müssen die Leute aus der ganzen Welt zu mir kommen und mich sehen wollen: die Königin aus Saba muss zu mir kommen: da lös ich ihr Rätsel auf.
Die Gräfin. Die gute Frau ist schon lange tot.
Der Kleine. Es wird doch wohl eine andre wieder dasein. Die bringt mir dann grosse Geschenke – Gold, Silber, Weihrauch.
Die Gräfin. Du bist ja kein Liebhaber von Gold und Silber.
Der Kleine. Ach, ich behalte nichts davon: ich schenke alles wieder weg, alles.
Die Gräfin. Das ist edelmütig. – Ich dächte, so ein munterer Bursch wie du ginge lieber in den Krieg.
Der Kleine. Nein, das ist gar nicht meine Sache.
Die Gräfin. Warum nicht?
Der Kleine. Das Pulver macht schmutzige hände: die Soldaten sehen mir alle zu wild aus; und im Kriege wird man ja totgeschossen!
Die Gräfin. Du musst die andern totschiessen, damit sie dich nicht totschiessen können.
Der Kleine. Ich sollte jemanden totschiessen? – Das könnt ich nicht. Das tät mir so weh, als wenn meine Mutter eine Henne abschlachtet. – Ich kann gar kein Blut sehen – (setzte er mit leisem Tone und halbem Schauer hinzu).
Die Gräfin. Bist du so mitleidig?
"Ach", seufzte der Knabe, und Tränen standen ihm in den dunkelblauen Augen, "ich kann gar nicht sterben sehen! Auch keinen Menschen, dem etwas weh tut! Der lahme Görge hier in der Stadt – wenn ich den mit seiner Stelze kommen sehe –, ach, da geh ich allemal in eine andere Gasse, dass ich nicht vor ihm vorbei muss." – "Dort kommt die Kutsche!" unterbrach der Graf freudig ihr Gespräch, der unterdessen voller Ungeduld, wie auf Feuer, dagesessen und nach der lange verschobnen Ankunft des blauen Staatswagens geseufzt hatte.
Bei seinem Vergnügen an der Pracht spielten Kutschen und Pferde keine geringe Rolle: er verschrieb sich alle mögliche Risse von Staatskarossen und den sämtlichen übrigen Arten von Wagen, und niemand durfte ihm leicht ein merkwürdiges Fuhrwerk oder Pferdegeschirr nennen, ohne dass er nicht den Auftrag bekam, eine Zeichnung davon zu schaffen. Keine Schmeicheleien und kein Geld wurden dabei gespart, den Zeichner und Kommissionar zur Beschleunigung seines Wunsches aufzumuntern: empfahl sich einer unter den erhaltnen Rissen durch unwiderstehliche Schönheiten, so wurde er ausgeführt, und jedesmal, wenn so ein neues Werk vollendet und zum ersten Male gebraucht wurde, empfing das ganze Schloss einen Schmaus, wie andere Leute zu geben pflegen, wenn sie ein Haus gebaut haben. Schade war es nur, dass die herrlichen Gebäude allemal aus einem doppelten grund unbrauchbar und meist auch ziemlich abgeschmackt waren: seine leidenschaft für die Pracht zog Schönheit und Geschmack so wenig zu Rate, dass jedes Fleckchen, von der Decke bis zur Radeschiene, von dem äussersten Ende der Deichsel bis zu der äussersten Spitze des letzten Eisens hinter dem Kasten, mit Gold beklebt werden musste, wofern es andere Ursachen nur im mindsten zuliessen: auf der andern Seite wollte sein Geiz – wovon ihm eine starke Dosis zuteil geworden war – jenen prächtigen Kunstwerken die Dauerhaftigkeit einer ägyptischen Pyramide geben und riet ihm, sie so massiv, so plump bauen zu lassen, dass selten eine Kutsche nach geendigter Schöpfung mit weniger als acht Pferden von der Stelle gebracht werden konnte. Dieselben Ursachen machten auch seine Pferdegeschirre zu wahren Meisterstücken des schlechten Geschmacks: sie waren alle so schwer, dass unter der kostbaren Last die armen Rosse ihres Lebens nicht froh wurden und meistens zwei Tage eine Entkräftung fühlten, wenn sie einmal eine Stunde lang in ihrem ganzen Schmucke an so einem vergoldeten haus gezogen hatten. Bei einer solchen Bewandtnis ist es kein Wunder, dass der Herr Graf während der vorhergehenden Unterredung seiner Gemahlin mit dem kleinen Herrmann so lange auf den blauen Wagen warten musste, ob er gleich beinahe schon angespannt war, als der Spaziergang eröffnet wurde: das ungeheure Gebäude konnte bei der gewaltigen Hitze nicht anders als in dem Tempo eines gemeinen Mistwagens fortbewegt werden, und noch blieben die niedergeschlagnen Pferde alle sechs Schritte einmal stehen, um auszuschnauben.
Endlich langte die blaue fensterreiche Karosse bei der Linde an: sechs Perlfalben zogen sie unter einem blausamtnen, mit goldnen Tressen und unzählbaren Schnallen gezierten Geschirre; sie hingen traurig den schöngeflochtnen, mit goldnen Rosen geschmückten Hals und fühlten ihr glänzendes Elend so stark, dass sie nicht einmal die funkelnde Quaste auf dem kopf schüttelten. Graf und Gräfin stiegen hinein, und ohne dass man es gewahr wurde, wie ein Wind, wischte der kleine Herrmann hinter ihnen drein – pump! sass er da, dem hochgebornen Paare gegenüber. Der Graf erschreckte ihn zwar durch die auffahrende Frage: "Was willst du hier?" – allein der Knabe antwortete ihm unerschüttert: "Ich will einmal sehen, wie sich's in so einem Wagen fährt."
Unterwegs machte er sehr oft die Anmerkung, dass diese Art zu fahren für ihn erstaunend langweilig wäre, bezeugte auch zuweilen ein grosses Verlangen, aus dem Kasten herauszugehn, und da ihn die Gräfin zur Ruhe vermahnte, versicherte er, dass er nur aus Liebe zu ihr sich so lange darinne zurückhalten liesse.
allmählich begann der zweite Akt des Spaziergangs. Wenn der Graf sich bei dieser Sonntagskomödie mit der ganzen Kommun seiner Residenz einige Zeit von der Sonne hatte sengen und brennen lassen, erschien gewöhnlich, wie jetzt, eine von seinen schwerfälligen Staatskutschen, worinne er mit der Langsamkeit einer Leichenbegleitung durch die