hatte ihr vierzigjähriges Herz durch den sogenannten Stallmeister des Grafen, einen Menschen ohne Geburt, tödlich verwunden lassen – so tödlich, dass Tag und Nacht das kurze untersetzte Männchen im grünen Reitkollette und in lichtgelben Beinkleidern auf dem kastanienbraunen Engländer in ihrem kopf herumritt. Sie gab ihm sehr oft auf ihrem Zimmer Zusammenkünfte, auch fand sie sich nicht selten bei nächtlicher Weile bei dem kleinen Boulingrin im Garten mit ihm ein. Bei Vermeidung der grössten Ungnade durfte sie eine solche Liebe nicht entdecken lassen, da sie eine Anverwandtin des Grafen war: gleichwohl wurde die Entdeckung unvermeidlich, sobald sie die Baronesse wider sich aufbrachte. Sie überlegte sich diesen gefährlichen Umstand beizeiten und bemühte sich von selbst, die Gräfin wieder auf andre Gesinnungen zu bringen: besonders da sie durch ihre unüberlegte Anzeige auch Herrn Schwinger beleidigt hatte, so fürchtete sie desto mehr und arbeitete deswegen aus allen Kräften, sich ihn verbindlich zu machen.
Noch nicht genug! Diese Wendung nahm die Sache, ohne dass eine von den Parteien sich gegen die andre in eine wörtliche Erklärung eingelassen hatte: die Baronesse dachte in aller Unschuld gar nicht weiter daran. An einem Sommerabende gerät Schwinger auf den Einfall, einen Spaziergang nach Tische in den Garten zu tun; und weil er noch einen Brief zuzusiegeln hatte, so gab er Heinrichen, der ungeduldig nach dem Abmarsche verlangte, die Erlaubnis voranzugehn. Er tat es: kaum hatte ihn die Baronesse aus dem Fenster gehen sehen – husch! war sie hinterdrein. Heinrich ging, den Kopf voll von römischen Kaisern, die mittelste Allee hinauf: eh er sich's versah, hatte er einen Kniff von hinten zu in den Backen, und ein freundliches "Guten Abend" benahm ihm sogleich die Furcht, die der Kniff zu erregen anfing. Kaum waren sie einige Schritte miteinander gegangen, so hörten sie hinter einer Hecke auf der linken Seite den Sand knistern: die Baronesse, der man so vielfältig und ernstlich alle Vertraulichkeit mit ihrem geliebten Heinrich untersagt hatte, besorgte, verraten zu werden, gab ihrem Begleiter noch einen leichtfertigen Kniff und wanderte durch eine Öffnung der Hecke in einen Seitengang. Als sie um die Ecke herumkömmt, steht ihre Gouvernante in Lebensgrösse da: sie hat trotz der Überraschung Besonnenheit genug, dass sie die Salope vor das Gesicht nimmt, als wenn sie sich vor der Abendluft verwahren wollte; und nun linksum nach einer andern Seite, als wenn sie niemanden gesehen hätte. Die Baronesse war für ihr Alter ziemlich gross und hatte nichts als einen gelben Unterrock an; die halbblinde schielende Hedwig sieht in der Dämmerung diesen gelben Jüpon für die lichtgelben Beinkleider ihres Adonis und die schwarze Salope für sein grünes Reitkollett an: um die Illusion zu erleichtern, hatte der schadenfrohe Zufall der Baronesse eingegeben, den Capuchon über den Kopf zu ziehen. fräulein Hedwig vermutete anfangs, dass er sie nicht wahrgenommen habe, und schickte ihm deswegen einen scharmanten "Adonis" nach dem andern nach: da keine Antwort erfolgte, so hielt sie sein Stillschweigen für eine verliebte Neckerei, und um ihrerseits gleichfalls nichts an dem Spasse fehlen zu lassen, ging sie den vermeinten gelben Beinkleidern wie einem helleuchtenden Sterne nach. Die Baronesse stand in dem Wahne, dass ihr ihre Gouvernante nachsetze, um sie auf der Tat zu ertappen und dann recht exemplarisch auszuschelten, und verdoppelte deswegen ihren Schritt. Wie das alte Meerkalb hinterdrein trabte! und keuchte, halb vor Erschöpfung, halb aus verliebter Inbrunst! Und einmal über das andre röchelte sie: "Du schalkhafter Adonis! – Du mutwilliger Narzissus! – Ich will dich wohl haschen, du loser Koridon! – Da hab ich dich, du dicker Amyntas!" rief sie an dem Gattertore und griff zu – pah! da stand sie! erstarrt vor Schrecken, als sie statt der gelbledernen 'chaussure', wie sie zu sagen pflegte, einen seidenen Unterrock in ihren Händen fühlte, als sie aus ihrer verliebten Täuschung erwachte und vor sich die Baronesse und die Sekunde darauf Herrn Schwinger erblickte, der eben zu dem Gattertore hereintrat. Das Bewusstsein ihrer verbotnen Absicht und die Besorgnis, sich verraten zu haben, raubten ihr so ganz alle Überlegung, dass sie nicht einmal eine Lüge fand, ihren Fehltritt zu bemänteln, sondern die Augen niederschlug und, zitternd an allen Gliedern, hinwegging. Die Baronesse begleitete sie.
Für Schwingern war der ganze Auftritt ein unauflösliches Rätsel, und die Baronesse machte auch nichts als schwankende Mutmassungen. Die Hauptsache erriet sie: ihre ähnliche Situation in Ansehung des kleinen Heinrichs führte ihr augenblicklich bei den Ausrufungen ihrer Gouvernante die Vermutung herbei, dass sie mit ihr auf einem Wege gehen müsste. Als sie hinter ihr die Treppe hinaufstieg – keins von beiden sprach eine Silbe –, fiel ihr ein, dass fräulein Hedwig sehr oft den Stallmeister des Grafen, wenn er vor ihnen vorbeigegangen war, einen dicken Amyntas genannt hatte: – nun war sie auf der Fährte!
Nach ihrer Ankunft in dem Zimmer fing die Baronesse an, aber ohne boshafte Absicht, ohne spotten zu wollen: "Sie dachten wohl, ich wäre der dicke Stallmeister?"
Die Frage versetzte sie in Todesschrecken: sie schwieg, die Knie sanken ihr, sie setzte sich auf den Sofa, die breiten Lippen zitterten, als wenn sie ein Krampf auf- und niederrisse. Die Baronesse besah indessen einen Finger ihrer rechten Hand am Lichte und saugte das Blut aus einer Wunde, die ihr unterwegs eine Stecknadel gemacht hatte. "Hab ich nicht recht?" fragte sie noch einmal während ihrer