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wider seine Unhöflichkeit: sie hielt ihm den Mund zu und gebot ihm, sich nicht wider die gnädige herrschaft zu vergehen: der Mann schwatzte in halben gebrochenen Tönen durch ihre Finger, stiess das Schutzbrett mit einem tüchtigen Schlage von seinen Lippen hinweg und begann desto erbitterter von neuem. Nillchen war zum Zerspringen aufgebracht, schritt zum erstenmal während ihrer ganzen Ehe zu wirklichen Tätlichkeiten, warf ihn mit einem hohltönenden Puffe in den rücken zur Küche hinaus und hatte nichts Geringeres im Sinne, als ihn unter dieser Musik in die stube hineinzutreiben. Unglücklicherweise gab ihm seine grössere Stärke das Obergewicht: mit einer schnellen Wendung streckte er seine Gegnerin zu Boden, dass sie ächzte und vor Erbitterung die Lippen zusammenbiss. Während des Handgemenges war die Baronesse so listig und nahm ihren Adonis bei der Handhusch! waren sie beide zur Tür hinaus. Der alte Herrmann wurde die Flucht gewahr, liess den gestreckten Feind liegen, und hurtig hinterdrein! Wie dergleichen Zurückholungen nie ohne Gewalttätigkeiten abgehn, so mangelte es auch hier nicht daran: Heinrich wurde bei dem Kleide zurückgezogen, und die Baronesse, die sich hinter ihm hereindrängte, kam auch nicht ohne blaue Flecken davon. Vater und Sohn verschlossen sich in der stube, und die arme Ulrike setzte sich traurig auf die Treppe und weinte die bittersten Tränen. Die Frau Herrmann war unterdessen wieder auf die Füsse gekommen und tröstete sie mit Verwünschungen gegen ihren "Hund von mann", wie sie ihn zu nennen beliebte.

"Ich gehe nicht wieder aufs Schloss", sprach die Baronesse schluchzend, "wenn ich nicht Heinrichen mit zurückbringe: ich bin ihm so gut, dass ich nicht ohne ihn sein kann. Sein Vater wird ihn gewiss aus der Stadt tun wollen, vielleicht auf eine Schuleach! liebe Frau Herrmann, da muss ich sterben!" – Sie weinte von neuem und verbarg ihr Gesicht an dem Schosse ihrer Trösterin, die vor ihr stunde.

Es wurde ihr vorgeschlagen, sich wieder aufs Schloss bringen zu lassen, und zwar mit der Versichrung, dass Heinrich gewiss längstens des Morgens darauf nachkommen solle.

"Nein", antwortete sie mit Entschlossenheit; "ich gehe nicht von der Stelle. Sie wollen mich nur gern los sein, damit ich's nicht sehen soll, wenn er fortgebracht wird. – Tun Sie mir's doch nicht zuleide! lassen Sie ihm doch bei uns!" –

"Er soll ja gewiss wieder zu Ihnen kommen" – rief die Herrmann einmal über das andere.

Die Baronesse. Sie hintergehn mich gewiss. Warum wollen Sie mir nun nicht die Freude gönnen, dass ich ihn liebhaben soll? Ich darf ihn ja so nicht sehen und sprechen: wenn ich nur wenigstens weiss, dass er in einem haus mit mir ist, so bin ich ja zufrieden. Weiter will ich nichts! weiter gar nichts! – Wenn der Vater nur nicht so ungestüm wäre, so wollt ich ihm um den Hals fallen: aber er stösst mich von sich. – Ich bin recht unglücklich: – aber dass Sie ja die gnädige Tante oder fräulein Hedwig nichts davon erfahren lassen! – Heinrich ist der einzige Mensch auf der Welt, dem ich gut bin: und ich möchte nur wissen, was das nun Böses ist, dass man mir's verbietet, und nun will man ihn gar weit, weit von mir wegschicken. Warum soll ich denn einen Menschen nicht liebhaben? Es ist ja besser, als wenn ich ihn hasse.

Die Herrmann. Ja, allergnädigste Baronesse. Sie können ihm wohl gut sein: aber die Frau Gräfin und fräulein Hedwig werden wohl etwas anders meinen.

Die Baronesse. Was denn? – Ich habe ihn gern um mich, schäkre gern mit ihm: was ist denn nun so Entsetzliches dabei?

Die Herrmann. Dabei wohl nicht! aber

Die Baronesse. Was denn? – So sagen Sie mir's doch nur! Wenn es etwas Böses ist, so will ich mich dafür hüten. Ich versprech es Ihnen: ich will mich in acht nehmen wie vor dem Feuer.

Die Herrmann. Die Frau Gräfin wird wohl denken, dass mein Sohn nicht vornehm genug zu Ihrem Umgange ist.

Die Baronesse. Soll ich denn die Leute deswegen hassen, weil sie nicht vornehm sind?

Die Herrmann. Das wohl nicht! aber Sie werden vielleicht zu vertraut.

Die Baronesse. Je vertrauter, je besser! das ist mir das liebste. Wenn man da so reverenzt und knixt und komplimentiertdas ist kein Vergnügen. Wem ich gut bin, der ist mir auch vornehm genug.

Die Herrmann. Ich weiss freilich auch nicht, warum die Frau Gräfin gar nicht haben will, dass Sie mit meinem Heinrich umgehen sollen: wenn er gleich kein Graf ist, so hat ihn doch seine Mutter auch nicht auf der Gasse geboren; und wer weiss, was aus ihm noch werden kann? – Aus gutem Holze lässt sich alles schnitzenAlso sind Sie ihm gut, allergnädigste Baronesse?

Die Baronesse. O ungemein! Ich wollte den ganzen Tag bei ihm seinlieber als bei Grafen und Baronen! Wenn ich nur ein gemeines Mädchen werden könnte, dass ich allentalben herumlaufen und umgehen dürfte, mit wem ich wollte! Unsereins ist recht wie im Gefängnis: ach, liebe Frau Herrmann, mir wird das Leben sauer! Nicht einen Schritt soll ich ohne Erlaubnis tun; und wenn ich einmal lustig werde, so schreit die alte Hedwig gleich auf mich