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los, dass mir's angst und bange macht. Bald geh ich einwärts, bald halt ich mich schief, bald rede ich zuviel und bald zuwenig. – 'Machen Sie doch ein Kompliment! Reden Sie nicht zu frei! Küssen Sie der Dame die Hand! Sehen Sie den Herrn nicht zu starr an! Sprechen Sie doch nicht immer deutsch!' – So geht's den ganzen Tag: das ist ein ewiges Tadeln; man wird des Lebens recht überdrüssig dabei. – Wenn ich nun vollends bei dem Grafen oder der Gräfin sein muss, da geht die liebe Not erst recht an. Da darf ich kein Wort reden, wenn man mich nicht fragt: wie ein Stock muss ich dastehn. – 'Wie Ihre Gnaden gnädigst befehlenIhre Gnaden untertänigst aufzuwartenIch bitte Ihre Gnaden untertänigst um VergebungWenn Ihre Gnaden die hohe Gnade haben wollen' – Und wenn ich einmal von den tausend Millionen Gnaden, die ich beständig im mund haben muss, eine vergesseach! da ist's ein Lärm zum Kopfabhauen! Oder wenn ich zu hurtig spreche, zu langsam oder zu hurtig, zu tief oder zu seicht den Reverenz mache, wenn ich nicht gleich nach einer Sache laufe, sobald sie der Graf nur nennt, da geht's gleich los. -Ja, das bisschen Leben wird einem recht schwer gemacht.

Die Herrmann. dafür geniessen Sie auch desto mehr Ehre

Die Baronesse. Ach! schade für die Ehre! Wenn man mir nur mein Vergnügen liesse! Da soll ich stundenlang wie angepflöckt sitzen, und wann ich's nicht tun will, so nennt man mich ungezogen. Sitz ich nun dort und gebe nicht recht acht und mache nur einen Fehler, gleich werde ich ausgehunzt: sehe ich verdriesslich darüber, so krieg ich wieder etwas ab, dass ich nicht munter bin: lach ich ein wenig zu laut, so heisst's, ich führe mich unanständig auf: rede ich leise – 'so rede doch laut, dass man's versteht!' – sprech ich laut – 'wer wird denn schreien wie ein gemeines Mensch?' – Immer mach ich etwas unrecht: kein einziges Mal kann ich's treffen. Mannichmal, wenn mir die Zeit gar zu lang wird, geh ich aus der Gesellschaft: gleich watschelt die dicke Hedwig hinter mir drein und schilt mich aus, dass ich keine Lebensart habe: steh ich etwa in Gedanken und antworte nicht gleich, wenn mich jemand anredet, so sollten Sie nur das Unglück sehen, das ich ausstehen muss, sobald die Gesellschaft fort ist! Wenn sich nicht die Gräfin zuweilen meiner annähme, so wär ich längst davongegangen. Ich tu es auch gewiss noch einmal.

Die Herrmann. Sie werden ja so etwas nicht tun!

Die Baronesse. Es wäre kein Wunder, wenn man so geplagt wird. So steif und trocken Tag für Tag zuzubringen und auch nicht einmal ein Vergnügen haben zu dürfen, das ist keine Kleinigkeit. Ich soll ja mit niemanden reden, mit niemanden lachen, weil das alles zu gemeine Leute sind; und dass ich nicht Heinrichen sooft sehen und sprechen darf, wie ich willach! das nagt mir am herz! – Ich kann's Ihnen wohl sagen: er gefällt mir besser als alle die jungen Herren und Kavaliere, die zum Grafen kommen. Machen Sie ja, dass er nicht vom schloss weggenommen wird!

Die Herrmann. Nein, das lass ich nicht zu, und wann ich mich mit meinem mann darüber prügeln müsste. Ich will Sie wieder nach haus begleiten: morgen wird meinem alten Bäre der Sonnenschuss wohl vergangen sein.

Die Baronesse. Nein, ich gehe nicht, solange Heinrich hier bleibt. – Sie wollen mich hintergehn: so leichtgläubig bin ich nicht: wenn ich aus Ihrem haus bin, so schaffen Sie ihn gleich fort, damit ich nicht weiss, wohin er gekommen ist. Wenn das geschieht, hernach ist es ganz aus auf der Welt für mich: dann können sie mich begraben, wenn sie wollen. –

Alle weitre Vorstellungen fruchteten nichts bei ihr: sie beharrte hartnäckig auf ihrem Entschlusse, nicht wieder aufs Schloss zu gehen, wenn sie Heinrich nicht begleitete, und drohte, die ganze Nacht auf der Treppe sitzen zu bleiben, wofern man ihr nicht willfahrte. Die Herrmann war am Ende ihrer Beredsamkeit, liess sie sitzen und ging heimlich fort, fräulein Hedwig von dem Plane der Baronesse zu benachrichtigen.

Die Botschaft war äusserst willkommen: denn die arme Gouvernante war in unbeschreiblicher Angst über die Abwesenheit ihrer Untergebnen. Sie hatte, einige Minuten nachdem die Flucht geschehn war, ihren verliebten Kreuzzug durch den Garten beendigt, und ihr Herz schlug ellenhoch vor Schrecken, als sie bei ihrer Rückkunft ins Zimmer die Baronesse nirgends fand. Als wenn sie ein Gespenst jagte, lief sie brausend und glühend die Treppe hinauf zu Schwingern und fand auch hie niemanden: nun war keine Vermutung gewisser, als dass die beiden jungen Leutchen, nach dem löblichen Beispiele der Gouvernante, auch ihrerseits eine Liebesfahrt getan hatten. Sie rief bald Schwingern, bald Ulriken, bald Heinrichen und raste wie unsinnig in dem Zimmer herum, riss das Fenster auf und rief: alles tot, als wenn die ganze Hofstatt durchgegangen wäre! – "Ach du liebes Väterchen im Himmel droben!" schrie sie trostlos, rang die hände, und Angstschweiss stunde in grossen Perlen auf der rotunterlaufnen Stirn. "Du