sich, ohne weiter sich zu wundern oder nachzuforschen.
Die Gräfin argwohnte zwar anfangs, dass ihr Verbot wegen des Umgangs mit Heinrichen die Veranlassung sei: allein da die Baronesse nicht die mindeste Miene machte, als wenn sie nach ihm verlangte, nicht eine gelegenheit suchte, ihn zu sprechen, so gab sie ihre Vermutung bald wieder auf. Im grund war auch wirklich die Betrübnis darüber nur sehr kurz bei Ulriken: der Zufall führte ihr bald ein Rettungsmittel in die Hand: sie setzte ihre Liebe in der Einbildung so glücklich und zufrieden fort, dass sie gar nicht die Schwierigkeit, ihren wahrhaften Geliebten zu sehen, hinwegzuräumen suchte. Wenn sie noch so still und mutlos schien, fühlte sie in sich Freuden, die ihr die Wirklichkeit nie hätte geben können. Heinrich durfte seit jenem Verbote keine Lehrstunden mehr gemeinschaftlich mit ihr haben: Schwinger liess ihn sowenig von seiner Seite als fräulein Hedwig die Baronesse, ging gar nicht mehr mit ihm in den Garten, sondern jedesmal auf das Feld spazieren: kurz, die beiden jungen Verliebten wohnten unter einem dach, und waren so gut als durch Meere und Länder getrennt. Dabei gebrauchte Schwinger den Kunstgriff, dass er seinen Zögling doppelt mehr als vorher beschäftigte, zerstreute und seine Tätigkeit in ein so unaufhörliches Spiel setzte, dass die Ehrbegierde die Liebe darniederhielt und auch sehr bald der Vorsatz, die Baronesse der Gräfin zum Trotze zu lieben, mit seinem Grolle über die erlittene Beleidigung verschwand, besonders da es in den ersten Tagen darauf ganz unmöglich war, mit ihr eine Minute allein zu sein. Jedes von ihnen beiden verfolgte ein Phantom der Einbildung – er die Ehre, die Baronesse ihren Daphnis; und darüber vergassen sie beide die Wirklichkeit.
Viertes Kapitel
Während dieser Zeit hatte ein boshafter Nachbar in einem Zanke dem alten Herrmann den Vorwurf gemacht, dass er ein Hahnrei sei und einen Knaben für den seinigen erkenne, der doch einem viel vornehmern Mann angehöre. Das hiess die empfindlichste Seite seiner Ehre berühren: er brach sogleich den zankenden Ton ab und fragte den Mann sehr ernstaft, woher er das wisse. – "Weil ich's weiss!" erwiderte der andre. "Warum fütterte und erzog denn der Graf deinen Jungen? – He? umsonst und für nichts tut man so etwas nicht. Frage nur deine Frau! die wird's besser wissen." – Durch diese und ähnliche Gründe machte er den Alten so argwöhnisch, dass er sich vornahm, Licht in der Sache zu suchen. Die Szene des Zanks war bei dem Gartenzaune und der Streit, wie leicht zu erraten, durch die Weiber angefangen worden: Herrmann war seinem Nillchen zu hülfe geeilt, der Nachbar hielt sich für verbunden, der seinigen gleiche Liebe zu beweisen, die Weiber traten ab und zankten, eine jede für sich in ihrer eignen Küche, währenddessen ihre beiden Klopffechter den Kampf vollends öffentlich ausführten. Weil der Nachbar sich als den Schwächern fühlte, so geriet er auf die List, durch jenen Argwohn die feindliche Partei mit sich selbst zu entzweien. Sie gelang ihm auch so wohl, dass sein Gegner sogleich von dem Kampfe und Wahlplatze abging, um über den erregten Argwohn ein peinliches Verhör mit seinem Nillchen anzustellen.
Die Gemahlin wollte ihn nach seiner Rückkehr von dem Schlachtfelde für den geleisteten Beistand und erfochtnen Sieg mit ihrem Beifall krönen und stand deswegen in der Hoftüre, bereit zu seinem Empfange: schon brach sie in Lobeserhebungen über seine Heldentat und in Schmähungen wider die Feinde aus, allein wie sonderbar! – ihr Verfechter ging mit weggekehrtem Blicke und drohender Miene vor ihr vorbei, ohne die Belohnung seiner Tapferkeit von ihr annehmen zu wollen. Sie ging – wie allemal bei solchen unvermuteten Erscheinungen – in die Küche, nahm ein Stück Essen auf die Hand und sann, indem sie es verzehrte, bei sich nach, was ihr Mann wohl haben möge.
Sie wollte sich eben ein zweites Stück aus dem Schranke holen, weil sie bei dem ersten in ihrer Untersuchung nicht sonderlich weit gekommen war, als ihr der laute Befehl ihres Mannes gebot, vor ihm zu erscheinen. Weil es gegen Abend war, ihr wo Simson allemal seine Stärke verlor, ging sie unerschrocken in die stube und freute sich schon im voraus auf eine neue Demütigung, die er sich selbst antun würde. Sobald sie in die stube getreten war, schloss er hinter ihr zu: in der Mitte stand ein kleiner runder Tisch und auf demselben lag eine Pistole: es waren einander gegenüber zwei Stühle gesetzt, und ohne ein Wort zu sagen, klopfte er mit der flachen Hand auf den einen, um sie zum Niedersetzen zu nötigen. Da sie dergleichen wunderliche Schnurren von ihm gewohnt war, so nahm sie, der Pistole ungeachtet, Platz, gleichfalls ohne zu reden. Er setzte sich ihr gegenüber auf den andern dastehenden Stuhl, ergriff die Pistole, spannte den Hahn und setzte sie vor sich, die Öffnung des Laufes nach ihr gekehrt: aus natürlicher Furcht vor Schiessgewehr rückte sie mit ihrem stuhl seitwärts, um aus dem Schusse zu kommen – er rückte mit der Pistole nach: sie rückte auf den alten Fleck – er folgte ihr mit der Pistole nach: um ganz sicher zu sein, rückte sie dicht an ihn – er lief mit seinem stuhl um den Tisch herum, dass sich der Lauf wieder nach ihr hinrichtete, berührte bei dem schnellen Umdrehen den Hahn – pump! ging die Pistole los. Das arme Nillchen tat einen lauten Schrei, glaubte sich getroffen und sank vom stuhl