Baronesse über ihr unanständiges Betragen selbst zu bestrafen.
Die Bestrafung fiel sehr gelind aus. Die Gräfin besass von natur viel Reizbarkeit, allein ihre Empfindung war durch die Erziehung ihrer Eltern und den Stolz ihres Gemahls in beständigem Zwange gehalten worden. Sie hatte sich dadurch eine gewisse künstliche Kälte erworben, dadurch gleichsam eine Eisrinde um ihr Gesicht gezogen, die ihr inneres Gefühl nicht durchschmelzen konnte, wofern es ein Vorfall nicht zu plötzlich in Flammen brachte. Das Bewusstsein ihres eignen Fehlers – denn dafür musste sie es nach allen Begriffen erkennen, die ihr die Erziehung davon beigebracht hatte – machte sie gegen die Empfindlichkeit der Baronesse ungemein nachsichtig: der Rest von Güte des Herzens, den ihr Eltern und Gemahl nicht hatten auslöschen können, überredete sie, ihrer jungen Anverwandtin ein Vergnügen nicht ganz zu verwehren, das für sie selbst eine verbotne Frucht war: sie hatte es wohl ehemals aus Furcht vor dem Grafen getan, allein da sie die Baronesse nunmehr für alt und verständig genug hielt, ihre Würde nicht ganz zu vergessen, so empfahl sie ihr bloss Vorsichtigkeit und Zurückhaltung und vor allen Dingen Wachsamkeit über sich selbst, um sich in Gegenwart des Grafen nichts Verdächtiges entschlüpfen zu lassen.
Das Verfahren der Gräfin war in Ansehung der Absicht, die sie erreichen wollte, äusserst zu missbilligen: wenn sie eigentliche Liebe bei der Baronesse verhüten wollte, so musste sie ja durch die stillschweigende Anerkennung, dass man ihr einmal etwas unrechterweise verboten habe, und durch den Rat, einen vormals unrechterweise verbotnen und jetzt erlaubten Umgang unter der Bedingung fortzusetzen, dass sie ihn dem Onkel verheimlichte, notwendig auf den Weg geführt werden, diese nämliche empfohlne Klugheit auch wider die Tante zu gebrauchen, wenn es diese einmal für heilsam erachtete, das alte Verbot zu erneuern. Ausserdem beging die Gräfin einen ungeheuren Fehlschluss, dass ihr die Aufhebung des Verbots jetzt weniger notwendig schien: doch man hatte einmal falsche Massregeln genommen, und bei der Erziehung machen die ersten falschen Schritte meistens alle nachfolgenden zu Fehltritten: man verbot, da man erlauben, und erlaubte, da man verbieten sollte. Man glaubt nicht, wie listig die leidenschaft bei aller Unbesonnenheit ist, die man ihr Schuld gibt: sie kennt ihren Vorteil so gut als ein Finanzpachter; und man darf ihn nur von fern weisen, so macht sie schon Projekte darauf.
Auch hatten die Massregeln der Gräfin wirklich alle Folgen, die man erwarten konnte: die Baronesse ging ohne Scheu mit Heinrichen nach seiner Genesung um, und weder fräulein Hedwig noch Schwingern durften etwas dawider einwenden, weil sie die Begünstigung der Gräfin hatte, die allen einzig anbefohl, nichts davon zur Wissenschaft des Grafen gelangen zu lassen. "Zudem", sagte sie zu sich selbst, "wird Ulrike oder der junge Mensch bald aus dem haus kommen: mein Gemahl wollte sie ja neulich schon in eine Stadt tun, wo ein Hof ist; und so mag sie immerhin sich zuweilen mit einer jugendlichen Schäkerei vergnügen: die feinern Sitten des Hofes und der grossen Stadt werden das alles wieder verdrängen: ein Mädchen muss in ihrem Leben einmal rasen: besser also früh als spät!"
So hatte der Schutzgott der Liebe alle Hindernisse durch die vermeinte Klugheit derjenigen selbst weggeräumt, die am feindseligsten gegen sie handeln wollten. Die Neigung der beiden jungen Personen wurde täglich durch Gefälligkeiten, Umgang und kleine Vertraulichkeiten genährt und flammte allmählich zur leidenschaft empor. Wie sollte Heinrich nicht ein junges Frauenzimmer lieben, das sich so lebhaft in seiner Krankheit für ihn interessierte, das täglich durch neue Unbesonnenheiten ihres guten Herzens und ihrer Zärtlichkeit für ihn sich Ungelegenheit und Verdruss zuzog und nichts achtete, wenn sie ein paar Minuten mit ihm zubringen konnte? Und wie sollte die Baronesse den Eindruck eines jungen Menschen mit so einnehmender Figur und Bildung, von so auszeichnendem Charakter, so vieler Lebhaftigkeit und Unterhaltungsgabe von sich abwehren? – Die Fesseln des Zwanges wurden auf beiden Seiten mehr und mehr abgeworfen und ihrer leidenschaft ein anderes Gewand dafür angelegt – die Hülle der Heimlichkeit.
Zweites Kapitel
Wenn einmal die Liebe so weit ist, dann sorgt das Schicksal gemeiniglich, dass sie nicht auf der Hälfte des weges stehenbleibt: ein Zufall musste sogar den beiderseitigen Vorteil der jungen Personen mit ins Spiel ziehen und sie nötigen, Partie miteinander gegen die Unterdrückung eines Dritten zu machen – ein neues Band, das Herzen fester zusammenzieht!
Der Graf hatte unter seinen vielfältigen Marotten eine von der seltsamsten Art: er wollte seinem haus gern das Ansehn eines Hofs geben und empfand daher eine besondre Freude, wenn die Kabalen eines Hofs darinne regierten: Ränke, Unterdrückungen, Uneinigkeiten, Verleumdung zierten seine kleine Hofstatt nach seiner Meinung; und er gab sich sogar selbst Mühe, das Feuer der Zwietracht wieder aufzuwecken, wenn es ihm zu niedrig brannte. Deswegen führte man auch in seinem ganzen haus die eigentliche Hofsprache: wenn der Koch das Küchenmensch geprügelt und bei dem Haushofmeister es dahin gebracht hatte, dass er ihr den Abschied gab, so sagte man allgemein, der Koch hat die Küchenmagd gestürzt. Hatte der Kutscher des braunen Zugs es so einzuleiten gewusst, dass er den Grafen bei der sonntäglichen feierlichen Promenade fuhr, da es einige Zeit her sein Kamerad mit dem perlfarbenen getan hatte, so sagte man: Jakob hat Gürgen untergraben. Wenn der eine Laufer dem Grafen nach dem Spaziergange im Garten die Schuhe abbürsten musste, da es sonst der andre getan hatte, so berichtete man sich: dass Albert wider Franzen eine Intrige gemacht habe; und durfte der Stallknecht auf ausdrücklichen Befehl, der meistens