, voll Verwunderung, dass sie noch lebte: Der Mann besorgte selbst, dass er in der Übereilung wider seinen Willen etwas Tödliches hineingeladen habe, und fing vor Angst so gewaltig an zu zittern, dass er kein Glied von der Stelle rühren konnte. fest überredet, dass sie gestorben sei, blieb die Frau einige Minuten auf der Erde liegen und mit der nämlichen Überredung der Mann zitternd und bebend auf seinem Richterstuhle sitzen. Endlich merkte die Frau wohl, woran sie mit ihrem Leben war, und stunde aus tückischem Trotze nicht auf. – "Nillchen!" hub er mit schwacher, bänglicher stimme an, "bist du tot?" – Nillchen antwortete nicht.
"Nillchen! bist du tot?" wiederholte er mit weinerlichem Tone. – "So sag mir's doch nur! – Nillchen, antworte doch! bist du tot? mausetot? – So rede doch!"
Der Frau entwischte ein lachen: er hörte es. Hurtig verwandelte sich seine Angst in nachdenkenden Ernst. – "Kannst du noch lachen?" sprach er vor sich hin und setzte mit starkem, gebietenden Tone hinzu: "Steh auf, Hure!"
Schnell sprang die erschossne Frau in die Höhe und fuhr geifernd auf ihn los: – "Was? wie nennst du mich!"
Der Mann. Was du bist!
Die Frau. So? Seht mir doch! – Wenn du weisst, dass ich keine ehrliche Frau bin, warum hast du mich denn genommen?
Der Mann. Weil ich ein Narr war.
Die Frau. Das bist du wohl alle Tage.
Der Mann. Weib, habe Respekt! oder dich soll – Höre! antworte mir! bist du eine ehrliche Frau?
Die Frau. Bist du wohl gescheit?
Der Mann. Weib, antworte ordentlich! oder ich schiesse dich übern Haufen.
Die Frau. Ich wollte, dass du mich erschossen hättest, damit sie dich jetzt hängten. – So ein alter Narr! Pfui! schämst du dich nicht, so eine alberne Frage zu tun?
Der Mann. Nicht mehr als du, keine ehrliche Frau zu sein!
Die Frau. Das bin ich! und den will ich sehen, der meiner Ehre zu nahe kommen soll!
Der Mann. Dass du's weisst! Ich lasse mich von dir scheiden.
Die Frau. Ja, da stehen sie und warten, ob sich Herr Herrmann scheiden lassen will! – Beweise mir doch etwas! beweise mir doch!
Der Mann. Hast du den Grafen vor unsrer Heirat gekannt?
Die Frau. Ach, wo will er denn da hinaus? – Freilich hab ich ihn gekannt.
Der Mann. Nun ist's gewiss: ich lasse mich scheiden.
Die Frau. Ach über den einfältigen Adam! Ich glaube, er denkt gar – lasst uns doch lachen! – Ja, der Herr Graf bekümmerte sich viel um deine Nille: dem liefen wohl andre nach.
Der Mann. Hat er dir nicht das Halsband mit den grossen Perlen geschenkt?
Die Frau. Das hat er.
Der Mann. Wofür?
Die Frau. Wofür? – Ach, geh mir doch! wirst wohl da die alte Historie wieder aufwärmen? – Das ist zu Metusalems zeiten geschehn.
Der Mann. Ich scheide mich. – Packe deine paar Lumpen zusammen! und dann aus dem haus!
Die Frau. Wegen des alten Märchens? – Die Historie war ja hundert Jahre vor unsrer Hochzeit. Was hattest du mir denn damals zu befehlen?
Der Mann. Aber ich habe jetzt zu befehlen. Wir sind Mann und Frau gewesen.
Ohne weiter auf ihre Reden zu achten, wanderte er die Treppe hinauf, packte alle Kleider und Wäsche in die grosse Lade mit den korintischen Säulen und brachte über eine Stunde zu, alle ihre Effekten von den seinigen abzusondern und einzupacken. Der Frau ward wirklich nunmehr bange, dass er sie einmal peinigen und zum Gelächter der Stadt machen werde; und was sie fürchtete, geschah. Er schob und schleppte mit eigner Hand die schwere vollgefüllte Lade die Treppe herunter und setzte sie vor die Tür in den Hof: die übrigen Pakete flogen zum Fenster herunter und nahmen ihren Platz auf und neben der Lade, wo sie ihn fanden. Als ihm nichts mehr in die Augen fiel, das der Frau eigentümlich angehörte, so ging er zu ihr, band ihr das Halsband mit den grossen Perlen, das sie einmal als Jungfer von dem Grafen bekommen hatte, um den Arm und führte sie zur Hoftür hinaus zu ihren Sachen, schloss alle Eingänge am haus zu und stellte sich mit seinem Pfeifchen ans Stubenfenster, um seine eifersüchtigen Grillen mit dem Tobaksdampfe in die freie Luft hinauszublasen.
Die verabschiedete Frau sass also unter freiem Himmel auf ihrer Lade zwischen den übrigen Effekten und hoffte ganz sicher, dass bei der eintretenden Dämmerung ihren Mann sein Liebesfieber überfallen und nötigen werde, sie unter demütigenden Bedingungen wieder zurückzurufen. Die Dämmerung kam; es wurde Nacht: niemand im haus rührte sich. Nun musste sie im Ernst darauf denken, ihre Sachen in Sicherheit zu bringen und ein bequemeres Nachtlager zu suchen, als ihr die Lade darbot; dem Mann zum Trotze wollte sie wieder ins Haus. Sie sah sich allentalben nach einem niedrigen Fenster um und konnte keins ansichtig werden, das sich besser zu einer Tür gebrauchen liess als das Küchenfenster, ob es gleich ziemlich hoch von der Erde war. Sogleich wurden die nötigen Anstalten zum Einsteigen gemacht