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ist, dann bring ich sie zu Ihnen.

Hedwig. Das geht nicht! das geht nicht! Bedenken Sie doch die Unanständigkeit! Der Mensch liegt ja, so lang er ist, im Bette.

Schwinger. Diese Freiheit entschuldigt die Krankheit.

Hedwig. Ja, liegen mag er; das wird ihm niemand wehren: aber ihn liegen sehenschämen Sie sich, Baronesse!

Schwinger. Verderben Sie doch dem lieben kind die guterzige Freude nicht durch unzeitige Vorwürfe! Soll sie sich denn eines guten Werks schämen, weil sie es einem jungen Menschen unter ihrem stand erweist? – Ich möchte, dass alle vornehme ihrem Beispiele folgten und keinen Sterblichen für einen Liebesdienst zu gering achteten.

Hedwig. Das ist wohl freilich wahr: wir sind allzumal Sünder und Adams Nachkommen: mortalis nascimus: aber Sie wissen ja, wie der Graf ist.

Schwinger. Wenn er hierinne dem Vorurteil und nicht der Vernunft folgt, so ist es unsere Pflicht zu verhüten, dass seine Anverwandtin nicht seine denkart annimmt, da sie keine Anlage dazu hat. Der Graf soll es nicht erfahren, dass die Baronesse dem Triebe ihres menschenfreundlichen Herzens mehr gefolgt ist als den lieblosen Gesetzen ihres Standes.

Hedwig. Ich kann es wohl geschehen lassen; aber dass nur nicht die Schuld hernach auf mich kommt. Sobald es dunkel wird, marsch ab! Wie können Sie sich nur so etwas Einfältiges einkommen lassen? hierbleiben zu wollen, bis der Bursche gesund wird! Sie werden doch nicht gar die Nacht hierbleiben wollen?

Schwinger. Die Baronesse ist viel zu verständig, als dass sie so etwas nur wollen könnte. Das war Scherz: wie Sie nun alles gleich im bittersten Ernste nehmen!

Hedwig. Ja, der Ernst kommt mannichmal hintennach: aber Sie sind ein Ungläubiger, der liebe Gott muss Sie mit der Nase darauf stossen. – Nu! sobald es dunkel ist, marsch ab!

Sie ging. Schwinger liess sich in ein Gespräch mit der Baronesse ein; aber sie hielt nicht lange darinne aus: alle Augenblicke war sie besorgt, dass der Kranke etwas brauchen möchte, erkundigte sich bei ihm darnach und war so freudig als über ein Geschenk, wenn er etwas verlangte: machte er in seinem Verlangen eine zu lange Pause, gleich war sie mit dem Wasserglase, mit dem Löffel oder mit der Arznei da. – "Wollen Sie nicht trinken? Sie durstet gewiss." – "Jetzt müssen Sie einnehmen." – "Das Kopfkissen liegt nicht recht." – "Sie haben ja den ganzen Nachmittag noch nicht eingenommen." – "Sie trinken ja gar nicht." – "Wollen Sie Limonade?" – Bald zupfte sie an der Decke, um ihn recht warm einzuhüllen, bald am Kissen, um es ihm aus dem gesicht zu ziehen, bald wedelte sie ihm mit dem Schnupftuche Kühlung zu, jetzt jagte sie eine Fliege vom Bettuche, dass sie ihn nicht künftig stechen sollte, jetzt wischte sie ihm den Schweiss von den kleinen Fingern, um sie unter dem Schnupftuche verstohlen zu drücken: jetzt summte eine Schmeissfliege am Fenstersie machte Jagd auf sie und ruhte nicht, bis sie gefangen war: jetzt schloss der Kranke die Augengleich wurde Schwingern gewinkt, dass er schwieg, sie sass wie erstarrt, sie atmete kaum, und wenn ihr ein ganzes Heer Fliegen das Blut aus der Stirn zapften, so hätte sie nicht die Hand nach ihnen bewegt, sie zu vertreiben, und wenn Schwinger nur einen Finger regte, so winkte sie ihm schon unwillig mit den Augen: sobald der Patient die Augen wieder aufschlug, flog ihm auch gleich ein freundlicher, erquickender blick entgegen. Die Dämmerung kam: sie liess sich ungern, aber ohne Weigerung, von Schwingern zurückführen; und bei dem Abschiede wusste sie es so listig anzufangen, dass ihr Begleiter schlechterdings auf einen Augenblick ins Kabinett gehen musste: sie bat sich ein Buch von ihm aus, und indem er's holtehurtig hatte der Kranke einen Kuss weg.

Der Kuss steckte seine ganze fieberhafte Imagination in Brand: mit einem wehmütigen, durchdringenden Schauer empfing er ihn, und sooft sich in der Nacht seine Augen zu einem kurzen Schlummer schlossen, wurde er im Traume von Grazien, Nymphen und den sämtlichen Göttinnen des Olymps, die zu seiner Bekanntschaft gehörten, wiederholt. Liebesgötter trabten auf Zephirn vom Himmel herab: andre tummelten sich auf bäumenden Grashüpfern herum: ein kleiner Verwegner wagte sich auf Alexanders Bucephal und wurde für seine Kühnheit bestraft; das Ross spottete wiehernd der leichten Bürde, lehnte sich auf und schüttelte den schreienden Knaben ab: dort lag er wie tot vor Schrecken, verlacht von dem umringenden Haufen seiner mutwilligen Brüder. Ein andermal zogen ihn und Ulriken sechs schneeweisse Rosse an einem römischen Triumphwagen: Graf, Gräfin und die ganze vornehme Welt, die er kannte, begleiteten sie zu Fuss in den festlichsten Kleidern; der Zug ging nach dem prächtigen Kapitol, das wie ein Tempel auf seinen Kupferstichen gross und majestätisch vor ihm stand: die Menge jauchzte. Plötzlich, als wenn ein Wind sie wegführte, verschwand die zauberische Szene, er lag bis an den Kopf in herkulanischen Schutt vergraben und arbeitete sich mit allen Kräften hervor, dass ihm der Schweiss über die Stirne rann: die Baronesse, in weissen, strahlenden Atlas gekleidet und mit einer goldnen Glorie umgeben, erschien, reichte ihm die Hand und riss ihn leicht heraus: dankend wollte er sie umarmen, einen Kuss auf die Lippen drücken, und