1780_Wezel_105_57.txt

warf Jakob eine Grobheit oder plumpe Höhnerei jemanden an den Hals, so erschallte ein beifallvolles lachen: sehr oft erzählte er sogar Einfälle, die Heinrich gesagt und die Baronesse bei Tafel vorgebracht hatte, als ob sie von dem struppköpfichten Jakob herrührten. – Es ist ein unseliger Trieb in der menschlichen natur, der die Menschen gegen die Vortrefflichkeit empört: lieber räuchern sie einem abgeschmackten, geistlosen, unwürdigen Apis, um einen Apoll zu demütigen, weil er den Weihrauch verdient. Auszeichnendes Verdienst ist ein Fehdebrief an die Verachtung, den die natur ihren Günstlingen auf die Brust hing, der jedesmal richtig beantwortet wird, wo es die Leute nicht der Mühe wert achten zu hassen. Zu diesem grund gesellte sich noch ein anderer nicht weniger wichtige: Jakob, weil er keinen Wert in sich selbst fühlte, kannte keinen andern als den Gehorsam eines Hundes, der sich von seinem Herrn zu allem gebrauchen lässt, wenn er ihn nur gut füttert: Heinrich hingegen, voll vom Gefühl seiner Kraft, erwies und foderte achtung, gehorchte aus Erkenntlichkeit und rang nach keiner Gunst, die er als eine erniedrigende Gnadenbezeugung besitzen sollte: als Belohnung, als Verdienst wollte er sie empfangen. Dieser schmeichelte und ehrte den Grafen, um sich ihm verbindlich zu machen, und der Graf wollte nur aus Schuldigkeit geehrt und geschmeichelt sein: er foderte Respekt als einen Tribut. Eine solche Foderung erfüllte Jakob ungleich besser: er war sich in seinen eignen Augen nicht viel und fand also nicht befremdend, wenn ihn der Graf als gar nichts behandelte.

Heinrich sah vielleicht einen grossen teil hiervon ein: allein welche Menschenseele sollte nicht dessenungeachtet bei einem so offenbaren Unrechte entbrennen und wider den Unwürdigen auflodern, der so ganz ohne Verdienst den Vorzug an sich reisst? – Sooft auch Schwinger seine Ermahnungen zur Gelassenheit wiederholte, so konnte er sich doch nicht entalten, ihn zuweilen mit bittern Spöttereien und empfindlichen Verächtlichkeiten zu bestrafen: zu seinem Ärger verstand sie der Bube meistenteils nicht, war aber die Dosis so stark, dass er sie notwendig fühlen musste, so rächte sich der Beleidigte mit einer Plumpheit, und wenn er im darauffolgenden Wortwechsel nicht weiterkonnte, so war seine gewöhnliche Zuflucht, den Streit mit Erdichtungen zum Nachteile des Gegners dem Grafen zu hinterbringen, der nicht selten Heinrichen einen Verweis darüber geben liess. Eines Tages ging es so weit, dass ihn der Graf, als er ihn von ungefähr auf der Treppe traf, in Gegenwart seines ganzen Gefolgs und des Anklägers derb ausschalt, weil er diesen die 'Meerkatze des Grafen' genannt hatte. Heinrich, über die Vorwürfe und das triumphierende Gelächter seines Gegners aufgebracht, antwortete bitter: "O ich hab ihm noch zuviel Ehre angetan; Ihre Hofsau hätt ich ihn nennen sollen." – Der Graf vergass sich in der Hitze so weit, dass er ihm mit hoher Hand auf der Stelle eine Ohrfeige gab.

Wie angewurzelt stand der Beleidigte da und wusste nicht, ob er dem Grafen nachgehen und sich durch stärkre Empfindlichkeiten rächen oder dem Buben, der vor Freude hüpfte, die Kehle zudrücken sollte: jetzt ging er, jetzt stunde er, knirschte mit den Zähnen, schlug sich mit der geballten Faust an die Stirn, dass es laut schallte, seufzte, lehnte den Kopf an die Wand und brach vor Schmerz über seine ohnmächtige Wut in eine Flut von Tränen aus.

Die Baronesse hatte durch eine schmale Eröffnung ihrer Tür den hässlichen Auftritt mit angesehn: schon war sie auf dem Sprunge, sich zu verraten und dazwischenzulaufen, als der Graf ausholte, allein zu ihrem Glück blieb sie mit der Falbala am untersten Riegel hängen, und ehe sie sich losriss, war die Ohrfeige schon empfangen und ihr Onkel fortgegangen. Sie tat einen lebhaften Ruck, dass ein grosser teil der Garnitur an dem Riegel zurückblieb, und eilte auf Heinrichen zu, wie er mit dem kopf an der Wand lehnte. Sie legte beide hände auf seine Schultern, um ihn abzuziehen, tröstete und bat ihn, sie in ihr Zimmer zu begleiten. – "Ich bin allein", setzte sie hinzu, "Hedwig ist bei der Gräfin." – "Lassen Sie mich!" rief er mit schmerzhaftem Tone und ging die Treppe hinunterstundeging über den Hofstunde wiederging in den Gartenein paar Gänge aufwärts mit untergeschlagenen Händen und gesenktem haupt, so tief in seinen Schmerz verloren, dass er an Bäume rennte, weder hörte noch empfand. Die Baronesse folgte ihm stillschweigend Schritt vor Schritt sehr nahe auf den Zehen. Er kam an einen Teich: Die Baronesse hatte schon die Hand am Rockzipfel, um ihn aufzuhalten, wenn er im Tiefsinne das wasser nicht gewahr werden sollte: der Fuss war bereits aufgehoben, um ihn in den Teich zu setzendie Baronesse zog ihn zurück: ohne sich des Zuges bewusst zu sein, erwachte er, erblickte das wasser, trat zurück und stunde da. Er warf sich in den Sand hin, die Baronesse flüchtete hinter einen nahen Baum. Plötzlich sprang er auf, mit einer Bewegung, als wenn er sich in den Teich stürzen wollte: dass er wirklich die Absicht hatte, ist nicht zu leugnen: aber der Entschluss war nur ein schneller Stoss, eine Verzuckung der leidenschaft, und er hielt sich schon zurück, als die Baronesse hervorbrach und ihm um den Hals flog. Als wenn er noch immer bereit wäre, seinen Vorsatz auszuführen, packte sie ihn in ihrer Umarmung fest und trieb ihn mit aller Gewalt vom wasser