Vollkommenheit keine finden, die meine Wahl zu verdienen schien: so sei es! Unser Leben ist ein immerwährender Irrtum: der meinige hat mir viele Freuden geraubt, die Freuden des Gatten und des Vaters: so gebe sie dann der Himmel meinem Freunde in vollem Masse, und ich will durch die Teilnehmung an seinem Glücke die Wonne geniessen, die mich kein eigenes empfinden lässt.
Lebt wohl, Ihr zwei mir so lieben Herzen! seid glücklich, und wenn Ihr mir meine Verlassenheit versüssen wollt, so weiht zuweilen mitten im Genusse Eures Glücks einige Augenblicke dem Andenken Eures
aufrichtigen liebevollen Freundes
Schwinger.
Von Herrmanns gewesener Mutter.
Z**, den 19. Juli.
Hochehrwirticher Hochwolgeborner Her,
Ire hochwolgeporne Gnaden werten nich ungnedig nemen ich bin eine arme ferlasne Frau und habe weter Tach noch Fach Ihre hochwolgepornen Gnaten werden Ihr mildes Herz auftun salfa fenia ich muss auf der Strasse umkommen Es ist mir gar zu schlim geganen (gegangen) ich denke Ire hochwolgeborne Gnaden mein Man ist tot unt neme in kristlicher Gesinnung einen Antern. Das war ein rechter Schantkerl Ire hochwolgeporne Gnaten er war ein Leinwäber. Der Henker wirt im wohl das Lon geben dass er mich so betölpelt hat. Ich arme Frau weis weder aus noch ein. Da nam ich ten Galgen-Schwengel Ire hochwohlgeporne Gnaten weil er so ein guter Krist war unt so hübs bätte (betete) da nam ich In zum mann. Ich habe was rechts bei im ausgestanten, er hat mich geprigelt wien Melsack weil er alle Dage drank und palt bätte (betete) unt balt trank und hernach nich von sinnen wusste und ta prigelte er mich weil er gar nich zu sich kam. Ire hochwolgeporne Gnaten s war n rechter Höllenprand. Da ging ich von im weil ichs gar nich mer aushalten konte unt lebe nun in Kummer unt Jammer und weiss nicht wo ich mein haubt hinlegen sol. Ihre hochwolgeborne Gnaten werten sich irer armen Mutter erbarmen. Ich habe erfaren dass Si ein gar groser vornemer mann geworten sint unt sie werten toch ir miltes Herz auftun unt mich nicht verhungern und verkummern lasen. wen mich nur nich der böse Feind geplagt hätte unt dass ich nicht einen antern Man genomen hette ach s ist gar eine grosse Not mit mir weil ich nischt zu beisen noch zu brechen habe Ire hochwolgeporne Gnaten mögen sich meiner annemen. Wen Sie mir was schicken wolen ich bin mit gehorsamster submision Ire untertänichste Magd
Anna Maria Petronilla Schwenkfeldin.
Anhang
Vielleicht sind die meisten Leser begierig, die Schicksale der vornehmsten Personen, die ihre Aufmerksamkeit in dieser geschichte an sich gezogen haben, nach dem Ende der Hauptandlung zu erfahren: um ein solches Verlangen zu befriedigen, wird man ihnen hier nach der Reihe von einer jeden erzählen, was aus ihr bis zu diesem Augenblicke, wo die meisten noch leben, geworden ist.
Fürst und Fürstin söhnten sich nicht lange nach Herrmanns Verheiratung, vorzüglich durch seine Vermittelung, wieder aus: der Fürst tat den ersten Schritt dazu, und beide Teile bewiesen durch ihre nachfolgende Einigkeit, dass Fürsten sehr gut sind, wenn sie böse Leute nicht daran hindern. Seitdem die Dormerin ihre Entfernung vom hof durch die Übereilung ihrer leidenschaft bewirkt hatte, verschwanden Kabalen, Intriguen und Ränke, als wenn sie mit ihrer Urheberin entflohen wären: kleine, unbedeutende Feindseligkeiten ausgenommen, wurde der Hof ein Schauplatz der Ruhe und Ordnung, der Fürst vorsichtiger gegen Schmeichler und Ohrenbläser, aufmerksamer auf die Geschäfte und die Fürstin in ihrer Gunst weniger veränderlich und von allem Parteimachen abgeneigt. Ihre Ungnade gegen Herrmann und Ulriken verlor sich allmählich durch des Fürsten Fürspruch so sehr, dass sie sich zuletzt in Gunst verwandelte. Im ganzen land zeigten sich Spuren von allen diesen glücklichen Veränderungen: die Aufmerksamkeit des Regenten gab allen Geschäften Leben, Geschwindigkeit und Ordnung: gute Anstalten beförderten den Wohlstand der Einwohner, gaben ihnen Geist und Tätigkeit und entkräfteten durch die Vertreibung des Müssiggangs Laster und Mutwillen: jeder ehrliche Mann war in seinem Posten sicher, weil seine Sicherheit nicht von dem Steigen und Fallen einer Hofpartei, sondern von seinem Verdienste abhing, und kein Schelm entging lange Herrmanns Wachsamkeit. Die Habsucht, womit selbst die geringsten Bedienten unter dem vorigen Präsidenten an sich rissen, was sie unentdeckt an sich reissen konnten, verschwand jetzt völlig, weil jedermann richtig empfing, was ihm gehörte, und weder durch Not noch durch das Beispiel seines Obern zu Schelmereien sich für berechtigt hielt.
Der Graf Ohlau starb sehr bald nach Herrmanns Heirat unter Kummer, Unwillen und übler Laune, ohne seine Gesinnungen gegen Ulriken zu ändern. Herrmann verschaffte, wie schon gesagt worden ist, der Gräfin ein kleines Gnadengeld vom Fürsten, und die Dankbarkeit machte sie um soviel gütiger und freundschaftlicher gegen ihn, da sie ihr stolzer Gemahl nicht mehr zwang, härter und unfreundlicher zu sein, als ihr Herz wollte. Sie lebt auf dem land, im stillen, zwar ohne Mangel, aber in beständiger Kränklichkeit unter mancher Unruhe über den Verlust ihres vorigen Wohlstandes, ob sie ihn gleich äusserlich ganz verschmerzt zu haben scheint. Unglück und Einsamkeit haben sie sehr andächtig gemacht: sie liest täglich Erbauungsbücher, wird von niemandem als dem Prediger des Orts besucht, der alle Nachmittage eine Betstunde mit ihr halten muss, und achtet alle zeitliche Freuden und Herrlichkeiten für Kot, da sie keine mehr besitzen soll.
Ulrikens Mutter starb schon vor vielen Jahren, als sich Herrmann auf dem land aufhielt. Der Sturz mit dem Pferde, der sie hinderte, ihre Tochter von Dresden abzuholen, brachte sie in die hände eines unerfahrnen Wundarztes