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Wenn er aufs Zimmer kam, nahm er einen lateinischen Schriftsteller: zwei Zeilenund in seinem kopf stand die Baronesse: er sah starr und unverwandt auf sein Buch, und durch seinen Kopf liefen Projekte, wie er die Baronesse öfter sehen könnte. Schwinger sah ihm von der Seite zu, wie er nach seiner Meinung an einer Stelle so lange mit einem Ernste nagte, als wenn er den Kopf sprengen wollte. – "Greife dich nicht zu sehr an!" sagte der gutmütige Lehrer und nahm ihm das Buch weg. "Komm! wir wollen uns die Zeit vertreiben."

Er holte Kupferstiche oder die Gipsabdrücke der römischen Kaiser; keiner, an welchem Heinrich nicht eine Ähnlichkeit mit der Baronesse Ulrike fand! Augustus hatte ihr Kinn, Nero die Stirn, ein andrer das, ein andrer jenes, und selbst dem alten Nerva fehlte es nicht an Reizen, um ihr völlig ähnlich zu sein. Er störte in den Kupferstichen; alle niederländische Bauernszenen, die ihn sonst sosehr ergötzten, wurden verächtlich zurückgelegt, wenn nicht ein Mädchen darinne schäkerte. – Alexander mit seinen Heldentaten, alle berühmte grossen Männer, die er sonst zu Viertelstunden anstaunte, mussten ungesehen vorbeimarschieren. Jetzt kam ein Urteil des Parisah! hier ist Ulrike, wie sie leibt und lebt! Dreifach steht sie da! Jede Göttin sieht ihr so gleich, als wenn sie dem Künstler bei jeder gesessen hätte! – Hier wurde haltgemacht: er sah den Göttinen ins Gesicht: sie schienen ihn anzulächeln: er winkte ihnen mit den Augen, und es war nichts gewisser, als dass sie ihm wieder winkten: er berührte mit schüchternem Finger ihre Wangen, wagte sich an die vollen Brüste, strich die sanften, federweichen arme, ein süsser Schauer lief über seine Brust hin, und er zog schamhaft den Finger zurück, als wenn er zuviel gewagt hätte. Jetzt wurde er den glücklichen Paris gewahr. "O wer Paris wäre!" dachte er und legte den Kupferstich auf die Seite allein. Er blätterte weiterda war nichts, gar nichts Sehenswürdiges mehr! Weg mit den Kupferstichen! Die Göttinnen wurden auf die Kommode quartiert, um sich an ihrem Anblicke weiden zu können, sooft es ihm beliebte.

"Bist du's schon wieder überdrüssig?" – fragte Schwinger und erbot sich, ihm etwas auf dem Klavier vorzuspielen: er schien sich über das Anerbieten zu freuen. Sein Lehrer spielte alle seine vorigen Lieblingsstücke nach der Reihe, die brausenden Allegros, die majestätischen, patetischen grossen Arien, die er sonst so aufmerksam bewunderte: nichts reizte ihn: er stand bei den drei Göttinnen, hörte kaum darauf und bat Schwinger um etwas Neues. –

"Des Tages Licht hat sich verdunkelt" –

fing dieser zu singen an: Heinrich horchte.

"Komm, Doris, komm, zu jenen Buchen" –

Sein Herz klopfte: die ganze Buchenhecke, von welcher er sooft der Baronesse zuwinkte, stand vor seinem gesicht.

"Lass uns den stillen Grund besuchen,

Wo nichts sich regt als ich und du" –

Er schwamm in sanftem, rührendem Vergnügen: er fühlte sich in eine höhere Sphäre versetzt, seine ganze Einbildungskraft erweitert.

"Und winket dir liebkosend zu" –

Nun konnte er sich nicht mehr halten: er wiederholte mit entzückungsvollem Akzente den Vers leise, eilte zum Klavier, liess nicht nach, bis ihm Schwinger die ganze Ode durchgesungen hatte, und fand jedes Wort darinne so vortrefflich, dass er viele Tage nichts anderes hören wollte.

Die Baronesse, welche fräulein Hedwig weder mit Kupferstichen noch Liedern zerstreute, ergriff die einzige für sie übrige Zufluchtsie las, sah freilich sehr oft ins Buch, indessen dass ihre Einbildungskraft an allen Orten, wo ihr Heinrich ein Zeichen der Liebe zugeworfen, herumschweifte und ihr künftige angenehme Szenen vormalte: sie labte sich an diesen Luftbildern so herrlich als Heinrich an seinen drei Göttinnen.

Schwingern wurde sein Schüler etwas verdächtig, dass er beständig, auch bei der entferntesten gelegenheit, Ulriken herbeizubringen wusste: um dahinterzukommen, liess er ihm völlige Freiheit, allein zu gehen, wohin er wollte, und beobachtete ihn von fern in einem Winkel oder auf eine andre Art, doch dass er ihn nie zu beobachten schien; er spürte lange Zeit gar nicht einmal Lust an ihm, das Zimmer zu verlassen. Eines Nachmittags, als er ihn so sich selbst überlassen hattewelches jedesmal wie von ungefähr geschah –, ging er die Treppe hinunter in den Garten. Die Baronesse, die seinen gang genau kannte, hörte ihn kaum kommen, als sie an der Tür war: er wollte nicht bloss mit einem zugeworfnen Blicke sich begnügen, sein Herz strebte nach der Tür hin: schon hatte er einen Schritt zu ihr hingewagthurtig zog ihm ein Etwas den Fuss zurück; er ging verschämt, als wenn die ganze Welt den Schritt gesehen und doch nicht merken sollte, dass er um der Baronesse willen geschehen sei, mit niedergeschlagnen Augen dicht an der anderen Wand weg, warf keinen verliebten blick nach ihr, sah sich vor dem Garten nicht nach ihrem Fenster um: nur zwei Gänge durch den Garten! – und er wanderte wieder zurück: ein flüchtiges Hinschielen auf dem Rückwege konnte er sich nicht verwehren, aber es war nur wie weggestohlen, und mit desto gesenktrem kopf und desto dichter an der Wand ging er vor ihrem Zimmer vorbei. Unmutig über die Scham, die ihm seine Absicht vereitelt hatte, eilte er ans Fenster