hielt in den zusammengeschlossnen Armen – die dicke, schielende Hedwig. Zu einer andern Zeit lag er tot am rand des Styx: seine Seele irrte ängstlich am Ufer hinab, um über ihn zu setzen, und vermochte es nie: endlich gesellte sich zu ihm eine andre peinlich suchende Seele: es war Ulrike, die ihren Körper verlassen hatte, um ihm nachzueilen, sie flohen miteinander zu ihren Leibern zurück, belebten sie von neuem und starben nie wieder. – So ergötzte ihn mit unendlichen Schauspielen seine träumende Phantasie; er schlief jede halbe Stunde zu neuem Entzücken ein, und die Baronesse erwachte jede halbe Stunde, um sich zu beklagen, wie lang die Nacht sei.
Nach dem Tee war sie schon wieder vor dem Bette: ihre Gouvernante fand in mannigfaltiger Rücksicht ihre Rechnung bei den Abwesenheiten der Baronesse und setzte sich nicht mehr dawider, vornehmlich da Schwinger darauf bestund, dass man sie in ihrem freundschaftlichen Mitleiden nicht stören solle, und beständig Aufsicht über ihre Besuche zu haben versprach. Auf solche Weise brachte sie alle Zeit, wo nicht Onkel und Tante ihre Gesellschaft foderten, mit der sorgsamen Pflegung ihres Geliebten zu: sie las ihm vor, und jede Stelle, die Zuneigung und Liebe ausdrückte, wurde durch einen nachdrücklichen Ton ausgezeichnet und von einem Blicke auf den Kranken begleitet: auch er gewöhnte sich sehr bald an diese geheime Sprache: er tat, als ob er gewisse verbindliche Stellen nicht verstanden habe, und wiederholte sie unter diesem Vorwande mit der bedeutungsvollsten Pantomime: so spielten sie in ihres Aufsehers Gegenwart, den Roman und gaben sich die feurigsten Liebesversicherungen, ohne dass er's wahrnahm.
Die Krankheit wuchs in einer Nacht plötzlich: als sie am folgenden Morgen heraufkam, lag Heinrich sinnlos, ohne Bewusstsein und Bewegung da: die verdrehten Augen standen weit offen, und doch erkannten sie niemanden: die Lippen waren dick und blau, als wenn das Blut in allen Adern von der strengsten Kälte geronnen wäre: jede Muskel lag unbeweglich, abgespannt, und aus jedem seelenlosen zug starrte der Tod hervor. Minutenlang stand sie vor ihm wie ein Marmorbild, von Schrecken und Schmerz versteinert. Schwinger wollte sie bereden, dass er schliefe. – "Nein", schrie sie mit hohlem, schauerndem Tone, die Augen unverwandt auf ihn gerichtet, "er ist tot!" – "Er ist tot!" schrie sie noch einmal – und dann in einem Atemzuge: "Heinrich! Heinrich!" – Nicht eine Fiber rührte sich an dem Kranken. Sie hob seine Hand auf; schlaff, kraftlos fiel sie wieder auf das Bette. Sie fasste den Kopf, konnte ihn kaum aufbringen: starr, schwer fiel er wieder aufs Kopfkissen. Sie rief dicht in das Ohr: "Heinrich! Heinrich!" – Kein Zuck!
Die Tränen standen wie geronnen in ihren Augen, bis zum Überlaufen voll; und keine konnte fliessen. Ohne ein Wort zu reden, stürzte sie sich zur Tür hinaus, die Treppe hinunter, und wer ihr begegnete, den stiess sie vor sich hin und rief: "Den Arzt!" Sie flog in die Küche, in den Stall, brachte alles in Aufruhr, befahl allen, den Arzt zu holen: niemand ging. Sie zürnte, sie tobte, sie stiess die Leute fort: schwerfällig blieben sie stehen, sahen sie an und wussten nicht, was sie von ihr denken sollten. – Hie und da kam eine phlegmatische Frage: "Warum denn? Für wen denn?" – oder so etwas. – "Er ist tot!" schluchzte sie mit halbverbissnem Worte. – "Wer denn?" fragte man abermals. – "Heinrich!" rief sie und hätte die dumpfen, trägen Geschöpfe mit den Händen zerfleischen mögen. Sie bekam weiter nichts zur Antwort als ein langgedehntes "So?", das die ganze Küche in einem Tutti aussprach. Niemand ging.
Der Zorn kochte wie ein Strudel in ihrer Brust: mit glühendem gesicht verliess sie das untätige Volk, und in den Hof! – Mit aufgestreiften Armen, im Hemde, ein kurzes, schwarzes Pfeifchen zwischen den Zähnen, lehnte der Stallknecht an der Tür und sah in die Sonnenstäubchen. Sie erblickte ihn: in einem Fluge auf ihn los und ihn um den schmutzigen Hals! – "Ich bitte Euch um Gottes willen, holt den Arzt!" – Der Bursche, durch den andringenden Ton in Bewegung gesetzt, rennt mechanisch über den Hof weg: als er an die Tür kam, besann er sich, dass er nicht wusste, wohin er sollte: "Wen soll ich rufen?" fragte er und kam wieder zurück. Indem die Baronesse von neuem entbrennen wollte, stand Schwinger hinter ihr und brachte ihr die Nachricht, dass der Medikus bei dem Grafen gewesen und bereits oben bei dem Kranken sei. Viel Freude für sie! Mit vorstrebender Brust eilte sie so geschwind hinauf, dass ihr Schwinger kaum folgen konnte.
Das erste Wort, was durch die aufgerissne Tür flog, war – "Lebt er wieder?" – "Ja", versicherte der Arzt und bewies seine Versichrung aus dem zunehmenden Pulsschlage. Sie wollte den Beweis ganz ungezweifelt haben und fühlte selbst an den Puls, hielt ihn lange Zeit, um sein steigendes Zunehmen zu bemerken, und in dieser Stellung erblickte und fühlte sich der Kranke bei seinem Erwachen aus der Betäubung. Welch ein glückliches Erwachen zu einem Bilde, das seine Nerven in verdoppelte Schwingungen setzte und ins