Wort, "dass ich Sie unterbreche! Ich bin noch im Negligé, wie Sie sehen: ich muss nunmehr an meine Toilette. –"
Sie machte eine tiefe Verbeugung und wanderte die Treppe hinunter, voller Freuden, dass sie der Entdekkung ihrer Liebesangelegenheiten auf allen Seiten vorgebaut hatte. Vermutlich um ihr Gewissen wegen des Versprechens zu beruhigen, das sie gestern abend in der Übereilung der Baronesse tat, und auf eine andere Art den Folgen vorzubeugen, die aus der angelobten Unachtsamkeit auf die Tändeleien ihrer Untergebnen entstehen könnten, ging sie, nachdem sie angezogen war, sogleich zur Gräfin und bat sie noch einmal um ein geschärftes Verbot an die beiden Kinder, mit dem Zusatze, dass sie nicht verraten werden möchte, weil die Baronesse einen Groll auf sie werfen würde, welcher alle gute Wirkungen ihrer Erziehung hinderte – und was dergleichen Beschönigungen und Gründe mehr waren!
Die Gräfin versprach Verschwiegenheit. Es wurde ihr nunmehr selbst bange, dass ihr Gemahl, wenn er hinter das Verständnis käme, allen seinen Zorn über sie ausschütten und ihr allein die Schuld beimessen würde, da sie die Veranlassung gewesen war, den jungen Herrmann ins Haus zu nehmen. Die Furcht malte ihr die Sache viel schrecklicher vor, als sie war, und liess sie alle mögliche Folgen, die ein Liebesverständnis begleiten können, schon als völlig gewiss besorgen. Alle Vertraulichkeiten und Freiheiten der Liebe, heimliche Flucht, Entehrung der Familie, allgemeine Nachrede, Verachtung bei allen von ihrem stand – aus diesen und ähnlichen Zügen setzte sich ihre Besorgnis ein fürchterliches Bild zusammen, bei dessen Vorstellung sie erschrak, dass sie zitterte. Eilfertig liess sie Schwingern zu sich rufen und schärfte ihm neue Wachsamkeit ein: er mochte ihr sagen, soviel er wollte, dass die Liebe bisher noch unschuldig sei und dass man sie zuversichtlich durch ein neues Verbot strafbar machen werde: da half nichts! Die Gräfin gab ihm alles das zu und sagte nichts, als dass sie einmal über das andere wiederholte: – "Werde daraus, was auch wolle! wenn's nur der Graf nicht erfährt!" – Sie war in zu heftiger Wallung, um sie nicht durch fortgesetzten Widerspruch zum Unwillen wider sich zu reizen: Schwinger schwieg also, gelobte verdoppelte Wachsamkeit an und ging ab.
Die Gräfin war wirklich in der äussersten Unruhe. Den Knaben nach einer zweijährigen bessern Erziehung den Eltern zurückzugeben schien ihr schimpflich und unbillig; ihn auf eine Schule zu tun zu kostbar: und gleichwohl stand der Zorn des Grafen wie ein Ungeheuer, das ihr mit der Dorngeissel droht, vor den Augen. Sie wusste keinen bessern Ausweg, als dass sie die beiden Verliebten zu sich kommen liess und durch Furcht in die nötigen Schranken zurückscheuchte. Der junge Herrmann musste zuerst erscheinen: aller vertraulicher Umgang mit der Baronesse wurde ihm schlechterdings untersagt, und in dem Eifer des Verbotes brach ihr Stolz so sehr durch den Schleier der Politesse, dass sie ihm seine niedrige Geburt als eine Ursache vorrückte, warum ihm ein solcher Umgang nicht erlaubt sei; auf den Übertretungsfall, der schon in einem Berühren der hände bestehen sollte, setzte sie die Verbannung aus dem schloss und Städtchen zur Strafe. Das nämliche Verfahren wurde auch unmittelbar darauf gegen die Baronesse beobachtet und ihr die Zurücksendung zu ihrer Mutter – einer Witwe, der die Verschwendung ihres Mannes nicht das mindste übriggelassen hatte, einer Frau ohne Erziehung und voller Strenge – zur Strafe angekündigt.
Heinrich, ob er gleich der Gräfin nicht einen laut antwortete, kam in einer Glut auf das Zimmer seines Lehrers: sein Ehrgeiz war durch den Vorwurf einer Geburt und das Verbot so beleidigt, dass ihn Schwinger lange Zeit nicht besänftigen konnte. Er wollte mit aller Gewalt von dem schloss und aus der Gegend weg: sein Lehrer mochte ihm noch so dringend die Undankbarkeit vorstellen, die er durch einen so ungestümen Abschied aus dem haus seiner Wohltäterin beging – noch so fürchterlich die Gefahren vormalen, denen ein Bursche von seinem Alter in der weiten Welt ausgesetzt sei, wo man Geld haben oder verdienen müsste, um fortzukommen: er blieb unbeweglich in seinem Vorsatze. Schwinger, der ihn wie seinen Sohn liebte und seine rasche Gemütsart kannte, besorgte in der Tat eine Entlaufung. Er ging brausend und schnaubend in den Garten: Schwinger, in einer kleinen Ferne, folgte ihm nach, doch ohne dass es schien, ihn beobachten zu wollen. Er eilte gerade nach der Gartenmauer, erblickte eine Leiter, setzte sie an: Schwinger lauerte verborgen hinter der Hecke. Heinrich sah sich noch einmal um und – husch! war er die Leiter hinauf. Schwinger stürzte sich aus seinem Hinterhalte hervor und ertappte ihn bei dem Rocke, als er eben den Fuss aufhub, um von der Mauer hinabzuspringen: er zog ihn nach sich her und trug ihn in den Armen die Leiter herab.
"Lieber Sohn", sprach er, als er herunter war, und hielt ihn noch immer in den Armen fest, "ich bitte dich um Gottes willen, begehe keine Unbesonnenheit! Ich muss dir folgen, wenn du gehst. Ich liebe dich zu sehr, um dich auf immer unglücklich werden zu lassen. Willst du mir zuliebe nicht eine kleine Beleidigung ertragen? – Verschmerze sie und mässige dich!"
Dabei drückte er ihn so fest an sich, dass der junge Mensch laut schrie. Er liess ihn los. Heinrich stunde vor ihm und sah in den Sand. Mit halber Rührung und halbem Zorne stampfte er auf die Erde und sprach: "Ich kann unmöglich bleiben