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zu fühlen und zu bezeigen. Eine solche Zuneigung ist meistens nichts als ein hoher Grad kindischer Freundschaft: untersagt man ihnen diese, so nötigt man sie selbst, an der Liebe eine andre Seite aufzusuchen, die die natur die meisten Kinder nur spät kennen lehrt. Die innere Empfindlichkeit kann man durch kein Verbot unterdrücken: sie verschliesst sich wie ein unterirdisches Feuer und steckt entweder die Einbildungskraft oder den Körper in Brand. Vergeben Sie mir, dass ich Ihnen bei der gelegenheit einen Vorwurf machen muss! Wenn die Baronesse weiter gehtIhren Ausdruck zu gebrauchen –, so sind Sie schuld daran.

fräulein Hedwig. Was sagen Sie? – Sie werden doch nicht denken, dass sie mein Beispiel verdirbt?

Schwinger. Nein, das nicht, aber Ihr Verbot! Was haben Sie dadurch gewonnen? Dass sie Schlupfwinkel sucht! dass sie eine kindische Neigung, die sie vor Ihnen nicht blicken lassen darf und doch nicht unterdrücken kann, nur dann äussert, wenn's am gefährlichsten ist, das heisst, wenn sie beide allein sind! Durch die Zurückhaltung in Ihrer Gegenwart wird sie, wie verschlossne Luft, stärker und ihre Ausbrüche desto gewaltsamer, wenn ihr äusserer Widerstand weggeschafft ist. Hätte man sie nicht gehindert, so wäre sie vielleicht in einem halben Jahre abgenutzt worden, dass ich so sagen mag: sie hätten nie die Heimlichkeiten, die Einsamkeit gesucht, und wir hätten sie mit geringer, unmerklicher Wachsamkeit dafür bewahren können: doch jetzt brauchten wir Argusaugen, und noch wär's misslich.

fräulein Hedwig. Wir müssen uns nur nicht wie Argus durch die Flöte des Ambassadeurs Mercurii einschläfern lassen, so wird sich's wohl geben.

Schwinger. Nein, es gibt sich nicht so leicht! Man hat sie einmal auf den Weg hin gestossen: fünf Minuten Einsamkeit! – und wer kann diese in einem haus, wie das unsrige, ganz vermeiden? – ein Tête-à-tête von fünf Minuten kann sie auf diesem Wege zu Entdeckungen führen, vor denen ich zittre.

fräulein Hedwig. Sie müssen nur Ihren Heinrich gewöhnen, dass er nicht alle unanständige Sachen so deutlich heraussagt, wie ich mit der Baronesse tue: aber sie will sich auch nicht daran gewöhnen. Es ist mir recht ärgerlich, wenn sie alles wie die Grasemägde deutsch nennt und nicht lieber eine anständige französische oder lateinische Expression gebraucht.

Schwinger. Was hülfe denn das? Bleibt der Sinn nicht derselbe?

fräulein Hedwig. Behüte! man muss angenehme Umschreibungen machen und viele Sachen gar nicht nennen. Die Worte führen weiter, als man glaubt.

Schwinger. Sehr richtig! aber nur dann am weitesten, wenn man die Zahl der unanständigen Dinge und Worte zu sehr vergrössert! Sie meinen doch vermutlich solche Unanständigkeiten, die wegen ihrer Verbindung mit der körperlichen Liebe Kindern gefährlich werden können? – Eben diese Verbindung muss man verringern: je mehr Sachen, die ihrer natur nach nur in einer entfernten Beziehung mit ihr stehen, man für unanständig erklärt, je mehr Dinge gewöhnt man sie in einer solchen Beziehung zu denken; und auf das Denken kommt es an, nicht aufs nennen. Die Delikatesse muss in diesem Punkte in die engsten, natürlichsten Schranken zurückgeführt werden. Warum sollte man in Gegenwart eines Knaben einen Busen nicht einen Busen nennen?

fräulein Hedwig. Schämen Sie sich doch! Vor einem Frauenzimmer so etwas zu nennen!

Schwinger. So wenig als ein Frauenzimmer sich schämt, einen zu haben! Mein Untergebner muss einen Busen mit ebensolcher Gleichgültigkeit nennen als einen Finger oder ein Gesicht: ich will alles Spiel seiner Einbildungskraft dabei hindern, einen Busen so wenig in Verbindung mit der Liebe zu setzen als einen Finger. Einen schönen Busen soll er schön finden wie ein schönes Gesicht, eine schöne Hand: so wenig ich verhüten kann, dass ein schönes Gesicht gewisse Empfindungen bei ihm veranlasst, so wenig kann ich's auch bei dem Anblicke eines schönen Busens tun: aber das hab ich doch gewonnen, dass sie ein schöner Busen nicht mehr veranlasst als eine schöne Hand.

fräulein Hedwig. Nun weiss ich doch, warum er so gern nach den Autels de l'amour schielt!

Schwinger. Das ist einer von Ihren delikaten Ausdrücken, die unendlich mehr Schaden tun als die bestimmteste Benennung. Sie lehren ja durch solche Umschreibungen Ihrer Baronesse selbst Beziehungen, die sie so spät als möglich denken sollte. Mein Heinrich schielt nach keinen Altären der Liebe, sondern er sieht mit dem nämlichen Vergnügen einen Busen, womit er ein Gesicht ansieht, das ihm gefällt: an die Liebe denkt er gar nicht dabei; diese hat sich seiner Einbildungskraft noch nicht bemächtigt: er fühlt sie bloss, wie sie ihn die natur fühlen lässt.

fräulein Hedwig. Ja, das Fühlen! das ist eben das schlimme Ding.

Schwinger. Lange so schlimm nicht, als Sie sich einbilden! Man muss nur ein solches unvermeidliches und im grund auch nicht tadelhaftes Gefühl immer mehr in Freundschaft verwandeln und ihm beizeiten zwei Hüter entgegenstellenScham und Ehre.

fräulein Hedwig. Das tu ich fleissig: ich erinnere die Baronesse daran, dass er nur ein gemeiner Bursche ist.

Schwinger. Und geben ihr, um sie vor Fehlern zu bewahren, ein Laster! den unerträglichsten, armseligsten Stolz! – Nein, die Ehre, die ich meinem Untergebnen einpflanzen will, ist ein Grad von Rechtschaffenheit, ein beständiges Bestreben, nichts zu tun, was andern schaden oder missfallen kann – "Vergeben Sie", fiel ihm fräulein Hedwig ins