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Einnahme. Geliebt von seinem Fürsten, geachtet vom Publikum, in einem Posten, wo er den Vorteil einiger tausend Menschen befördern und ihren Beschwerden abhelfen kann; in Umständen, dass er anständig leben, Verachtung mit wohltätiger Grossmut und Freundschaft mit Guttaten erwidern kann; in Geschäften, die hinlängliche Abwechslung haben, die Langeweile töten, die Leidenschaften nie zum Sturme emporschwellen lassen und den guten Mut eher beleben als unterdrücken; im Besitze einer so lange geliebten, so schwer errungenen Gattin; glücklich als Mensch, als Bürger, als Gatte, als Vaterwelches Los kann herrlicher sein?

Ulrikens Munterkeit ist ganz wieder zurückgekehrt und ihre kleine spielende Imagination ganz wieder erwacht: sie weiss sich als Gattin und als Mutter die Wirklichkeit mit tausend angenehmen Tändeleien und Einbildungen zu versüssen und die Welt um sie her mit einem Anstriche von Lebhaftigkeit zu erhöhen, dass Gegenstände, Handlungen und begebenheiten nicht so ein phantastisches, lachendes Kolorit für sie haben wie während ihres Traums auf dem land, sondern die Vernunft führt jetzt über ihre Einbildungen die Aufsicht: sie benehmen der Welt das Alltägliche, Frostige, Matte, ohne die sorge für die Angelegenheiten des Lebens zu hindern oder zu erschweren. Ihre Kinder als Schäfer und Schäferin zu putzen, ein Lamm von Holz und aufgeleimter Baumwolle mit ihnen zu weiden und in dem gedielten Fussboden sich eine arkadische Flur vorzustellen: Kühe, aus Mehl gebacken, und Schafe von Zuckerteig mit ihnen auf dem Tische zu hüten und Berge von Gras oder Moos darauf zu bauen, an welchen das Vieh hinaufklettern muss, ist nicht bloss Verlangen, die Kinder zu unterhalten, sondern wirkliches Vergnügen für sie: aber wenn ein Hausgeschäfte ruft, fliegt sie ohne Verzug aus ihrem geträumten Arkadien in die Küche, ordnet an und kehrt wieder in ihr Arkadien zurück. Auch mit ihrem mann fallen oft mutwillige Schäkereien vor, und eine von ihren verliebten Neckereien, einer von ihren naiven Einfällen scheucht mannigmal einen ganzen Schwarm finstrer Wolken von seiner Stirn. Sie wiederholen sich zuweilen Szenen ihres vorigen Lebens und spielen ihr verliebtes Drama oft mit so ganzem herz, dass etlichemal, wenn sie den Auftritt mit dem sklavonischen Grafen oder einen andern ebenso heftigen mit Vignali vorstellen, der Bediente herbeigelaufen ist, in der Meinung, dass seiner herrschaft plötzlich etwas zugestossen sei, weil sie um hülfe schreie. Die Liebe macht aus ihrem haus einen Himmel; die Liebe weckt sie aus dem Morgenschlummer und drückt ihnen die Augen zum nächtlichen Schlafe zu; die Liebe schwebt mit ausgebreiteten Fittichen über ihren Häuptern und strömt aus dem nie erschöpften Füllhorne den Lohn der Treue und Beständigkeit herab.

Fussnoten

1 Der Himmel weiss, was für eine Stelle das hochgelehrte fräulein Hedwig meint. So viel ist mir bekannt, dass sie zuweilen die Verwegenheit hatte, in den lateinischen Text der alten Autoren hineinzusehen, und weil sie nur hin und wieder ein Wort verstand, war ihre Übersetzungsart ganz drollicht. 'Comites Aeneae' waren ihr die 'jungen Grafen des Aeneas': wo sie 'duces' erblickte, da setzte sie 'Herzoge' hin, und jeden 'Caesar' machte sie zum 'Kaiser': auf diese Art gelang es ihr, die sämtlichen Stände des Heiligen Römischen Reichs in den Virgil hineinzubringen. Vielleicht hat sie durch eine ähnliche Auslegungskunst ihren Amor im Topfe herausgekünstelt. Vermutlich fand sie in einer ältern Ausgabe irgendeines Autors 'amor in ollam' statt 'illam'; denn das begegnete ihr sehr oft, dass sie einem Schriftsteller zuschrieb, was ein anderer tausend Jahre vor oder nach ihm gesagt hatte. 2 Zum Henker! fräulein Hedwig! woher haben sie einen Unsinn, der unserer zeiten würdig wäre? 3 Zur Erläuterung dieser Beratschlagung muss man denjenigen Leser, die mit dem Sprachgebrauche dieser Stadt nicht bekannt sind, berichten, dass dort jedermann von bürgerlichem stand, solange er keinen Titel und keine Frau hat, und jeder Ausländer ohne Charakter 'Monsieur' genannt wird. Es kann also jemand in so einem Falle zeitlebens durch ganz Deutschland 'Herr' gewesen sein, dort wird er zum 'Monsieur'. 4 Man weiss aus zuverlässigen Nachrichten, dass es eine Gesellschaft betrunkner Fuhrleute gewesen ist, die sich in ihrer wilden Fröhlichkeit einige freie Ausdrücke erlaubten und darum für Naturalisten von dem Herrn Magister gehalten wurden: als er seine Predigt mit so gewaltiger stimme begann, nahmen sie insgesamt die Mützen ab, falteten die hände, weil sie in ihrer Trunkenheit in der Kirche zu sein glaubten, und da die Predigt lange dauerte, schlief einer nach dem andern ein. 5 Wahrscheinlich sind dies die Bursche gewesen, die vor dem Brandenburger Tore auf abgelebten, steifen Rossen für einen höchst billigen Preis ihre prächtigen Kawalkaden zuweilen halten. 6 Œvres melées de Nr. I' Abbé de Bernis. S. 89. 7 Dies war vermutlich nur ein Versprechen, um sie zu beruhigen; denn er hat sie, auf blaues Papier geschrieben, mit zwei grossen Scherenschnitten, die er vielleicht in der ersten Hitze gemacht haben mag, dem Verfasser übersendet. 8 Um diese Rolle recht zu lesen, muss man jeden Akzent und jeden Buchstaben so hart aussprechen, wie er hier geschrieben ist. 9 Der Kaufmann musste Schwingern diese Unwahrheit sagen, weil ihm Herrmann, als er zu Vignali zog, überredet hatte, dass er Schreiber werde, wie oben erzählt worden ist. 10 Der Abenteurer war eine kurze Zeit in Lyon Schauspieler gewesen, ehe er sich in den Grafenstand erhob, und jedesmal, wenn er auftrat, richtig ausgepfiffen worden. 11 Herrmanns unentwickelter Gedanke ist