–, seinen Sohn auf dem schloss wie den jungen Herrmann erziehen zu lassen: der Graf sagte ohne Bedenken ja, und den Tag darauf erschien der Bube, das echte Konterfei seines Vaters. Unseren Heinrich wollte er nicht geradezu verdrängen, weil er hoffte, dass sein vielversprechender Sohn bald einen glücklichen Zank bewerkstelligen werde, wo jener als die schwächere Partei notwendig den kürzern ziehen und durch seine Veranstaltung in Ungnaden den Platz ganz räumen müsse.
Schwinger hätte lieber einen leiblichen Sohn des Satans unterrichtet als diesen Buben: allein was sollte er tun? Es war Befehl des Grafen, von dem er sein Glück erwartete. Jakob – so hiess er – wurde also der Stubenkamerad und Mitschüler des armen Heinrichs. Schwinger gab seinem bisherigen Zöglinge heilsame Verhaltensregeln und empfahl ihm vor allen Dingen, Zank zu verhüten, den gefährlichen Nebenbuhler zu meiden, soviel es sich tun liess, und keine von seinen Beleidigungen der Aufmerksamkeit zu würdigen: er selbst beobachtete eine ähnliche Aufführung gegen ihn, liess ihn bei seinem Unterrichte gegenwärtig sein, ohne sich um ihn zu bekümmern, ob er etwas lernte oder nicht; er konnte gehen, kommen, achtaben oder nicht, und wegen seiner Aufführung lobte und tadelte er ihn mit keiner Silbe. Der Bube, der nicht den mindesten Trieb zum Fleisse hatte, war mit dieser verächtlichen Behandlung äusserst zufrieden und brachte die Lehrstunden meistens am Fenster mit dem unterhaltenden Spiele zu, dass er Fliegen fing, an Stecknadeln spiesste und mit inniger Freude sie zu tod quälen sah. Deswegen sagte ihm auch einmal Schwinger: "Du bist zum Scharfrichter geboren" – welche Bestimmung er so freudig anerkannte, dass er versicherte, er wolle einem Menschen wohl den Kopf abhauen, wenn er stillhielt. Heinrich kehrte ihm vor Abscheu den rücken zu und verzog sein ganzes Gesicht in die Miene der Empfindlichkeit: es schauerte ihn.
Noch ging's auf allen Seiten gut: allein der Junge war von der natur so zum Hasse ausgezeichnet, dass man ihn unmöglich um sich sehen und bloss verachten konnte. Aus seinen lichtgrauen, beinahe grünen Augen lauschte der ausgemachteste Schelm hervor, der niederträchtig sein musste, weil er zur Bosheit zu dumm war: alle Muskeln des Gesichts bewegten sich unaufhörlich: bald zog sich der Mund in eine schiefe, höhnende Lage, bald rümpfte sich die Nase, bald rissen die Augen, wie grosse unterirdische Höhlen, auf, und die Augenbraunen fuhren über die Stirn bis an die Haare hinan, bald bleckte er die Zunge, bald fletschte er die Zähne wie ein grimmiger Tiger – und alles vor sich hin, ohne ein Wort zu sprechen! Zum freien Blikke in die Augen liess er's niemals kommen, sondern wandte sogleich die Augen hinweg, wenn sie ein fremdes Auge traf, und wollte er jemanden anschauen, so geschah's nicht anders als mit einem hämischen Seitenblicke. Nie stand er gerade auf den Fusssohlen, sondern ein Fuss lag gewöhnlich auf der Seite und rieb sich an den Dielen: drei Finger in den eirunden Mund zu stecken und daran zu kauen, beide Ellbogen auf den Tisch zu stützen und den Affenkopf in die hände zu legen, sich nur mit einer Seite des Leibes auf den Stuhl zu setzen und mit der Schläfe an der Lehne hin und her zu fahren – diese und ähnliche waren seine Lieblingsstellungen. Der Kontrast, wenn dieser Pavian und Heinrich nebeneinander stunden, war so auffallend als zwischen einem Satyr und einem Apollo. Dem jungen Herrmann sprach aus den feurigen, dunkelblauen Augen eine Seele voll edler Grösse und starken Gefühls: auf den roten, vollen Wangen blühte Heiterkeit und fröhlicher Mut: der lächelnde kleine Mund kam, auch schweigend, mit gefälligkeit und Liebe entgegen: die gebogene Nase kündigte Verstand, die hochgewölbte Stirn Tiefsinn und Ernst und die starken, in erhabne Bogen gekrümmten Augenbrauen Würde an: aus allen Punkten des Gesichts redete Offenheit, dass man beim ersten Anblicke in ein Herz zu schauen glaubte. Jede Bewegung seines wohlgebildeten Leibes wurde von einem Reize, einem bezaubernden Reize begleitet: selbst die stolzeste Dame, wenn sie die Pantomime sah, womit seine Lebhaftigkeit alle Reden beseelte, spitzte den Mund zu einem Kusse und würde ihn gewiss auf seine Lippen gedrückt haben, wenn sie nicht die Erinnerung an ihren Stand zurückgezogen hätte. Erblickte man neben diesem Marmorbilde des Phidias den tönernen Jakob, von dem elendesten Töpfer geformt – einen dicken, kugelrunden Kopf mit Schweinsaugen, einer ungeheuern Nase, einem grossen verzerrten mund und hauptsächlich, zur Warnung aller Sterblichen, mit der hämischsten, tückischsten, gelbsüchtigsten Miene und der niederträchtigsten Dummdreistigkeit, so deutlich und leserlich, als ein Dieb, vom Scharfrichter gebrandmalt: sah man diesen krummbeinichten Pagoden dahinschlendern und mit den plumpsten Manieren oder leidenschaftlichem Ungestüm die arme bewegen: dann wünschte man sich das Recht, ein so misslungenes Werk zu zerstören, das eine Welt verunstaltete, die solche Geschöpfe hervorbringt, wie eins neben ihm stunde.
Die natürliche Antipatie, die zwei so dissonierende Kreaturen voneinander wegstossen muss, verstattete dem jungen Herrmann schlechterdings nicht, der Ermahnung seines Lehrers ganz getreu zu bleiben: doch wäre er vielleicht wieder in das Gleis der stillen Verachtung zu leiten gewesen, hätte sich nicht Eifersucht darein gemischt. Trotz aller Merkmale der Verwerflichkeit zog der Graf das geschöpf Heinrichen weit vor: diesen liess er niemals zu sich kommen und jenen sehr oft zu sich rufen: wenn ihm die Baronesse einen Einfall von Heinrichen erzählte, so schwieg er und tat, als ob er's nicht hörte, oder sprach gleich etwas anders darein: