herzliebes, liebes Gottchen! wo sind die gottlosen Kinder hin? Wer weiss, was sie jetzt miteinander anfangen?" – Schwinger wurde durch das Klagegeschrei aus seiner homiletischen Begeisterung erweckt und öffnete das Kabinett. fräulein Hedwig fiel mit ihrem ganzen plumpen Körper über ihn her: – "Schaffen Sie mir die Baronesse", schrie sie, "oder ich kratze Ihnen die Augen aus." – Schwinger war mit den Gedanken noch bei seiner Predigt, die von der christlichen Sanftmut handelte, und hub mit kanzelmässigem Tone an: "Die Sanftmut ist eine von den Tugenden, die das Herz eines Christen zieren sollen" –
"Ach! mit ihrer verzweifelten Sanftmut!" unterbrach ihn die Gouvernante.
Er fuhr ungehindert fort: – "Sie muss in seinen Worten und Werken sich äussern" –
fräulein Hedwig. So lassen Sie uns doch suchen, ehe sie der böse Feind in den Klauen hat!
"Wen denn?" fragte Schwinger, von seinem Traume erwachend.
fräulein Hedwig. Die Kinder! Sie sind ja fort! Wenn sie nun gar die Fallacibus Satanas blendeten – ach! wir müssten beide mit Schimpf und Schande davonlaufen! aus dem haus würden wir gejagt! – Hab ich's nicht immer prophezeit? Aber mit den Leuten, die keinen Teufel glauben, ist nichts anzufangen. Hernach –
Schwinger. Gedulden Sie sich nur! Es wird vermutlich nicht so schlimm sein, als Sie denken. –
Er ermahnte sie noch weiter zur Geduld, allein die Furcht vor einer Entdeckung der geheimen Ursache, warum sie die Baronesse allein gelassen hatte, machte sie wütend, besonders da Schwinger einigemal sich erkundigte, warum sie ohne die Baronesse spazierengegangen sei. – "Sie denken wohl gar", sprach sie erschrocken, "dass ich auf bösen Wegen gewesen bin? dafür bewahre mich mein liebes Väterchen im Himmel!"
Beide waren noch mitten in der Überlegung, wo sie zuerst die Entflohnen aufsuchen sollten, als Frau Herrmann mit ihrer Botschaft anlangte und sie aus ihrer Verlegenheit riss: der Hauptknoten war indessen immer noch aufzulösen. Die Herrmann schlug dazu selbst ein Mittel vor: um ihren Mann zu bewegen, dass er Heinrichen wieder zurückgebe, hielt sie nichts für kräftiger, als ihn durch eine Bouteille Wein zu bestechen. Schwinger steckte eine zu sich und wanderte mit der Herrmann ab, und fräulein Hedwig, um desto sicherer zu sein, folgte ihnen.
Schwinger fing seine Traktaten mit dem alten Herrmann unter dem Fenster an, wo er sein Pfeifchen schmauchte: er stellte ihm die Ungade des Grafen und der Gräfin vor, die den Burschen von ihm foderten, erschöpfte alle mögliche anderen Bewegungsgründe: der Alte gab einen jeden zu und schlug sie alle damit nieder – "Ich mag nicht." – Endlich wurde das kraftvolle Argument ad stomachum aus der tasche geholt; auch dies schlug nicht an: doch gab er die Erlaubnis, es in die stube zu bringen.
Als Schwinger ins Haus trat, fand er fräulein Hedwig in offenem Zanke mit der Baronesse: sie hatte sie schon mit ihren breiten Händen wie der Geier eine Taube umklammert, um sie mit Gewalt hinauszuziehen: die nervichte Strafpredigt war schon vorausgegangen. Die Baronesse fühlte so viel Unwürdigkeit in dieser Behandlung, dass sie alle Rechte der Selbstverteidigung gebrauchen zu dürfen glaubte: die Angst, von Heinrichen mit Gewalt getrennt zu werden, und die Überredung, dass dies alles abgekartet sei, machte sie doppelt unwillig und doppelt beherzt: sie zog eine lange Nadel aus den Haaren und stach so lange auf die Klauen los, die sie umschlungen hielten, bis sie der Schmerz nötigte, fahrenzulassen. In diesem Augenblick wollte Schwinger beide auseinanderbringen, als sie sich ohnehin aus dieser Ursache gehen liessen. Aller Widersprüche ungeachtet, nahm er die Baronesse mit sich in die stube: er wollte seine Vorstellung erneuern, allein die erboste Hedwig, die auf und nieder rannte und das Blut aus den zerritzten Armen saugte, machte mit ihrem Toben alle seine Worte unverständlich. Dem alten Herrmann war die Gesandtschaft durch die vorgezeigte Bouteille Wein interessant geworden, und ärgerlich, dass er nichts verstehen konnte, ergriff er fräulein Hedwig bei dem Arm und gab ihr mit seiner originalen Unmanierlichkeit die Wahl, hinauszugehen oder zu schweigen. Sie wählte das letzte, und Schwinger, weil er auf dem angefangenen Wege nicht weiterzukommen gedachte, schlug einen andern ein: er stellte es dem alten Herrmann frei, seinen Sohn dazubehalten, und bat ihn, wenigstens die Flasche mit ihm auszutrinken, damit er nicht ganz umsonst bei ihm gewesen sei. Ohne Anstand wurde die Bitte bewilligt, die Pfeife niedergelegt, und Nillchen stand mit den Gläsern schon in Bereitschaft, ehe er sie noch foderte.
Die Flasche war jetzt leer: die Baronesse stand betrübt im Winkel neben dem Grossvaterstuhle, wo fräulein Hedwig in vollem Feuer der Erbitterung sass und sich mit dem weissen Schnupftüchlein das breite Antlitz fächelte: das gute Kind schielte noch mit ängstlichem Blicke nach ihrem Heinrich, dem sie sich nicht nähern durfte; – denn sooft sie zu ihm hintrat und seine Hand ergriff, fuhr die grimmige Gouvernante wie ein böser Geist auf sie los und trennte sie von ihm: – ihr gegenüber wartete Heinrich mit neugierigem Blicke nach dem Tische, wo sein Vater und Schwinger sassen und tranken, voller Ungeduld, was für eine Entscheidung seines Schicksals seinem Vater die Flasche eingeben werde: ebenso erwartungsvoll lauerte Nillchen neben ihrem mann, mit der Brust auf die Lehne eines leer dastehenden Stuhls gelehnt, den Kopf weit herüberhängend, um die