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Herz drang, um einen unlöschbaren Eindruck zurückzulassen! – "Jetzt blickt er mich an!" rief die Baronesse, und die Freude ging in ihrem gesicht auf wie der volle Mond am Ende eines trüben Horizonts, wenn die Wolken vor ihm weichen.

Leben und Vergnügen auf beiden Seiten wuchs mit jedem Pulsschlage: sie konnte sich nicht genug über die fühllosen Kreaturen ärgern, die an Heinrichs vermeintem tod nicht so vielen Anteil genommen hatten als sie: auch der Arzt kam nicht ohne Schmälen weg, dass er so kalt von seiner Besserung sprach und so gleichgültig versicherte, dass er wohl sterben würde, wenn so ein Sturz noch einmal käme. Sie zog ihn am Ärmel zurück, als er gehen wollte, und verlangte schlechterdings, dass er diesen zweiten Sturz abwarten möchte: allein er entschuldigte sich sehr höflich und gab zur Ursache an, dass er zu einer Braut müsse, bei der man vorige Nacht auf das Ende gewartet habe. – "Sie wird wohl nicht mehr am Leben sein", setzte er frostig hinzu, "aber ich muss mich denn doch erkundigen, ob sie wirklich tot ist."

Die Baronesse stiess ihn von sich und mochte ihn vor Verachtung über seine Kälte nicht ansehen. "Ich hätte", sagte sie zu Schwingern, als er hinaus war, "ich hätte dem krummnasichten Doktor ein Paar Ohrfeigen geben mögen, so hab ich mich über ihn geärgert. Sprach er nicht von Heinrichs tod, als ob er gleich wieder einen andern aus seinen Büchsen herausdestillieren könnte, wenn dieser gestorben wäre? Ich bezahlte ihn gewiss nicht, wenn ich der Onkel wäre." –

Noch hatte weder Graf noch Gräfin erfahren, wie tätig sie sich mit der Wartung des kranken Heinrich beschäftigte: ein einziges Mal verriet sie sich bei der Tafel. Der prophezeite zweite Sturz hatte sich eingefunden, und ein Bedienter brachte die Nachricht, dass Heinrich eben gestorben sei. Der Gräfin stieg eine Träne ins Auge, die sie durch ein Umdrehen des Kopfes nach dem Bedienten, der die Nachricht gebracht hatte, vor ihrem Gemahle verbarg, der schon zu beratschlagen anfing, wie man ihm, ohne seinen Stand zu überschreiten, ein distinguiertes Begräbnis veranstalten solle. Die Baronesse liess vor Schrecken den Löffel auf den Teller fallen, dass der Milchcreme weit herumspritzte: sie schob ihren Stuhl mit dem fuss zurück, blieb verwildert, sinnenlos kurze Zeit in halb fliehender Stellung: plötzlich warf sie die Serviette in den Creme hinein und ging zum Zimmer hinaus, langsam die Treppe hinauf- der Schrecken hatte ihre Knie gelähmt –, und grosse Tropfen rollten wie Perlen über das bleiche, stumme Gesicht. Schwingern schauderte vor dem Anblicke, als immer eine Träne die andre über die eiskalte, starre, steinerne Miene hinjagte. Sie musste sich setzen, denn ihre Knie sanken. – "Was haben Sie, liebe Baronesse?" fragte Schwinger. Sie redete nicht, sah immer steif vor sich hin. – "Was fehlt Ihnen?" tönte eine ängstliche, schwachatmige Frage hinter dem Vorhange des Bettes hervor. Es war Heinrichs stimme. Die Freude traf sie wie ein elektrischer Schlag:

sie fuhr zusammen und stürzte vom stuhl. Schwinger erhaschte sie zu rechter Zeit noch, fräulein Hedwig, die man ihr gleich nachgeschickt hatte, kam eben an und trug mit schwerfälligem Galoppe alle Fläschchen, die sie ansichtig wurde, herbei und hielt sie unter die Nase, sie mochten riechen oder nicht. Endlich kam sie wieder zu sich: sie sass Heinrichs Bette gegenüber, der, um zu sehen, was vorging, die Vorhänge ein wenig zurückgeschoben hatte, und bei dem ersten Eröffnen der Augen traf blick auf blick. Wie mächtig Gefühl und Imagination durch solche Spiele des Zufalls aufgeregt und welche bleibende Eindrücke durch sie der Seele eingedrückt werden, wird jedem Leser sein eigenes Gedächtnis belehren; und warum sollte ich also mit Worten beschreiben, was ihm seine Erfahrung besser berichten kann? –

Nach einigen Verwunderungen, fragen und Antworten auf allen Seiten entwickelte sich's, dass der Bediente entweder aus boshafter Schadenfreude oder aus der Gewohnheit dieser Leute, Vermutung als geschehne Gewissheit wiederzuerzählen, gelogen hatte; denn es war ihm nichts weiter von der Kammerjungfer im Vorbeigehn gemeldet worden, als dass Heinrich wieder schlimmer sei und wohl sterben werde: und die ganze Sache war nichts als eine kurze Betäubung, die schon lange vor jener Todesbotschaft aufgehört hatte.

Der Graf war über das Betragen der Baronesse ein wenig stutzig geworden: nicht als ob er Liebe dabei mutmasste! – davon hatte er gar keinen Begriff –, sondern eine zu grosse Vertraulichkeit zwischen beiden jungen Leuten argwohnte er; und die idee, dass seine Schwestertochter sich zu einer so ausgezeichneten Betrübnis um den Sohn seines Einnehmers erniedrige, hatte so viel Widriges für ihn, dass er fräulein Hedwig wegen ihrer schlechten Erziehung tadelte, ihr einen Verweis für ihre eigne person erteilte und einen zweiten für die Baronesse in Kommission gab. Die Gräfin musste auch einen versteckten annehmen, weil sie ihre Tränen nicht genugsam verborgen hatte. Um sich nicht in seinen Augen so verächtlich zu machen, als ob sie aus Mitleid um den Sohn seines Einnehmers geweint hätte, wandte sie einen starken Schnupfen vor, der ihr bei jedem Worte das wasser aus den Augen triebe; und damit ihr Gemahl nicht bei ähnlichen Vorfällen auf die Spur der wahren Ursache geraten möchte, die ihre geheime Mutmassung für unleugbar hielt, redete sie ihm mit ihrer gewöhnlichen Kunst alles aus, was er besorgte, und nahm es über sich, die