und zürnte auf sich und seine Schüchternheit.
Das Verlangen war zu dringend, die gelegenheit zu günstig: er musste einen zweiten Versuch wagen. Aller mögliche Mut wurde in der Brust gesammelt, er spornte sich selbst durch Vorwürfe über seine Feigheit an: entschlossen ging er fort, marschierte ziemlich nahe an der geliebten Tür vorbei – da war keine Baronesse! Wie mit einer Keule vor den Kopf geschlagen, blieb er eine halbe Minute dabei stehen: 'wenn dich nun jemand sähe!' rief die Scham in ihm; und als wenn zehn Peitschen auf seinen rücken loshieben, rennte er die Treppe hinunter in einem zug in den Garten: auf dem Rückwege, der unmittelbar darauf erfolgte, schielte er nach dem Fenster – da war keine Baronesse! Traurig langte er von dieser zweiten Reise an, die noch unglücklicher ausgefallen war als die erste. Er sann und sann, warum die Baronesse nicht erschienen sein möchte: der arme Verliebte wusste nicht, dass er bei allem geschöpften Mute auf den Zehen zur obersten Treppe herabgegangen war: seine Venus hatte ihn gar nicht kommen hören.
Er fühlte nunmehr, was für eine grosser Unterschied es sei, in seinem sechsten Jahre eine Baronesse küssen und im zwölften, wenn man durch tägliche Erfahrung an den Unterschied des Standes gewöhnt ist, eine Baronesse lieben: dort machte ihm kindische Unbesonnenheit alles leicht und hier die Überlegung alles schwer. Der vertrauliche Umgang mit ihr hatte schon seit vier Jahren aufgehört: er war durch Schwingers Wachsamkeit, ohne Zwang, sogar ohne dass er's merkte, in einem haus von ihr getrennt und gewissermassen fremd gegen sie geworden: die häufigen Beschäftigungen und Zerstreuungen, in welchen ihn sein Lehrer gleichsam ersäufte, hatten zwar seine erste Zuneigung nicht ausgelöscht, aber doch nicht weiter aufbrennen lassen, da hingegen die Baronesse bei ihrer völligen Musse, bei allem Mangel an für sie anziehenden Zerstreuungen die ihrige irisch unterhielt, durch Einsamkeit, Lektüre und Nachdenken stärkte, belebte, glühender machte.
Sosehr Heinrich die Schüchternheit seiner Liebe fühlte, so beschloss er doch eine dritte Reise: jetzt war nichts gewisser, als dass er sich ihr näherte, ihr eine Hand bot, und der Himmel weiss, was weiter tat: es war so ausgemacht, dass er im Heruntergehen stark auftreten und husten wollte, um sie herbeizulocken: er schritt mit ängstlicher Herzhaftigkeit schon daher – Himmel! da trat Schwinger herein – und er hatte sich so schön zubereitet!
"Wo willst du hin?" fragte sein Lehrer. – Diese unvermutete Frage schlug seine Unerschrockenheit darnieder wie ein Hagelwetter: er errötete von einem Ohre zum andern, dass er glühte, ward verwirrt, wiederholte die Frage und stammelte, statt der Antwort, ein nichtssagendes: "Nirgends."
"In den Garten?" fuhr Schwinger fort. "Bist du schon vorhin unten gewesen?" – Die glühenden Wangen wurden wie mit Blut übergossen: er antwortete: "Nein."
Das war bedenklich: Schwinger hatte ihn belauscht, als er seine zwo verliebten Reisen getan hatte: er, der für seinen Lehrer sonst nichts Geheimes hatte, leugnet jetzt eine so gleichgültige Handlung? Die Spaziergänge müssen Bewegungsgründe haben, deren er sich schämt – dachte Schwinger, setzte nicht weiter in ihn und behielt seine Mutmassungen für sich, um sie durch neue Versuche zu bestätigen oder zu widerlegen.
Dritter teil
Erstes Kapitel
Schwinger fand durch wiederholte Proben zu seiner grossen Unruhe nichts gewisser, als was er vermutet hatte: die Neigung seines jungen Freundes zur Baronesse war unverkennbar. Den Verliebten konnte die Entfernung, in welcher ihn seine Schüchternheit und so viele Aufpasser hielten, nicht so quälen als seinen Lehrer jene Gewissheit: er übersah alle die traurigen Folgen für das Schicksal des jungen Menschen und für sein eigenes, die eine solche Liebe begleiten müssten, die Vorwürfe, die man ihm deswegen machen würde, besonders da er immer sein Verteidiger gewesen war und gewissermassen es über sich genommen hatte, für ihn und seine Neigung zu stehen: er ängstigte sich selbst mit der Besorgnis, dass er vielleicht in der Erziehung einen Fehler begangen, ihn nicht genug bewacht, die falsche Metode in seiner Bildung ergriffen, nicht genug getan habe, einer gefährlichen leidenschaft zuvorzukommen. Bald wollte er nunmehr selbst anhalten, seinen Freund aus dem haus zu entfernen: aber welch ein Schmerz für ihn, wenn er an diese Trennung gedachte! welche neue Unruhe, was aus ihm werden könne! wer sollte ihn unterstützen, mit Rat und Geld auf der Bahn weiterführen, auf welche er ihn geleitet hatte?
'Wie unrecht tat ich', sprach er oft zu sich selbst, 'dass ich diesen Durst nach Ehre in ihm rege machte! dass ich ihn in eine Laufbahn hinzog, in welcher er sich unmöglich erhalten kann! Sein Elend hab ich in der besten Absicht bewirkt: er wird nach Ehre wie nach dem höchsten Gute aufstreben und seine Armut ihn wie einen Vogel, dem Blei an die Flügel gebunden ist, wieder zurückziehn; und dann wird der Unglückliche sich im Staube wälzen, sich selbst durch Kummer und Ärger zerstören und dem fluchen, der ihn fliegen lehrte, da er nach dem Willen des Schicksals nur kriechen soll. – Meine künftigen Tage, die das Bewusstsein, einen edlen Menschen gebildet zu haben, erheitern sollte, werden unaufhörlich in Wolken und Stürmen über meinen Scheitel dahergehn. O dass mir mein erstes, mein hoffnungsvollstes Werk misslang! Was konnte ich Elender, den das Geschick für die enge, kümmerliche Sphäre bestimmte, wo