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, dessen Kur ihr einen offnen Schaden zuzog, dass sie lange Zeit das Bette nicht verlassen konnte: der Unerfahrne wollte den begangnen Fehler wieder gutmachen, heilte den Schaden zu und verursachte ihr Geschwulst und eine Krankheit, woran sie starb. Die Einwohner des Gutes, das ihrem verstorbnen Gemahle gehörte und durch den Konkurs verlorenging, betrachteten nach der gewöhnlichen denkart dieser Leute die Leiden ihrer ehmaligen Gebieterin als Strafen des himmels für die harte Begegnung, die sie oft von ihrem Zorne und ihrer Peitsche erlitten hatten. Da ihr eigenes Vermögen in dem Konkurse mit aufgegangen war, so vertat sie nach dem tod ihres Gemahls den unbeträchtlichen Rest, den sie mit Mühe noch gerettet hatte: von ihrem herabgekommenen Bruder, dem Grafen Ohlau, konnte sie keine Unterstützung erwarten und war also dem Mangel sehr nahe, und die Furcht vor seiner Nähe mochte sehr viel zu ihrem tod beitragen. Die Familie liebte sie nicht und vergass sie und ihre Armut so ganz, dass niemand ihren Tod erfuhr, und der Oberste Holzwerder musste sich erst besinnen, ob sie gelebt hatte, als ihm Ulrike die Nachricht von ihrem Absterben aus Schwingers Briefe mitteilte, den sie kurz nach ihrer Vermählung mit demjenigen erhielt, den man vorhin gelesen hat.

Siegfried bestrafte sich selbst durch übermässiges Trinken für seine ehmaligen Bosheiten und Schelmereien, nach des alten Herrmanns Berichte, und zog sich eine schmerzliche Krankheit zu, die seinem elenden Leben ein Ende machte: seine Frau kaufte sich von dem Reste des vertrunknen Vermögens in einem Hospitale ein, und keins von beiden genoss in Ruhe die Früchte der Betrügerei. Ihr Sohn, Jakob, hat schon längst seine verdiente Versorgung auf dem Baue gefunden und wird vermutlich sein unrühmliches Leben dort beschliessen.

Die listige heimtückische Vignali und nachmalige Dormerin wusste sich nach ihrer Vertreibung vom hof nicht anders zu helfen, als dass sie sich wieder zu einer Schauspielergesellschaft begab, wo sie in aufgewärmten Operetten singt und alle veränderliche Schicksale mit ihr teilt, die eine wandernde kleine deutsche truppe betreffen können. Sie fühlt die Demütigung des Geschicks so stark, dass sie kaum die Flügel zu einem höhern Schwunge zu erheben wagt: sie hat den dritten Mann genommen und ist dadurch an eine Lebensart gefesselt, wo sie nie grossen Fortgang machen wird, weil ihr die deutsche Sprache zu schwer fällt und ihre Intriguensucht ihr bei jeder truppe sogleich allgemeinen Hass erweckt.

Arnold gelangte nie wieder zu der Gunst des Fürsten, bekam ein Kassiererämtchen und lebte bei mässigem Einkommen mit Lisetten ruhig und vergnügt.

Der Doktor Nikasius soll, wie man sagt, vor einigen Monaten gestorben sein.

Herrmanns erste Mutter bekam auf ihren kläglichen Brief das Versprechen eines jährlichen Zuschusses von ihm, wenn sie ordentlich für sich leben und sich die übrigen Bedürfnisse durch weibliche arbeiten verdienen wollte. Sie wohnt in einem Städtchen, spinnt, singt und betet viel und lebt von der Unterstützung ihres Sohns, von ihren beiden Männern getrennt, in unvergleichlichem Wohlbefinden.

Der alte Herrmann kämpft zwar täglich mit körperlichen Schwachheiten und flucht auf das Alter, das ihm den Appetit genommen und geschwollne Füsse gegeben hat. Seine Prophezeiung, dass die Zufälle seiner werten Frau Gemahlin, die sie übereilterweise für Merkmale einer glücklichen Schwangerschaft hielt, nichts als Flüsse sein möchten, hat der Ausgang bestätigt. Sie leben beide auf dem Bauergütchen und erwarten in christlicher Geduld, dass ihnen der Himmel ein seliges Ende verleihen möge; und der kleine dicke Pommer als wohlbestallter Ackerknecht im zufriednen Genusse seiner genügsamen Philosophie mit ihnen.

Der Magister Wilibald, der Herrmanns kranke Einbildungskraft und überspannte Ruhmsucht so boshaft hinterging und auf dem Wege zur Bekehrung der Berliner zum Diebe an ihm wurde, machte an einigen Orten so viele Schulden wie in Dresden und ging, um sich vor seinen europäischen Gläubigern zu sichern, als Missionar nach Asien, wo er seine Bekehrungssucht an den armen Heiden so heftig ausliess, dass sie unwillig wurden, ihn griffen, mit dem Ohre an einen Baum nagelten und in dieser Stellung drei Tage fasten liessen: seine gefährten, die ihn diese drei Tage über vergebens gesucht hatten, befreiten ihn, als sie ihn fanden, und er liess sich in der Folge in Trankenbar nieder, entsagte dem Bekehrungsgeschäfte und legte sich auf den Handel, wobei er sich jetzt leidlich wohl befinden soll.

Held und Heldin der geschichte geniessen noch jetzt unverändert die Freuden einer treuen, lang ausgeharrten Liebe: ihre vierjährige Ehe ist mit einem Knaben und einem Mädchen gesegnet, denen die natur das Bild ihrer Eltern in jedem zug eingedrückt hat: in beiden lebt der ernste, feurige Geist des Vaters, durch die sanfte Aufgeräumteit der Mutter gemildert. Herrmann findet in dem gespräche seiner Gattin Erholung von dürren, oft verdriesslichen Geschäften und schäkert mit seinen Kindern am Abende die Zahlen aus dem kopf, die sich den Tag über darinne angehäuft haben; und keine glücklichere Gruppe kann noch auf der Welt gewesen sein, als wenn er auf dem Sofa sitzt, die kleine lächelnde Karoline auf dem rechten Knie wiegt, Ludwig, mit beiden Armen auf das linke Knie des Vaters gestützt, schäkernd zur Schwester hinaufsieht, und Ulrike danebensteht, den Arm um die Schulter des Mannes schlingt, bald ihm, bald Karolinen die Wangen kneipt, bald dem aufgeheiterten Vater, bald einem ihrer Lieblinge einen Kuss gibt. Mit der geschäftigsten Sorgfalt einer Hausfrau wacht sie über ihre kleine Wirtschaft: denn die vielen Wohltätigkeiten und Unterstützungen, wozu sich Herrmann anheischig gemacht hat, schmälern seine Besoldung so sehr, dass Sparsamkeit nötig ist, um damit auszukommen: aber die Wirtschaftlichkeit seiner Frau ist ihm soviel als verdoppelte