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folgte ihr nach und ging halb taumelnd zum haus hinaus. Er wollte aufs Schloss; aber in der Berauschung verfehlte er den Weg, wanderte durch drei, vier Gassen, und eh' er sich's versah, war er wieder vor seinem haus. Er fluchte auf den Grafen, dass er sein Schloss so oft verrückte, und wiederholte die Wanderung so oft, dass er in der Abenddämmerung an Ort und Stelle anlangte. Graf und Gräfin waren verreist, niemand da, der ihn zurückhielt, und er erreichte also ungehindert Schwingers Zimmer.

Schwinger sass im Kabinette und arbeitete an einer Predigt, womit er die christliche Gemeinde künftigen Sonntag bewirten wollte, hatte sich verschlossen und so sehr in Begeisterung verloren, dass er weder hörte noch sah. fräulein Hedwig, um sich die Abwesenheit der gnädigen herrschaft zunutze zu machen, war ihrem dicken Amyntas nachgegangen und belustigte sich im Garten mit ihm nach Herzenslust: die Baronesse stunde, in arkadische Bilder vertieft, am Fenster und weidete sich mit der Einbildung an den Freuden der Liebe, die ihr die Wirklichkeit nicht gewähren durfte.

Der alte Herrmann ging unangemeldet ins Zimmer hinein und fand seinen Sohn am Tische sitzend, von den Weisen der heidnischen Welt umringt: Augen und Gedanken waren ganz in seinem buch, und er wurde die Anwesenheit seines Vaters nicht eher inne, als bis er ihn bei dem arme fasste. "Heinrich", sprach er, "komm mit mir!" Der Sohn folgte ihm ohne Widerrede. Er führte ihn die Treppe hinunter. Heinrich erkundigte sich zwar sehr oft, wohin er sollte, aber die Antwort blieb aussen. –

An der Tür entschuldigte er sich, dass er ohne Erlaubnis seines Lehrers nicht weitergehen dürfe, und wollte umkehren: schnell ergriff ihn der Vater in der Mitte des Leibes, lud ihn auf die Schultern und trabte mit ihm fort wie ein Schwan, der seiner kleinen Nachkommenschaft zum Schiffe dient.

Der Sohn war durch die Neuheit des Vorfalls so in Erstaunen gesetzt, dass er sich ohne Widerstand forttragen liess und nur unterwegs zuweilen Miene machte, sich loszureissen, aus Besorgnis, seinem Vater eine zu schwere Last zu sein: da half nichts! Je mehr er widerstrebte, je fester packte ihn der Herr Papa, je schneller eilte er mit ihm davon. Alle Leute blieben verstummend stehen, und niemand dachte vor Verwundrung über die Seltsamkeit der Sache daran, ihn aufzuhalten. Die Baronesse erblickte durch das Fenster ihren Heinrich auf dem rücken eines Fremden, den sie nicht erkennen konnte und der wie ein Knabenräuber mit ihm dahineilte. In einer übereilten Hastigkeit riss sie die Tür auf, flog die Treppe hinunter, zum haus hinaus und dem Entführer nach. Der Vater setzte seine Bürde in seinem haus ab und schloss die Tür zu. "Da!" sagte er zu seiner Frau, die erstaunt in der Küchentür stunde, "da ist Heinrich! Die Leute sollen uns nicht länger nachreden, dass ihn der Graf füttert, weil er nicht mein Sohn ist. Wenn dir nun noch jemand Schuld gibt, dass du keine ehrliche Frau bist, Nillchen! Nillchen! so nimm dich in acht! Ich schlage allen die Köpfe ein, die so sprechen, und dich wider die Wand wie einen alten Topf!" Dabei fasste er, um seine Drohung sinnlicher zu machen, einen alten dort stehenden, berussten Topf und schleuderte ihn mit einer Gewalt an die Küchenmauer, dass die Umstehenden sich vor den herumfliegenden Scherben retten mussten.

"Du bleibst nun in alle Ewigkeit bei uns", fuhr er fort, indem er sich zu seinem Sohne wandte und ihn derb bei dem Ohre zupfte, welche eine von seinen hauptsächlichsten Liebkosungen war: – "Du bleibst bei uns. Du sollst nicht länger schmarotzen: und wenn dich jemand wieder wegholen will und du gehst mit ihm, so mache dich gefasst, dass die Stücken von deinem kopf so herumfliegen werden wie die Scherben von dem Topfe." – Diese Drohung wurde von einem paar fühlbaren Stössen begleitet, die er dem Sohne mit geballter Faust auf den Wirbel versetzte.

Indessen hatte sich die arme Baronesse ihre zarten Fingerchen an der Haustür beinahe wund geklopft, und die Frau war während der Drohung ihres Mannes hinter seinem rücken weggeschlichen, um aufzumachen. Die Baronesse stürzte sich herein in die arme der Frau und bat sie ängstlich um Nachricht, wohin Heinrich sei und wohin er solle. Madam Herrmann führte sie mit ehrerbietigen Verbeugungen an die Küche und zeigte ihr den verlangten Heinrich. – "Da ist er ja!" rief die Baronesse freudig und ergriff seine Hand. – "Aber was soll denn mit ihm werden? wohin soll er denn?" – und mit hundert ähnlichen übereilten fragen drang sie auf den Vater los.

"Bei mir, bei seinem Vater soll er bleiben!" – war die Antwort, "und nicht länger bei Leuten schmarotzen, denen er nichts angeht! Komm, Heinrich!" – Er wollte ihn wegführen. Die Baronesse stiess mit einem kleinen Unwillen seine Hand zurück. "Lass Er ihn!" sprach sie. Der Alte tat einen Schritt zurück, stemmte die hände in die Seite, guckte ihr mit dem schiefsten, verächtlichsten Blicke ins Gesicht und hub eine Rede an, die mit Schimpfen begann und mit Schimpfen endigte. Er verteidigte darin seine Ansprüche auf seinen Sohn so lebhaft und verwies der Baronesse ihren Eingriff in dieselben so derb, dass dem guten kind die Tränen in die Augen kamen. Nillchen erboste sich äusserst