weder Ansehn noch Belohnung meiner warten, wo ich nicht durch Verdienste glänzen und nur mir selbst gefallen kann – für die enge Sphäre eines Landgeistlichen, der gern den Dank einer Nation verdienen möchte und alle seine Wirksamkeit auf eine Handvoll einfältiger Bauern einschränken muss –, was für Trost konnte ich in solch einer niederschlagenden Stellung wünschen und suchen, als einen Menschen gebildet zu haben, der verrichtete, was ich nicht verrichten konnte? – Auch dieser Trost ist dahin! Ich soll schlechterdings Kräfte und Willen haben und nichts mit ihnen nützen. – Geh, Verachteter! predige, taufe, begrabe, gräme dich und – stirb!'
'Aber', tröstete er sich zu einer andern Zeit, 'seine Liebe ist noch schüchtern: ich will meinem Plane treu bleiben und diesem Winke nachgehn, seine Ehrbegierde, seine Tätigkeit von neuem bis zum Zerspringen anspannen, seine Schüchternheit durch alle Mittel erhöhen, Tag und Nacht über ihn wachen, und wann es zum äussersten kommt – ihn entfernen. Vielleicht macht mir unterdessen ein lebenssatter Seelsorger in der herrschaft des Grafen Platz: dann soll er bei mir wohnen, bei mir leben, bis ich ihm zu einem Gewerbe oder einer Kunst verhelfen oder auf der Bahn der Ehre weiterbringen kann. Aus solchem Tone muss ein edles Gefäss werden, oder es springe!'
Dem gefassten Entschlusse gemäss verdoppelte er täglich die Beschäftigungen seines jungen Freundes, gab sich unendliche Mühe, dass ihn Graf und Gräfin einer höhern Aufmerksamkeit würdigen und durch Beifall aufmuntern sollten: sie taten es beide und warfen dem Zöglinge, seinem Erzieher zu Gefallen, zuweilen einen Brocken Lob als eine Gnade zu, mehr mit derjenigen nachsichtigen Güte, womit man der Marotte eines Menschen willfahrt, dem man nicht ungeneigt ist, als aus wahrer lebendiger Überzeugung. Bei der Gräfin mochte es noch ein Rest von Zuneigung sein, aber es war gewiss nur ein Rest: denn solange er ein Knabe war, hielt sie es nicht für unanständig, sich mit ihm abzugeben: allein sein jetziges Alter setzte sie gegen ihn in das völlige Verhältnis des ungleichen Standes: sie sprach und handelte gegen ihn wie eine gnädige herrschaft, und wenn sie auch mehr Vergnügen in der Herablassung fand, so durfte sie vor dem Grafen nicht zu weit gehen, der so etwas eine Unanständigkeit nannte.
Sonach musste Schwinger das meiste tun: er liess sich gegen niemanden von Heinrichs Liebe etwas merken, und Graf und Gräfin waren durch das Alter der Baronesse sicher gemacht, sie zu argwohnen, weil sie ihr nunmehr Verstand genug zutrauten, sich nicht mit ihrer Zuneigung wegzuwerfen. Auch liess es besonders der Graf nicht an Bemühung fehlen, ihr Stolz und Verachtung gegen alle Personen unter ihrem stand einzupflanzen und die Vertraulichkeit zu benehmen, mit welcher sie sich gegen solche Leute betrug: seine Lehren fruchteten wenig: je mehr er sie zu Steifheit, zu Ernst und zerimoniöser Gravität zwingen wollte, je mehr wuchs ihr Missfallen daran, das sie freilich wohlbedächtig verbarg. Daher gefiel sie auch fast niemanden von ihrem stand: sie spielte wider ihre inneren Antriebe eine angenommne Rolle, und es war nicht zu leugnen, dass ihr Betragen, ihre Manieren dadurch etwas ungemein Gezwungenes, Linkisches bekamen: sie war eine Puppe, die im Drahte geht, weil sie nicht natürlich gehen soll. Nicht besser fielen auch ihre Reden in der Gesellschaft aus: bei jedem Einfalle, der in ihr aufstieg, hielt sie sich zurück, aus Furcht, zu frei, zu unanständig zu sprechen, und sagte in solchem Zwange meistens etwas Albernes. Man sagte allgemein: es ist ein gutes Mädchen, das Ökonomie lernen und einmal einen Landkavalier heiraten muss: für die Welt wird sie niemals. Die Damen rückten ihr ihren Mangel an Lebhaftigkeit vor, tadelten sie, dass sie zu still sei, rieten ihr, sich ein wenig aufzumuntern, den jungen Herren zu gefallen zu suchen, um durch sie aufgeheitert zu werden, und sie ward durch die öftern Aufforderungen noch gezwungner, noch ängstlicher.
Die Herren gaben sich die Ehre, sie lustig machen zu wollen, wie sie es nannten: ihre laue Fröhlichkeit erwärmte die Baronesse, dass die ihrige in Flammen ausbrach, sie wurde im eigentlichen verstand lustig, das heisst, sie vergass sich und fiel in ihre natur zurück: gleich erging durch fräulein Hedwig ein Befehl an sie, sich nicht zu frei und wider den Wohlstand zu betragen: da stand das arme geschöpf und war wieder eine unleidliche stumme Drahtpuppe! Desto mehr hielt sie sich auf ihrem Zimmer wieder schadlos, wiewohl auch hier fräulein Hedwig gleich über Unanständigkeit schrie.
Sie wunderte sich äusserst, dass ihr geliebter Heinrich seine Spaziergänge auf einmal so ganz einstellte, und kundschaftete aus, dass er den ganzen Tag mit Schwingern beschäftigt sei: – keine erfreuliche Nachricht für sie! 'Nun wird er mich wohl ganz vergessen' – dachte sie, aber sie hatte das nicht zu besorgen. Der gute Bursche war ein Fuhrwerk, an beiden entgegengesetzten Enden mit Pferden bespannt: bald zog das vorderste Gespann den Wagen eine kleine Strecke vorwärts, und gleich zog das hinterste an und riss ihn nach sich hin. Die Arbeit war ihm zur Last: wenn ihm Schwinger die goldnen Früchte der Ehre vorhielt, griff er nur mit halber Entschlossenheit darnach, weil ihm die Liebe schönere Lockungen darbot: er hörte, er las, ohne oft etwas zu verstehen: sein Kopf war mit Nymphen, Liebesgöttern, Grazien und allen übrigen schönen Bewohnerinnen der poetischen Liebeswelt angefüllt, die ihm mancherlei interessante Szenen zusammen vorspielten: