nur ein Einfall war, nicht mehr die perlfarbenen Wallachen in die Schwemme reiten, so war, nach der allgemeinen Sage, der Stallknecht in Ungnade gefallen.
Zuweilen gingen die Kabalen wirklich ins Grosse: man plagte und quälte sich so herrlich, als wenn's ein Königreich gegolten hätte, und gewöhnlich war doch nichts als die kleine Glückseligkeit, mit einem Befehle mehr vom Herrn Grafen beehrt zu werden, der Preis, um dessentwillen man sich das Leben sauer machte. Vornehmlich war der Lieblung des Grafen, sein sogenannter Maulesel, der grosse Hetzhund seines Herrn, der sich ein ordentliches Studium daraus machte, seine Kameraden in unaufhörlichem Streite zu erhalten. Er hatte es darinne so unglaublich weit gebracht, dass ihm seine Absicht nie misslang: er ging zu dem einen, den er zum Zank ausersehen hatte, und erzählte ihm die aufbringendsten Dinge, die ein andrer von ihm gesagt haben sollte und nie gesagt hatte, dass er vor Zorn kochte: darauf begab er sich zu dem andern und vertraute ihm die nämlichen Beleidigungen an, als wenn sie jener von ihm gesagt hätte; und jeder musste ihm noch obendrein dafür danken, weil er ihm diese erlognen Nachrichten als Heimlichkeiten entdeckte, wobei er inständigst bat, den Überbringer derselben ja nicht zu verraten: wenn sie nun beide vor Grimm brausten und sprudelten, dann gingen nicht drei Minuten vorbei, so legte er's so geschickt an, dass sie an einem dritten Orte einander treffen mussten; und die menschliche natur wirkte bei beiden sogleich einen so heilsamen erleichternden Zank, dass ihr Zusammenhetzer im Winkel, wo er sie behorchte, sich vor Freude hätte wälzen mögen. Meistens hatte er auch noch eine andre boshafte Nebenabsicht: nach der Gewohnheit dieser Leute warfen sich die Streitenden jedesmal alle Spitzbübereien und Schelmenstreiche ins Gesicht, die einer vom anderen wusste: sonach erfuhr er auch die skandalose Chronik des ganzen Schlosses, und es kamen durch dieses Mittel zuweilen Gottlosigkeiten an den Tag, die man ausserdem nicht anders als mit dem höchsten Grade der Tortur aus ihren Urhebern herausgebracht hätte. Zuweilen, wenn er wusste, dass einer einen Groll auf einen andern hatte, brachte er diesen unter irgendeinem Vorwande in die Nähe bei des erstern wohnung, oft stellte er ihn ausdrücklich unter das Fenster, um ihm zu beweisen, wie schlecht jener von ihm spreche: dann ging er hinein, leitete das Gespräch auf denjenigen, der unter dem Fenster horchte, lobte oder tadelte ihn, und wenn der Mann, der von seinem Feinde nicht behorcht zu werden glaubte, treuherzig genug war, so stimmte er mit lautem Halse in den Tadel ein: dann nahm der Boshafte die Partie des Horchenden und feuerte den Mann in der stube durch den Widerspruch zu solcher Erbitterung an, dass der Mann unter dem Fenster seinen Zorn nicht länger halten konnte, sondern hereinbrach und auf der Stelle den Beleidiger mit Worten oder Tätlichkeiten angriff. In diesen Kunstgriffen, die Leute ohne ihren Willen zum Sprechen wider einen Dritten zu reizen, wenn und wie oft es ihm beliebte, bestand sein ganzer Verstand: er war unerschöpflich erfindsam darinne und beständig so neu, dass er oft den Klügsten des Nachmittags wieder betrog, wenn er ihn gleich vormittags schon einmal betrogen hatte. Jedermann floh ihn deswegen, und jedermann musste ihn suchen, weil er der einzige Kanal war, bei dem Grafen etwas auszuwirken. Alle solche Lustbarkeiten endigten sich damit, dass sie ganz frisch und warm dem Grafen hinterbracht wurden, der zuweilen so herzlich darüber lachte, dass ihm die Augen übergingen. Die Folgen solcher Klatschereien waren aber meistens sehr ernstaft: einer von den Zankenden, dem der Maulesel übelwollte, wurde seines Dienstes entlassen oder auf einige Zeit aus dem schloss gewiesen, oder der Graf kehrte ihm allemal den rücken, wenn er sich zeigte, oder es widerfuhren ihm andre herzangreifende Kränkungen; und alles geschah in der stolzen Absicht, dass grosse und öftere Revolutionen im haus sein sollten, die ihm die höchste Ähnlichkeit eines Hofs zuwege brächten. Daher war auch das Schloss des Grafen von Ohlau ein wahrer Sammelplatz, ein Raritätenkabinett von Lügen und Klatschereien: nicht eine Minute lang stunden zwei Menschen auf einem Flecken, so wurde ein drittes zum Schlachtopfer ihres Gesprächs: eine Grube voll Füchse, Wölfe und Tiger war's, die sich alle angrinsten und zerfleischten; und wenn Falschheit, Feindschaft und Verleumdung nötige Ingredienzien eines Hofs sind, so war dies Haus der grösste in Europa.
Das grosse Schwungrad dieser herrlichen Maschine – den Maulesel meine ich – hatte schon gleich anfangs mit Widerwillen die Aufnahme des jungen Herrmanns auf das Schloss angesehen und war zum teil daran schuld, dass er die Gunst des Grafen nur kurze Zeit genoss: da auch die überspannte Liebe der Gräfin bald wieder schlaff wurde und man den Burschen, abgesondert von der übrigen Hofstatt, zu Schwingern steckte, wo er mit niemanden als seinen Büchern und der Baronesse Ulrike in Gemeinschaft stand und nach dem Beispiel seines Lehrers sonst keine Seele im haus anredete, so entging er gewissermassen der Aufmerksamkeit jenes Boshaften: er war nebst seinem Freunde so gut als tot geachtet und keiner von beiden wert, dass man wider ihn maschinierte, weil sie zum Zanken nicht taugten. Jetzt aber besann sich der Mann, dass sein eigner Sohn in dem Alter sei, um eine Kreatur des Grafen zu werden und sich durch zeitige Übung zum Nachfolger seines Vaters zu bilden. Er lag also dem Grafen an, oder vielmehr er befahl ihm – denn so klangen alle seine Bitten und hatten auch die nämliche Kraft