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Schwinger. Wohl, so gehe! – Aber ich schwöre dir, ohne mich sollst du nicht! Ich habe dich so weit gebracht, dass ich mich deiner freuen kann; und nun sollt ich dich allein, hülflos, halb gebildet in die Welt, in Mangel, Elend, Gefahr und Verführung hineinrennen lassen, ohne dir beizustehn? -Nein, ich bin dein Begleiter: ich will mit dir betteln, arbeiten, hungern, schmachten und sterben. Aber ehe du deinen Entschluss ausführst, nur einen Augenblick Überlegung! Bedenke, dass du dich und mich, deinen einzigen Freund, der Schande aussetzest, als wären wir wie Schelme durchgegangen, dass du mich, den du so kindlich liebst, ins Unglück mit dir hineinziehst, dass du mich zwingst, meine Liebe gegen dich als eine Torheit anzusehn, als eine Schwachheit, die mich elend macht! – Kannst du es ertragen, dass dich jedermann für einen undankbaren, einen jachzornigen, unbesonnenen Buben, einen entlaufnen, liederlichen Menschen schilt, dessen Namen man mit Verachtung und Abscheu nennt? Kannst du es ertragen, dass du deinen Lehrer auf immer unglücklich machtest, weil er dich zu sehr liebte? – Jetzt beweise, ob ich recht hatte, dass ich dich für einen edeldenkenden Jüngling hielt, den Ehre und gutes Herz regieren, oder ob du ein schlechter und niederträchtiger Mensch ohne Ehre und Gewissen bist! – Willst du nun, so gehe! Ich folge dir. –

Heinrich fasste seine Hand und sprach mit nassen Augen: "Ich bleibe: aber ich kann unmöglich die Gräfin wieder ansehn."

Schwinger. Das sollst du nicht, bis dass du wieder gesund bist. Du liegst jetzt gefährlich krank am Zorne; und von Kranken kann man nicht verlangen, dass sie billig sein sollen. Komm! wir wollen einen Spaziergang zu unserm Freunde, dem Pastor Schweder, tun: Bewegung, Zerstreuung, Gesellschaft wird dich gewiss kurieren.

Heinrich. So eine entsetzliche Beleidigung! – Wenn ich gleich kein Graf bin, muss ich denn darum ein schlechter Kerl sein, der mit einer Baronesse nicht einmal umgehen darf?

Schwinger. Lieber Sohn, wenn man so tödlich krank ist wie du, da kann man nicht richtig urteilen: sobald du wieder völlig gesund bist, dann wollen wir von deiner Beleidigung zusammen sprechen. Itz denke nicht an so eine verdriessliche Sache, damit du desto geschwinder genesen kannst.

Mit diesen Worten ergriff er seine Hand und ging mit ihm, Arm in Arm, zu ihrem Freunde, der auf einem nahe gelegnen dorf wohnte. Unterwegs beschäftigte er ihn unaufhörlich mit Erzählungen, die er freilich nur mit halber Aufmerksamkeit hörte: gekränkte Ehre und vielleicht, auch ohne sein Bewusstsein, gekränkte Liebe nagte zu sehr in ihm: und seine innerlichen, vielfachen, sich kreuzenden Empfindungen und Gedanken nahmen allmählich so eine Wendung, dass er sich vorsetzte, die Baronesse, der Gräfin zum Trotze, zu sprechen und zu lieben. Seine bisherige Neigung zu ihr, die gleichsam eingehüllt in einem Winkel des Herzens gelegen hatte, wagte sich auch in diesem Augenblicke so weit hervor, dass sich seine Gedanken einen grossen teil des weges über mit einer zärtlichen Betrübnis von der Baronesse unterhielten. Er sann auf Mittel, sie öfter heimlich zu sehen, und es schien ihm zu seinem Vergnügen und seiner Rache so schlechterdings notwendig, sie öfter zu sehen, dass er jetzt schon Unruhe empfand, weil er durch den Spaziergang abgehalten wurde, seinen Trotz in der Minute zu befriedigen. Schwinger glaubte ihn durch seine Erzählungen beruhigt zu haben: weit gefehlt! die Aussicht auf seine ausgedachte Rache war es, die ihn vor der Ankunft bei ihrem Freunde schon ganz wieder aufheiterte. Der gute Mann wusste nicht, wie richtig er prophezeit hatte, dass harter Widerstand aus kindischer Freundschaft wahre Liebe machen werde.

Auf die Baronesse, weil sie schon wirkliche Liebe in sich fühlte, und zwar mit Bewusstsein fühlte, tat das Verbot eine andre wirkung: es machte sie traurig, niedergeschlagen. Sie bekam Kopfweh, dass sie nicht zur Tafel gehen konnte: sie holte sich ein Buch aus der Bibliotek der Gräfin, und der Zufall musste ihr gerade Gessners 'Daphnis' in die hände spielen. Sie las die Szenen verliebter Traurigkeit mit einem Interesse durch, das ihr bisher fremd gewesen war. Da ihre Empfindung nicht mehr in Blicke, Küsse und Händedrücke ausbrechen durfte, so trat sie zurück und warf sich auf die Einbildungskraft: jede Nische im Garten war ihr seit diesem Augenblicke eine Jasminlaube, wenn sie auch gleich nur aus grünen Latten bestand, jedes Rosenparterre eine grasreiche Ebene, voll Tymian und Quendel, wo wollichte Schafe herumirrten und junge mutwillige Lämmer hüpften: hinter jeder Hecke lauschte eine Phillis, um den lieblichen Liedern ihres Schäfers zuzuhorchen: auf den Kastanienbäumen und Linden in den Alleen sassen Dryaden, Waldgötter, Amors haufenweise: jeder Sperling und jede Meise, die mit zwitscherndem Geschrei sich um die dunkelroten Herzkirschen zankten, war eine Nachtigall, die mit melancholischen Akzenten um ihren Gatten trauerte. Kein Frosch sprang bei ihrer Annäherung in das Bassin des Springbrunnens, ohne dass er in eine Nymphe umgeschaffen wurde, die schamhaft ihre entblössten Hüften im wasser verbarg. Der ganze Garten wurde ihr ein Arkadien: in der Einsiedelei des Tannenwäldchens wohnte ihre Mutter, ihr Schäfer auf dem Schneckenberge, der sich jenseits auf der Wiese emporwand, und sie spielte vor sich in Gedanken den ganzen eingebildeten Roman durch. fräulein Hedwig durfte sie keinen Augenblick verlassen: sie folgte ihr