Veränderungen, die der Wein allmählich im gesicht des alten Herrmanns bewirkte, desto schneller wahrzunehmen, und lächelte mit steigender Freude, je günstiger die Aspekten wurden. Der Alte, der sich heute schon den zweiten Rausch trank, wurde gleich bei dem zweiten Glase ungemein geschwätzig, bat seinen Mittrinker jeden Augenblick um Verzeihung wegen Beleidigungen, die er ihm nimmermehr getan hatte, und war jetzt am Ende der Flasche so schwachherzig, dass er sein Nillchen zu loben und zu karessieren anfing. – "Was machst denn du hier, Heinrich?" sprach er stammelnd, indem er seinen Sohn von ungefähr erblickte. "Hast du mich einmal besuchen wollen?" – Er stand auf, wankte zu ihm und zwickte ihn in die Backen. "Du Schelm", sagte er, "besuchest deinen Vater so selten! – Kinderchen! geht nur wieder nach haus: ich werde schläfrig. Geht, und kommt bald wieder!" –
Viktoria! die List war gelungen: der Alte hatte im Rausch seinen vorigen feindseligen Plan vergessen: man bestätigte ihn in der Einbildung, dass die ganze Gesellschaft bloss aus eignem Triebe gekommen sei, ihn zu besuchen, und sagte ihm ohne Zögern gute Nacht. Nillchen sprang vor Freuden dreimal in die Höhe und klopfte in die hände: alle Gesichter heiterten sich auf, jedermann nahm fröhlichen Abschied, nur fräulein Hedwig nicht. Bald wäre aber der Auftritt, als er zu Ende eilte, noch weinerlich geworden: der betrunkene Alte bildete sich ein, dass Hedwig seine Frau sei, und übte daher einen teil seiner gewalttätigen Karessen an ihr aus: Hedwig, voll keuschen Grimms über seine Frechheiten, stiess ihn zurück: er erzürnte über diesen rebellischen Widerstand und misshandelte sein vermeintes Nillchen auf die grausamste Weise: man mochte ihm einreden, soviel man wollte: er beharrte hartnäckig auf der Meinung, dass Hedwig seine Frau sei, bis endlich sein wahrhaftes Nillchen ihm um den Hals fiel und ihm die Freiheiten anbot, die Hedwigs Sprödigkeit versagt hatte: die übrige Gesellschaft schlich fort, und die Liebe schläferte unter ihren Schwingen den trunknen Ehemann ein.
Fünftes Kapitel
Die Begebenheit brachte bei Heinrichen in dem Reiche seiner Neigungen eine mächtige Revolution hervor: die Liebe, welche die Baronesse bei dieser gelegenheit ihm so tätig bewies und in dem gespräche mit seiner Mutter auf der Treppe erklärte – er hatte dieser Unterredung, als er bei seinem Vater in der stube eingesperrt war, durch das Schlüsselloch zugehorcht –, diese so tätig erwiesene, so deutlich erklärte Liebe zündete seine bisherige Zuneigung bis zur Flamme an. Der zwölfjährige Bursche war ihr nicht mehr gut wie in seinem achten Jahre, als er beschloss, der Gräfin zum Trotze mit ihr umzugehen, und ebensobald seinen Trotz wieder aufgab, weil ihn sein Lehrer durch Beschäftigung und Zerstreuungen davon ablenkte: die Liebe foderte jetzt den Ehrgeiz, der bisher in seiner Seele den Ton angegeben hatte, wirklich zum Kampfe auf, und er fühlte den ersten starken Streit der Leidenschaften in sich. Vorher waren es nichts als kleine Scharmützel gewesen: Zuweilen ein flüchtiger Wunsch, eine kleine Unzufriedenheit mit seinen gewohnten Beschäftigungen, ein Zuck am herz, ein inneres, unbestimmtes Verlangen nach einer Erweiterung seines Wirkungskreises, so ein schwankendes Gefühl, als wenn ihm etwas fehlte, auch oft ein wirklicher Schmerz über das Verbot, das seinen Umgang mit der Baronesse hinderte! weiter ging es nicht; und wenn ihn sein Lehrer wieder in das ordentliche Gleis hineinführte, so lief er darinne mit beruhigtem herz fort.
Jetzt ward die Sache ernster. Er suchte Gelegenheiten, die Baronesse zu sehen, ihr süsse Blicke zuzuwerfen; wenn er an Schwingers Seite vor ihrem Zimmer vorüberging, stand sie hinter der halboffnen Tür, und hurtig schlüpften ein paar wechselseitige Blicke durch die schmale Öffnung. Wenn er in den Garten ging, stand sie am Fenster; unaufhörlich hatte er Ursachen, sich umzusehen, und wenn Schwinger nach dem gegenstand fragte, so fehlte ihm nie einer voller Merkwürdigkeit: während dass jener diese meistens schwer zu findende Merkwürdigkeit daran aufsuchte – husch! flog ein Wink, auch wohl mitunter ein Kuss ins Fenster hinauf und blieb nie unbeantwortet. Dergleichen Spaziergänge in den Garten hatte er jetzt täglich so viele zu machen, dass Schwinger sich darüber verwunderte und in der Länge verdriesslich wurde, die Treppen sooft mit ihm auf und nieder zu laufen, besonders da er nie weiter als in die ersten Alleen zu bringen war, aus welchen er die Baronesse am Fenster sehen konnte: wenn er durch keinen Vorwand Schwingern bewegen konnte, vorn bei dem Eingange herumzuspazieren, sondern ihm weiter folgen musste, so währte es nicht fünf Minuten, und es fand sich ein Kopfweh oder eine andre dringende Ursache ein, warum er ihn bitten musste, wieder aufs Zimmer zu gehen. – "Der junge Mensch ist wohl krank", dachte Schwinger bei sich selbst, "dass er so unruhig ist und auf keiner Stelle bleiben kann": und in dieser Voraussetzung gehorchte er allen seinen Verlangen, strengte ihn weniger zu arbeiten an und wanderte aus gutem Herzen wohl zehnmal in einem Vormittage auf seine Bitte mit ihm in den Garten und aus dem Garten, dass die Leute im haus verwundert stehenblieben und fragten: "Kommen Sie denn schon wieder? Sie gehen ja jetzt sehr fleissig spazieren!" – "Ach!" zischelte ihnen Schwinger leise zu, "mein armer Heinrich ist krank: er kann an keinem Orte bleiben: seine Unruhe beweist es deutlich: es wird vielleicht eins von den herrschenden Fiebern werden.