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Operation.

"Ach, Ulrikchen!" stöhnte von hinten zu aus der dämmernden Ecke, wo der Sofa stand, eine schwache erlöschende stimme zu ihr her. Sie drehte sich um, blickte hin, ergriff das Licht und beleuchtete ihre totblasse, mit der Ohnmacht ringende Gouvernante, zog ihr Riechfläschchen aus der tasche und schwenkte ihr einen grossen Strom ins Gesicht, dass das Kinn wie ein Drachenkopf an einer Dachrinne triefte: voll Lebhaftigkeit holte sie das Waschbecken, und ehe noch das fräulein die Hilfe verbitten konntepump! lag ihr der ganze Seifenstrom im gesicht: sie riss ein Bündel Federn aus dem Tintenfasse, zündete sie an und hielt ihr den brennenden Wisch unter die Nase, dass sie vor dem Höllendampfe hätte ersticken mögen. Hustend schlug sie den stinkenden Federbusch von sich weg und versicherte, dass sie nicht ohnmächtig sei. Die Baronesse tat alles mit so geschäftiger Liebe, so guterziger Besorgnis und stunde, nachdem ihre hülfe verbeten war, mit so unruhigem Erwarten da, in einer Hand das Licht, in der andern die verbrannten Federn, mit starrem Blicke auf fräulein Hedwigs gesicht geheftet!

"Ach, Ulrikchen!" sprach das fräulein mit bebender stimme; "verraten Sie mich nicht! Ich bitte Sie um Gottes willen, verraten Sie mich nicht!" –

Die Baronesse begriff nichts von dem Galimatias. – "Warum denn?" fragte sie verwundernd.

fräulein Hedwig. Ach, Sie wissen alles; ich bin in Ihrer Gewalt.

Die Baronesse. Was soll ich denn wissen?

fräulein Hedwig. Ach, verstellen Sie sich nicht! Sie wissen alles: Sie wissen, dass ich dem Stallmeister zu Gefallen gegangen bin

Die Baronesse. Ich weiss nicht ein Wort davon.

fräulein Hedwig. Verstellen Sie sich nur nicht! Sie wissen, dass wir einander liebhaben: – lieber Gott! man ist ja auch von Fleisch und Blut geschaffen wie andre Menschenwenn's denn nun gleich kein Edelmann ist. Aber wenn das der Herr Graf erführe! Ich müsste mit meinem dicken Narzissus den Augenblick aus dem haus. – Gerechter Gott! über das Unglück! die Ungnade! Ich müsste verhungern und verderben. – Ich will Ihnen herzlich gern in allem zu Gefallen sein, Ulrikchen: nur verraten Sie mich nicht! –

Die Baronesse versprach's und gab ihr ungefodert ihre Hand darauf. Indessen war sie doch durch die übermässige Angst der Gouvernante wegen einer Sache, die sie nach ihrem Begriffe für eine so unendliche Kleinigkeit hielt, nicht wenig neugierig geworden und erkundigte sich also, was sie mit dem dicken Narzissus hätte machen wollen.

fräulein Hedwig. Sie sind auch zu neugierig: das lässt sich ja so nicht sagen. In Ihrem Alter darf man darnach gar nicht fragen.

Die Baronesse. Warum denn nicht? – Ist es denn in meinem Alter etwas Böses, jemanden liebhaben?

fräulein Hedwig. Ja, wenn's bei dem Liebhaben bliebe! Aber wir sind böse von Jugend auf.

Die Baronesse. Was sollte denn weiter geschehn? – Wenn man nun auch jemanden, den man liebhat, in die Backen kneipt oder in die Waden zwickt oder kitzelt oder einen Kussein Gage d'amour, wie Sie's nennen

fräulein Hedwig. Ach, das hat alles nichts zu bedeuten: aber, aber! der Teufel schleicht umher wie ein brüllender Löwe. – Wenn's nur der Graf nicht erfährt!

Die Baronesse. Wenn das alles nichts zu bedeuten hat, warum fahren Sie mich denn immer so an, wenn ich Heinrichen zwicke oder küsse? – Auch sogar die Tante untersagte mir's neulich so scharf; und es hat doch nichts zu bedeuten, wie Sie selbst sagen.

fräulein Hedwig. Ja freilich hat das nichts zu bedeuten: aber liebes Kind! es geht weiter.

Die Baronesse. Ich wüsste nichtes fällt mir gar nicht ein, weiter zu gehen: was sollte man denn sonst tun?

fräulein Hedwig. Das schickt sich noch nicht für Sie zu wissen. Die Mannspersonen sind gar zu verführerisch. Wissen Sie nicht, dass sich Iupiter optimus maximum in einen Schwan verwandelt hat – 'in cygnus mutatus est' steht in einem lateinischen buchund bloss, um die arme unschuldige Helena zu verführen, die hernach zwei Knäblein und zwei Mägdlein auf einmal zur Welt gebracht hat. – Ja, sehen Sie, das ist eben der Spektakel! Wenn das nicht wäre! – Versprechen Sie mir ja, dass Sie niemanden etwas sagen wollen! Wenn Sie auch der Graf oder die Gräfin fragt, tun Sie nur, als wenn Sie gar nichts wüssten.

Die Baronesse. Herzlich gern! Aber Sie müssen es auch der Tante nicht wieder sagen, wenn Sie mich einmal mit Heinrichen schäkern sehen, und mich nicht immer von ihm jagen, wenn ich ihn etwa an der Hand führe! Es hat ja nichts zu bedeuten, wie Sie selbst sagen. Wenn Sie mir das versprechen

fräulein Hedwig. Ich versprech es Ihnen ja, wenn Sie nur Ihr Versprechen halten!

Die Baronesse. Und müssen mir auch nicht immer so nachgehn und mir auflauren, ob ich etwa mit ihm allein bines hat ja nichts zu bedeuten. dafür will ich Ihnen auch ein andermal, wenn wir einander wie heute antreffen, gleich sagen: 'Ich bin nicht der dicke Amyntas.' – Sie können mit ihm machen, was Sie wollen: ich will gar nicht hinsehn. Wollen Sie das?

fräulein