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Hedwig. Ich will ja: nur verraten Sie mich nicht! – "Nur verraten Sie mich nicht!" war noch ihre letzte Bitte, als sie ins Bette stieg. Als sie ihr Gespräch nunmehr bei ruhigem Blute überdachte, so merkte sie wohl, dass sie eine Narrheit begangen und in der ersten Angst zu übereilt angenommen hatte, die Baronesse wisse um alles: auch fühlte sie ein wenig, dass sie sich zu einer beständigen Verletzung ihrer Gouvernantenpflicht anheischig gemacht habe: doch über dergleichen Gewissensvorwürfe wischte sie bald weg und bereitete sich nun zu einer Unterredung mit Schwingern zu, um zu erfahren, ob er auch etwas von ihrer Liebesangelegenheit wisse; denn sie hatte ihn im Verdacht, als ob er wider seine Gewohnheit so spät um ihretwillen in den Garten gegangen sei.

Die Baronesse schlief eine gute Stunde weniger als sonst, weil sie verschiedene Spekulationen beschäftigten. – 'Wenn's bei dem Liebhaben bliebe!' – 'Es geht weiter.' – 'In ihrem Alter darf man das nicht wissen' – ewig kamen diese und ähnliche Reden ihrer Gouvernante in ihr Gedächtnis zurück: sie wollte sich davon losmachen, sie schloss die Augen, um einzuschlafen, sie wandte sich bald rechts, bald links: nichts half! in ihrem kopf schwammen immer die nämlichen Gedanken herum.

Den folgenden ganzen Morgen über lauerte fräulein Hedwig am Fenster auf Schwingern wie ein Kater auf eine Maus: er ging nicht vorbei. Ihre Unruhe liess sie nicht länger warten: sie musste eilen, Gewissheit über ihre Besorgnis zu haben und im Notfalle durch eine untergeschobne Lüge der Ausbreitung der Wahrheit zuvorkommen. Sie nahm also einen alten Autor in die Hand und ging unter dem Vorwande, ihn über den Sinn einer Stelle um Rat zu fragen, zu ihm auf das Zimmer. Ohne lange Umschweife lenkte sie sogleich die Unterredung auf ihr gestriges Zusammentreffen im Garten; und Schwingers Antworten auf ihre fragen über diesen Punkt machten es ihr unzweifelhaft, dass er weiter nicht daran gedacht hatte, noch haben würde, wenn sie ihn jetzt nicht darauf brächte. Schwinger war ein sehr ehrlicher Mann, besonders aller Verstellung unfähig; er ging seinen gang in diesem Leben vor sich hin, ohne sich sonderlich um die Handlungen andrer links und rechts neben ihm zu bekümmern, wenn sie nicht auf sein Wohl oder Weh unmittelbar wirkten oder seine besondre Pflicht ihn nötigte, acht auf sie zu haben: weil sie das gewiss wusste, so hielt sie die Mühe, mit welcher er sich an die Umstände jenes Zusammentreffens erinnerte, für aufrichtig. Indessen war es doch einmal soweit gekommen, dass ihm nun der ganze Vorgang wieder einfiel: er besann sich, dass sie die Baronesse bei dem Rocke erwischt und dabei gerufen hatte: 'Da hab ich dich, du dicker Amyntas!', und erkundigte sich nunmehr nach der Veranlassung dieses seltsamen Auftritts.

"Warum ich das tat?" antwortete sie und freute sich im Herzen, ihre ausgedachte Lüge an den Mann zu bringen. – "Das war ein Stratagematum. Sie wissen, dass die Baronesse beständig ihrem Heinrich nachläuft und ihm zuweilen sehr viele Marques d'amour gibt. Es ist meine Pflicht, über das Mädchen zu wachen, dass sie mit einem so gemeinen Jungen nicht zu weit geht: man weiss ja, wie leicht der Satan durch seine Fallacibus alt und jung betrügt –"

Schwinger. O für den Satan ist mir nicht leid, wenn nur nicht das böse Beispiel

fräulein Hedwig. Ja, das weiss man wohl, dass die Herren, die in Academiissprech ich nicht so recht?

Schwinger. Völlig recht!

fräulein Hedwig. – die in Academiis et Gymnasibus gewesen sind, keinen Teufel glauben: aber der Glaube kommt ihnen mannigmal in die hände.

Schwinger. Vor dem Teufel ist ihre Baronesse und mein Heinrich sicher: den Schaden, den er ihnen zufügt, nehm ich über mich. Wenn wir sie kein böses Beispiel sehen lassen noch geben

fräulein Hedwig. Sie denken doch nicht etwa, dass ich der Baronesse ein böses Beispiel gebe? – Sie könnten mich in einen hübschen Ruf bringen

Schwinger. Nein, das war mein Gedanke gar nicht. In Ihrem Alter, gnädiges fräulein, ist man darüber hinweg, ein böses Beispiel zu geben.

fräulein Hedwig. Das ist nun eben kein galantes Kompliment.

Schwinger. Weder etwas Galantes noch ein Kompliment will ich Ihnen sagen. Ich hoffe aber, Ihnen auch nichts Ungalantes noch Beleidigendes zu sagen, wenn ich Ihnen alle die Gesetzteit und Ruhe der Leidenschaften zutraue, die Ihr Alter und Ihre Aufsicht über eine junge Dame erfodert.

fräulein Hedwig. Immer das Alter! Immer das Alter! Mein Alter ist ja noch kein Jahrhundert.

Schwinger. Man wäre sehr unglücklich, wenn man so lange Zeit brauchte, um weise zu werden. – Aber wir kommen von Ihrer Erzählung ab. Sie haben also die Baronesse im Verdacht

fräulein Hedwig. Nicht im Verdacht! ich weiss es gewiss, dass sie den Jungen liebt.

Schwinger. Das sollte mir lieb sein.

fräulein Hedwig. Lieb sein? – Sie haben wohl nicht ausgeschlafen.

Schwinger. Ich spreche mit völligem Bewusstsein. Ich wollte noch obendrein wünschen, dass auch mein Heinrich sie liebte.

fräulein Hedwig. Bedenken Sie doch, was daraus entstehen könnte! Wenn sie nun in amori weiter gingen!

Schwinger. Das müssen wir verhüten. Vor allen Dingen muss man ihnen aus der Liebe kein Verbrechen machen, es ihnen nicht untersagen, Zuneigung zueinander