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überall nach, und während dass die Gouvernante sich in Gedanken von ihrem dicken Amyntas unterhielt und mit den Augen auf seine gelblederne Chaussure Jagd machte, ergötzte sich die Baronesse mit ihrem phantastischen Schäferspiele.

In der Einsiedelei, bildete sie sich ein, wohnte ihre Mutter, eine grausame Frau, die ihr Umgang, Gespräch und Liebe mit ihrem Daphnis untersagte. Phillisdiesen Namen hatte sie sich selbst gegebenbat sie mit allen Wendungen ihrer kleinen Beredsamkeit, ihr nur einen viertelstündigen Besuch bei Daphnis zu verstatten: die Mutter war unerbittlich. In der Begeisterung dieses Gedankenspiels murmelte sie oft, wenn fräulein Hedwig neben ihr auf der Bank sass, einige halblaute Worte, es entwischten ihr Seufzer, und Tränen rannen aus ihren Augen: ihre Einbildungskraft riss sie so stark hin, dass sie zuweilen mit lebhafter Bewegung auf ihre Gouvernante hinzusprang und ihre Knie umfassen wollte: plötzlich weckte sie ein hastiges "Was wollen Sie?" aus ihrem Traume, sie wich beschämt zurück und antwortete leise und voller Verwirrung: "Nichts!", oder sie beschönigte ihre Selbstvergessenheit mit dem Vorwande, als wenn sie ein Steinchen neben ihr aufheben oder ein Blümchen hätte pflücken wollen. Zuweilen liess ihre Gouvernante sie in der Einsiedelei zurück, mit dem Befehle, ja nicht von der Stelle zu gehen, und streifte indessen den Garten allein durch, um den Stallmeister hinter einer Hecke oder in ein Boskett mit einem krächzenden Husten zu rufen: unterdessen dachte Phillis auf die Flucht. Ihre Mutter war nach ihrer Vorstellung auf das Feld gegangen, um die Ziegen heimzuholen, und sie nützte diese Abwesenheit, um ihren Daphnis zu sehen. Sie stritt lange mit sich selbst, fürchtete ihren Zorn, wenn sie ihre Zusammenkunft entdeckte, wankte, schaute ängstlich um sich und floh in einem Rennen nach dem Schneckenberge hin. – Ach! welch ein Schmerz! Daphnis war nicht da! Er hütete noch die Schafe auf dem grossen Boulingrin, weit, weit von seiner wohnung: sie konnte unmöglich seine Rückkunft erwarten, aus Furcht, dass ihre Mutter vor ihr wieder nach haus kommen möchte. Um indessen ihm ein Zeichen zu hinterlassen, dass sie ihn gesucht hätte, hing sie an die grosse Vase auf dem Schneckenberge einen Kranz aus Buchenlaube, aus Gras oder andern grünen Materialien gewunden, eilte nach der Einsiedelei zurück und sass meistenteils, wenn ihre Gouvernante von ihrer verliebten Expedition sich wieder einfand, so still und ordentlich da, als wenn sie nicht von der Stelle gekommen wäre. Wenn sie mit ihr durch die Kastanienallee wandelte, sammelte sie Kastanien, warf sie über die niedrigen Gesträuche der spanischen Weiden, in der Absicht, ihren Schäfer zu necken; und wenn ihr fräulein Hedwig dies als einen unanständigen Mutwillen verbot, so kränkte sie sich insgeheim, dass ihr ihre strenge Mutter auch sogar jeden unschuldigen Scherz verwehrte.

Auf dem Zimmer hatte sie so gut ihr Arkadien wie im Garten: im Kabinette wohnte ihr Schäfer, der Sofa war die wohnung der Mutter, und jedes graue oder weisse Feld in dem parkettierten Fussboden eine besondre Trift, wo Daphnis, Alexis, Damon und andre Herren aus der gessnerischen Schäferwelt ihre Herden weiden liessen. Das Schreien der übelgeschmierten Kabinettür, wenn sie geöffnet wurde, waren ihr die lieblichen Melodien der Schalmeien und Pfeifen, die auf den Fluren des Fussbodens widerhallten: und diese Tür liess sie eines Nachmittags ihre Schalmeientöne so oft machen, dass ihre Gouvernante Zahnweh bekam und sogleich der Kammerjungfer Befehl erteilte, die verwünschte Tür mit Baumöle zu salben. Nun war Hain und Flur stumm: die Flöten ertönten nicht mehr über das bunte Parkett hin: es war Winter, und die Schäfer trieben ihre Schafe nach haus. Zum Glücke bekam auch der Sofa eine Neigung, musikalisch zu werden; und sogleich kehrte der Sommer zurück. Alle Triften waren wieder voll von wollichten Herden, die Baronesse setzte sich auf den Sofa und brachte durch öfteres hin und her rücken, wie ein lebhafter Orgelspieler, wenn er das Pedal mit Füssen tritt, so vielfache Schalmeientöne hervor, dass fräulein Hedwig unsinnig hätte werden mögen. Der Tischler schlug einen Keil in die gewichne Fuge, aus welcher die Musik ertönte; und abermals vertrieb ein rauher Winter Freude und Gesänge von den öden Fluren.

Bei so beständiger innerer Beschäftigung verbreitete sich notwendig über das Gesicht der Baronesse eine Art von Tiefsinn, eine Zurückgezogenheit in sich selbst: ihre Lebhaftigkeit verschwand, sie sprach selten und allemal nur abgebrochen, hörte auf keine Anrede, beantwortete keine Frage, wenn sie nicht etlichemal wiederholt wurde, verstand sie meistenteils falsch, murmelte sehr oft vor sich hin, brach zuweilen in eine Rede aus, die in ihr inneres Gedankengespräch gehörte und mit der äussern Unterhaltung in keinem Zusammenhange stunde: Niemand wusste, was man von ihr denken sollte. Sie war gesund, ass, trank und schlief wie gewöhnlich: Graf und Gräfin vermuteten eine versteckte Krankheit und liessen den Arzt holen. Sie wurde in ihrer beiderseitigen Gegenwart von dem Äskulap des Städtchens verhört, der Puls untersucht: da war keine Krankheit zu finden! auch nicht eine Spur davon! Der Arzt wollte doch nicht umsonst gekommen sein und versicherte, dass sie Würmer habe: die ruchlosen Tiere, die ihr allen Mut weggefressen hatten, wurden so heftig mit Purganzen bestürmt, dass sie Gefahr lief, wirklich krank zu werden. Ihre Munterkeit kehrte nicht wieder, und fräulein Hedwig behauptete endlich, da kein anderer Grund gültig befunden wurde, dass sie stark wachse, welcher Meinung man einmütig beistimmte, und nach einer so wahrscheinlichen Entdeckung beruhigte man