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hinweg.

Der Übergang von Schmerz und Kränkung zur Liebe ist nur ein halber Schritt: die zärtliche Stellung, in welcher er sich mit der Baronesse befandvon ihren Armen festumschlungen und dicht an ihren klopfenden Busen gedrückt, dass ihr Odem sein Gesicht betauteihr Mitleid, ihre Vorsorge –, alles drängte in einem Tumulte auf seine Empfindung los und spannte ihre Federn so stark an, dass er sein Gesicht an ihren Busen verbarg und heisse Tränen hineinströmte: beide zerflossen in einer Inbrunst, die auch Ulrikens Augen trübte. Bei der Baronesse erwachte Besonnenheit und Scham zuerst: sie machte ihre arme los und schob ihn von der Brust hinweg: der Schwung, den Zorn und Wut seiner Seele gegeben hatte, machte ihn dreist: er wiederholte eine Umarmung, die seinen Schmerz so merklich in sanfte, erleichternde Empfindungen verwandelte, und zog Ulriken mit sich unter den Baum hin: der Sturz entdeckte ihm ein Knie, das die natur nur einmal in solche Form goss, das ihm Neuheit und wallende Imagination in dem Augenblicke mit Reizen belebten, die alle seine Sinne benebelten: er war berauscht, er lechzte vor innerlicher Glut. Ulrike wand sich zum zweiten Male los: beide sahen ins Gras und schwiegen.

"Ach, unmöglich kann ich aus dem haus gehen", fing Heinrich an, "ich muss meinen Schimpf tragenden entsetzlichen Schimpf!"

Die Baronesse. Du? aus dem haus gehen?

Heinrich. Ja, ich muss: aber ich kann nicht; und wenn ich alle Tage bis aufs Blut gequält würde, ich kann nicht! – Ulrike, wie mach ich's, dass ich mir nicht gram werde, wenn ich bleibe?

Die Baronesse. Rächen muss du dich an dem Lotterbuben! Räche dich, und dann geh! Geh aus dem haus und –, lieber Heinrich, nimm mich mit dir! Das ganze Schloss ist mir zuwider, dass ich's nicht gern ansehe. Man wird seines Lebens nicht froh darinne: das ist eine ewige Langeweile, ein ewiger Zwang: das Reprimandieren, Korrigieren hat gar kein Ende. Ich muss mich bücken und schmiegen und werde verachtet, weil ich aus Gnade im haus bin: die geringste Kleinigkeit muss ich mir als eine grosse Gnade anrechnen lassen undkurz, ich bin des Lebens satt. Nun soll ich auch noch dem Schandbuben, dem Jakob, aufwarten: noch gestern hat mich der Onkel seinetwegen ausgescholten, dass ich

Sie verstummte mit Tränen. Heinrich knirschte. "Ja", sprach er, "rächen wollen wir uns und gehen! – Aber wohin?" setzte er bedenklich hinzu.

Die Baronesse. Wohin uns unsre Füsse tragen! Ich kann ja Putz machen, nähen, stricken und tausend andre solche arbeiten: ich will mich indessen als Kammerjungfer vermieten: – aber es muss weit, weit sein, dass Onkel und Tante nichts von mir erfahrenund wenn du einmal einen Dienst bekommstmöchte er auch noch so klein seinach, lieber Heinrich, wenn du das wolltest! –

Sie senkte den blick und schwieg.

Heinrich. Baronesse

Die Baronesse. Nenne mich nicht mehr Baronesse! Ich bin dem Namen feind: er klingt viel zu fremd für uns; und ich will's von nun an nicht mehr sein.

Heinrich. Ulrike, hier ist meine Hand! Ich wandre aus: ich suche einen Dienst, der uns ernähren kann; und dannach, liebe Ulrike, wenn du das wolltest! –

Stillschweigend zog sie einen kleinen goldenen Ring bedächtlich vom Finger. – "Hast du keinen Ring?" fragte sie leise.

Heinrich. Ja, aber nur einen bleiernen, den mir einmal ein armer Hausierer für ein Almosen geschenkt hat.

Die Baronesse. Schadet nichts! bleiern oder golden!

Sie steckte ihm den ihrigen an den Finger. – "Er passt", sprach sie freudig, "als wenn er für deinen Finger gemacht wäre. Gib mir deinen bleiernen dafür!"

Heinrich. Noch heute!

Die Baronesse. Geh, suche einen Dienst! und dannHeinrich, du hältst Wort?

Heinrich. So gewiss, als ich dir diese Hand gebe! Du wirst Kammerjungfer: und dannUlrike, wenn gehen wir?

Die Baronesse. Bald! denn der Onkel liess neulich ein Wort fallen, dass er mich nach Dresden zu einer alten Anverwandtin tun wollte: da wird vollends ein hübsches Leben angehn! Ich grämte mich zu tod. – Wir müssen ja eilen!

Heinrich. Die Minute geh ich mit dir, dass ich nicht wieder in das schändliche Haus darf.

Die Baronesse. Komm! wir wollen sehen, ob die Tür offen ist! – Sie gingen wirklich, um auf der Stelle einen Anschlag auszuführen, dessen nur ein unbesonnenes Mädchen im sechzehnten und ein beleidigter Bursche im fünfzehnten Jahre fähig ist: allein zu ihrem Glücke war die Tür verschlossen. Zudem besann sich auch die Baronesse unterwegs, dass sie den bleiernen Ring noch nicht bekommen habe, und drang also in ihren Begleiter, zurückzukehren. Auf dem Rückwege vertraute sie ihm eine andre Entdeckung, die nach ihrer Meinung für ihr künftiges Glück sehr heilsam sein sollte. – "Du weisst vielleicht", sagte sie, "dass mein Vater sehr viele Schulden hinterlassen hat, und nach seinem tod haben die Leute, von denen er borgte, alles weggenommen. Nun sass ich ehegestern auf dem Sofa in der Tante Zimmer und stickte an der Weste