er suchte nur Bücher auf, die ihm dieses Teater mit mehr Schauspielern und mannigfaltigern Auftritten versorgten; und da er die Alten nicht hinreichend dazu fand, wandte er sich zu den Neuern: je üppiger, je wollüstiger ihre Bücher mit der Imagination spielten, je willkommner waren sie ihm. Schwinger konnte ihn von dieser Lektüre nicht abziehn und wollte sie ihm geradezu nicht verbieten, weil er durch das Verbot seine Begierde darnach nur mehr zu entflammen glaubte: er suchte sie ihm also anfangs mit guter Manier aus den Händen zu spielen, packte alle von diesem Schlage, die in seiner Bibliotek waren, heimlich in einen Kasten zusammen und las sie nie, als wenn sein junger Freund schlief.
"Aber warum hatte Schwinger, ein so gesetzter Mann, ein künftiger Seelenhirt, solche schädliche Bücher? Warum las er solche verderbliche Schriften, Sauflieder, Hurengesänge, solch Buhlgeschwätze und verliebtes Zeug?" – Kurzsichtiger, der du so fragst! Weil ein solcher Mann ein Bedürfnis fühlte, solche Schriften zu lesen, ist das nicht Antworts genug? – Er las sie und würde sie auch seinem Freunde nicht verschlossen haben, wäre dieser mit ihm in einem Alter und nicht in so einer kritischen Seelenlage gewesen: und da er ihren Verlust gelassen zu ertragen schien und in seinen arbeiten wieder wie vorher fortfuhr, so glaubte er ihn völlig genesen. Der leichtgläubige Arzt! denkt, dass der Patient gesund ist, weil er nicht mehr im Bette liegt!
Noch mehr wurde er in seinem wohlmeinenden Selbstbetruge durch einen Vorfall bestärkt. Als er einstmals aus dem Kabinette herauskam, fand er Heinrichen, vor dem Tische hingestellt, den Kopf auf beide hände gestützt, den blick starr auf eine Büste des Antonins gerichtet, die vor ihm stand. Er redete ihn an und blieb ohne Antwort: er ging um ihn herum und sah ihm ins Gesicht: grosse Tränentropfen rollten über die eisstarren Wangen aus den unverwandten Augen. – "Was weinst du", fragte ihn Schwinger, Heinrich sprang erschrocken auf. "Dass mein Vater kein Kaiser ist", sagte er zornig und stampfte. – "Warum ist dir denn das jetzt erst so unangenehm?" – "So könnt ich doch noch etwas Gutes in der Welt ausrichten", war Heinrichs Antwort, "aber so bleibe ich zeitlebens ein schlechter Kerl, und. –"
Er verstummte: ein Erröten und der gesenkte blick hätten Schwingern leicht belehren können, was er verschwieg. – 'Und ich dürft es ungescheut wagen, die Baronesse zu lieben', dachte er sich so deutlich, als es hier gedruckt steht: aber Schwinger war von dem vermeinten glücklichen Erfolg seiner Kur so sehr bezaubert, dass er die Retizenz nicht einmal wahrnahm. Er setzte die Kur einige Zeit unermüdet fort, um ihn von Grund aus zu heilen: allein nicht lange! Hatte sich der junge Mensch durch die gehäuften Beschäftigungen zu stark angegriffen? Oder erschöpfte dies Hin- und Hertreiben zweier Leidenschaften, worunter die eine seine ältre und die andere seine liebere Freundin war, seine junge Maschine? – Er wurde krank: er verfiel in ein Fieber.
Die Baronesse erschrak bis zur Ohnmacht, als sie die erste Nachricht davon bekam: nun war Graf und Gräfin samt fräulein Hedwig zu schwach, sie zurückzuhalten: dass sie sich verraten und dass diese Leute sie trefflich dafür ausschelten würden, daran dachte sie gar nicht, sondern hören, die Tür aufreissen, die Treppe hinauf, ins Zimmer hinein und vor sein Bette treten, das war alles eine Handlung, in einem Paar Atemzügen getan. Die Zusammenkunft war für den Kranken so verwirrend als unvermutet: er wagte sich kaum zu freuen; er stammelte furchtsam etwas her, wenn sie ihn fragte; er zog schüchtern die Hand zurück, wenn sie nach ihr griff: er war so verlegen, so ängstlich, so überwältigt vom Zwange, dass er aus sich selbst nichts zu machen wusste. Ehe man sich's versahe, siehe! da kam fräulein Hedwig herangekeucht.
"Ulrikchen! Ulrikchen!" schnatterte sie und schlug sich auf den Schoss – "was machen Sie hier? Wenn das der Graf erfährt?" –
Die Baronesse. Mag er! Ich bleibe hier, bis Heinrich wieder gesund ist.
Hedwig. Sind Sie gar toll? – Was das für ein Unglück werden wird, wenn Graf und Gräfin dahinterkommen!
Schwinger. Sie sollen es nicht erfahren: trösten Sie sich!
Hedwig. Ja aber – Sie wissen ja wohl!
Schwinger. Was soll ich wissen? – Was Sie vermuten, ist blosse Grille, blosse Einbildung. Ich stehe dafür. Lassen Sie die Baronesse immer ihren Besuch verlängern –
Die Baronesse. O ich bin nicht zum Besuch da. Ich bediene Heinrichen; dass Sie's nur wissen.
Schwinger. Ach das! Ich will Ihr Mitbediente sein.
Hedwig. Sie werden ja ihrer Tollheit nicht noch fortelfen? – So etwas gebe ich nicht zu. Kommen Sie, Ulrikchen! den Augenblick fort! – Ihn da gar zu bedienen!
Schwinger. Was ist denn Böses darinne? – Sie sind ja sonst so gelehrt: kennen Sie denn die Königin in Frankreich nicht, die den Kranken in den Hospitälern aufwartete? – Es ist ein Beweis von der Baronesse gutem Herzen.
Hedwig. Ja, und – wenn man nicht wüsste.
Schwinger. Sie wissen auch immer, was andere Leute nicht wissen. Ich bleibe beständig hier am Bette sitzen; und wenn die Baronesse ihres Amtes überdrüssig