelsteinen verborgen und bei gelegenheit auch ein Schächtelchen, mit den Instrumenten aller weiblichen arbeiten angefüllt, welche sie verstund und wodurch sie ihren Unterhalt zu finden hoffte. Ihre Vorsorge ging so weit, dass sie sogar Seide, Goldfaden und andere Materialien zusammenpackte, und je länger sich die Flucht verschob, je mehr fand sich mitzunehmen, dass sie zuletzt einen Maulesel gebraucht hätte, um ihr Gepäcke fortzubringen: überdies musste sie sehr viele Sachen, wenn nach ihnen gefragt wurde, oft wieder auspacken. Um sich dieser Unbequemlichkeit zu überheben, hielt sie für dienlich, ihre Gerätschaft bloss in der pünktlichsten Ordnung zu erhalten, jedem Stücke den bestimmtesten Platz anzuweisen und es nach jedesmaligem Gebrauch pünktlich wieder dahin zu legen, um erforderlichenfalls in einer Viertelstunde sich reisefertig zu machen. fräulein Hedwig wunderte sich ungemein, woher ihr plötzlich diese ungewohnte Ordentlichkeit kam, und die Gräfin meinte, dass sie anfinge, die Kinderschuhe auszutreten. Die nahe Aussicht, nach ihren Begriffen aus einem Kerker erlöst zu werden, gab ihr die freudigste Munterkeit: die Hoffnung begeisterte sie so sehr, dass sie auch die langweiligsten Stunden mit Standhaftigkeit ertrug und die lästige Gesellschaft des Grafen ohne den mindesten Verdruss aushielt: sosehr es ihr sonst schwerfiel, das Mass der Anständigkeit zu treffen, das sie nach seinem Verlangen ihren Reden und Handlungen geben sollte, so leicht fiel es ihr jetzt. Der Graf fand sie ganz umgeändert und versicherte, dass vielleicht doch noch etwas aus ihr werden könnte. Ihre Geschäftigkeit und ihre Freude war ohne Grenzen: sie ging niemals, sie flog, getragen auf den Schwingen der Hoffnung.
Nicht weniger Anstalten machte auch Heinrich. Er war sogleich nach ihrer Trennung durch Hedwigs Dazwischenkunft ins Haus zurückgegangen und hatte seinen Ring, um keinen Verdacht zu erwecken, an einem Faden um den Hals gehängt; und so trug er ihn beständig unter dem linken arme auf der blossen Haut, nicht etwa aus Empfindsamkeit – diesem gekünstelten Hautgout in der Liebe, den er noch nicht kannte! –, sondern weil er ihn auf diese Art am sichersten zu verbergen glaubte. Er ging etlichemal vor dem Zimmer der Baronesse vorbei, um ihr sein bleiernes Gegengeschenk einzuhändigen: sie erschien nicht. Endlich begegneten sie einander: fräulein Hedwig ging neben der Baronesse, und also war nicht mehr Zeit, als verstohlen zu geben und verstohlen zu nehmen: wie ein Wind war der Ring an ihrem Finger, den sie auch nicht eher verliess, als wenn sie vor dem Graf oder der Gräfin erscheinen musste, die sie verschiedenemal wegen dieser schlechten Zierde gescholten hatten und ihr drohten, das elende Ding zum Fenster hinauswerfen zu lassen, wenn sie es noch an ihrer Hand blicken liess.
Heinrich packte nach jener Übergabe seines Liebespfandes nicht etwa Wäsche oder andere ähnliche Bedürfnisse, sondern einen alten Seneka, einen Antonin und ein paar andre seiner