zu geben. Sobald sich der Graf dem Baume näherte, liefen die erschrocknen Abgesandten davon, nur der kleine König blieb, in die Hoheit seiner Rolle vertieft, mit gravitätischem Ernste sitzen. Die Mutter, die in der Ferne gegenüberstand, biss sich vor Ärger über die Unhöflichkeit ihres Sohnes in die Lippen, und der Vater hub schon mit Zähneknirschen und einem unwilligen "Du sollst es kriegen" sein Rohr drohend in die Höhe. Die Gräfin lächelte über die Unerschrockenheit, mit welcher sie der Knabe erwartete, und sagte freundlich zu ihm: "Rükke zu, mein Kleiner!" – "Nein, das kann ich nicht!" antwortete der Knabe. "Ich muss in der Mitte sitzen; denn ich bin König, und Sie sind nur Graf." – Man lachte und gab, aus Ehrerbietung gegen seine königliche Würde, seinem Verlangen nach.
Ohne langes Besinnen fuhr er in seiner Rolle fort und gab mit der nämlichen Dreistigkeit, womit er seine Gespielen beherrscht hatte, auch dem Grafen Befehle, und weil dieser nicht für nötig erachtete, sie zu vollstrecken, so versicherte ihn der kleine Monarch, dass er sich einen bessern Untertan in ihm versprochen hätte, und drohte ihm für seinen Ungehorsam die fürchterlichsten Strafen an. Die Gräfin, die sehr bald merkte, dass alle diese Ideen, ob es gleich nur Kinderspiel war, dem Stolze ihres Gemahls widrig wurden, suchte den Knaben auf etwas andres zu lenken und bat ihn, seine Majestät einmal beiseitezusetzen und ihr ein paar Blumen zu pflücken. Pfeilschnell sprang er von der Bank hinweg, setzte sich ins Gras, pflückte Blumen, und band mit dem sorgfältigsten Fleisse ein sehr zierliches Bukett, das er der Gräfin mit dem verliebten Anstande eines Schäfers und einem Handkusse überreichte, nebst der galanten Versicherung, dass er sie sehr lieb habe. – "Mein Sohn", sagte die Gräfin darauf, "du wirst einmal ein grosser Mann oder ein grosser Narr werden." – "Ach", erwiderte der Knabe mit kindischer Naivität, "mit dem grossen Narren hat's keine Not: das will ich wohl bald werden, wenn ich nur erst ein grosser Mann bin." –
Gräfin. Hast du denn Lust, ein grosser Mann zu werden?
Der Kleine. Ja, das werde ich; und weiter nichts!
Gräfin. Auch ein grosser Narr?
Der Kleine. Nein, das ist meine Sache nicht. – Das ist einer (setzte er hinzu und wies mit dem Finger auf den Grafen). Steifigkeit und Gezwungenheit müssen auf jede richtig gestimmte Seele einen unmittelbaren widrigen Eindruck machen; sonst hätte unmöglich diesem kleinen Schwätzer ein so kindischer Sarkasmus, so voll der bittersten Wahrheit, entwischen können. Der Graf fühlte ihn mit Widerwillen, und es tat ihm sehr wehe, dass er nicht zürnen konnte, weil ihn ein Kind gesagt hatte: seine Gemahlin, die seinen Stolz und seine zeremoniöse Eitelkeit innerlich sehr missbilligte und sich nur nicht offenherzig gegen ihn herauszulassen getraute, freute sich im Herzen über den Vorwitz des Bubens und ermahnte ihn zur Behutsamkeit und zum Respekte in seinen Ausdrücken, vielleicht gar in der boshaften Absicht, seine Unverschämteit noch mehr zu reizen. "Was hast du denn an mir auszusetzen?" fragte der Graf mit hastigem Tone, um seine Empfindlichkeit zu verstecken.
Der Kleine. Sehr viel! – Warum ziehen Sie sich denn so warm an? jetzt in der Hitze? sehen Sie! das ist gescheit angezogen! – (wobei er seine kleine rotstreifichte Leinwandjacke auseinanderzog und von der Luft durchwehen liess).
Die Gräfin verbarg eine boshafte Freude hinter dem Fächer und machte ihm den Einwurf, dass sich eine solche Kleidung nicht für den Grafen schicke.
Der Kleine. Warum denn nicht? Wenn sie sich für mich schickt?
Die Gräfin. Und du bist doch ein König!
Der Kleine. Oh, Sie sind eine scharmante Frau: ich habe Sie wahrhaftig recht lieb, das können Sie glauben. Wenn ich gross bin, will ich Sie heiraten.
Die Gräfin. Du mich? – Ich habe ja schon einen Mann.
Der Kleine. Ja – (wobei er den Grafen mit schiefem, verächtlichen Blicke vom Kopf bis zu den Füssen übersah) – den hätt ich nicht genommen.
Die Gräfin. Warum denn nicht?
Der Kleine. Weil er so viel Silber auf de Rocke hat.
Die Gräfin. Du wirst also vermutlich kein Silber tragen, wenn wir einander heiraten?
Der Kleine. Also wollen Sie mich? – geben Sie mir Ihre Hand darauf!
Die Gräfin. Hier ist sie. – Warum, bist du denn aber dem Silber so gram?
Der Kleine. Weil es zu geputzt aussieht.
Die Gräfin. Ich merke also wohl, du bist kein Liebhaber vom Geputzten.
Der Kleine. Gar nicht! Wenn ich auch einmal ein grosser Mann bin, geh ich doch nicht anders wie jetzt.
Die Gräfin. Was für ein grosser Mann denkst du denn zu werden?
Der Kleine. Das weiss ich selber noch nicht recht. Sonst wollt ich immer ein König werden: aber das gefällt mir nicht mehr. Ich will lieber zur See gehen und Länder entdecken.
Die Gräfin. Da wirst du mich bald zur Witwe machen.
Der Kleine. Ja, wenn ich Sie heirate! – (Vor Freude tat er zwei grosse Sprünge bei diesen Worten.) – Da bleib ich lieber zu haus bei Ihnen und werde recht gelehrt – recht erstaunend gelehrt! Hernach